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Judenhass in Frankreich : Die Täter machen es wie die Nazis

Seit der Dreyfus-Affäre 1894, als Emile Zola sein Pamphlet „J’accuse“ publizierte, kämpfte die Linke gegen den Antisemitismus. „Eine neue radikale Linke hat diese Tradition verraten“, sagt Elisabeth Badinter. „Sie solidarisiert sich mit den Arabern in den Banlieues und den Palästinensern. Der Kampf für diese Antizionisten hat den Kampf gegen den Antisemitismus zur Strecke gebracht. Marine Le Pen sagt, dass sie keine Antisemitin sei, das mag ja so sein – in ihrer Truppe und in ihrer Wählerschaft ist der traditionelle Antisemitismus keineswegs überwunden. Aber seit dreißig Jahren ist es nicht dieser Antisemitismus, der die Juden verfolgt, sondern der neue Antisemitismus der Islamisten.“

Wer sich dagegen wende, werde schnell der „Islamophobie“ bezichtigt: „Mit diesem Begriff werden „die Kritiker des Islams zum Schweigen gebracht. Seine Haltung gegenüber der Frau und der Antisemitismus des Islamismus werden nicht beim Namen genannt.“ Niemand wolle sich dem Vorwurf des Rassismus aussetzen, sagt Elisabeth Badinter, die seit dreißig Jahren für ein Verschleierungsverbot plädiert, lässt sich nicht einschüchtern: „Mich darf man gerne als islamophob bezeichnen. Ich spreche von ihrer Religion und ihren Überzeugungen. Das französische Gesetz erlaubt das auch, so wie es die Gotteslästerung erlaubt.“ Sie sei stets bemüht, niemanden persönlich anzugreifen. „Aber Meinungen und Handlungen darf man radikal in Frage stellen.“

Einschüsse an der Fensterfront des koscheren Supermarkts Hyper Cacher in Paris, in dem ein Islamist am 12. Januar 2015 vier Menschen ermordete.
Einschüsse an der Fensterfront des koscheren Supermarkts Hyper Cacher in Paris, in dem ein Islamist am 12. Januar 2015 vier Menschen ermordete. : Bild: Reuters

Auch die „Loi Gayssot“, ein Gesetz, das als Reaktion auf die Grabschändungen von Carpentras erlassen wurde und Auschwitz-Leugner ins Gefängnis bringt, lehnt sie ab. „Ein Rassist oder ein Antisemit wird dadurch nicht zur Vernunft gebracht. Ich habe mich stets gegen die ‚Erinnerungs-Gesetze‘ ausgesprochen, sie behindern die Forschung und die Geschichtsschreibung. Ich bin gegen jede Zensur.“

Natürlich hat sie mit Journalisten über das Versagen der Medien gesprochen. Sie rechtfertigen es mit einem Präzedenzfall von vor fünfzehn Jahren. Damals hatte der Privatsender tf1 am Tag vor der Wahl ausführlichst über ein brutales Verbrechen an einem Rentner berichtet – und, so glaubte man, so Jean-Marie Le Pen beim Einzug in die Stichwahl geholfen. Sarah Halimi war zwei Wochen vor dem ersten Wahlgang der diesjährigen Präsidentenwahl ermordet worden.

Inzwischen hat der Staatsanwalt das antisemitische Motiv für die Anklage im Fall Halimi übernommen. Mehrere Intellektuelle – Alain Finkielkraut, Pascal Bruckner, Michel Onfray – haben eine Petition lanciert, in dem sie „Die Wahrheit über den Mord an Sarah Halimi“ fordern. „Ich dachte zunächst, es kann sich nur um Fake News handeln. Ein derart unerhörtes, unfassbares Verbrechen – und keiner redet davon“, sagt Elisabeth Badinter und erklärt ihr eigenes sechsmonatiges Schweigen auch damit, dass sie ihrem Land im Ausland nicht habe schaden wolle. Vor allem die amerikanische Presse sei immer scharf auf solche Geschichten, aber: „Frankreich ist nicht antisemitisch!“

Sie wolle auch darauf hinweisen, dass ich mit Robert Badinter verheiratet sei, dessen Vater im Krieg ermordet wurde und der sich regelmäßig zum Thema Antisemitismus äußere. „Als während einer propalästinensischen Demonstration in Paris ‚Tod den Juden‘ geschrien wurde und kein einziger Nichtjude das Wort ergriff, schrieb er einen Artikel für ‚Le Monde‘“, sagt sie. Nach dem, was mit Sarah Halimi geschehen war, konnte auch sie nicht länger schweigen. Und nochmals sagt sie den Satz, in den ihr Appell in „L’Express“ mündete: „Lasst die Juden im Kampf mit dem Antisemitismus nicht allein. Sonst ist er im Voraus verloren.“

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