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Jüdische Zeremonialobjekte : Ausgeplündert, entehrt, arisiert

In der Pogromnacht 1938 entwendet: Chanukka-Leuchter aus der Sammlung von Sigmund Nauheim (1874-1935), zu sehen im Herbst 2008 in einer Ausstellung über den Kunstraub der Nationalsozialisten im Jüdischen Museum Berlin Bild: Picture-Alliance

Gestohlene Judaica: Herauszufinden, woher sie stammen und wann die Nazis sie raubten, ist für Provenienzforscher eine der schwierigsten Aufgaben. Eine Fachtagung in Berlin dreht sich um diese Fragen.

          Wenn in Deutschland jedes Jahr im November der Pogromnacht von 1938 gedacht wird, haben alle die brennenden Synagogen vor Augen, die Bilder brutaler Übergriffe auf Juden, auf ihre Geschäfte und Wohnhäuser. Schon weniger bekannt ist die von Reinhard Heydrich, Chef des Sicherheitsdienstes der SS, angeordnete Beschlagnahmung des in Synagogen und Räumen jüdischer Kultusgemeinden verwahrten Archivmaterials. Das sollte laut Befehl vor den Hassmärschen und Brandschatzungen von der Gestapo geborgen und abgegeben werden.

          Regina Mönch

          Freie Autorin im Feuilleton.

          Es ging um die Verzeichnisse von Trauungen, Geburten, Todesfällen, um „Judenakten“ – für die sogenannte Rasseforschung, aber vor allem, um mit diesen Quellen feststellen zu können, wer Jude ist. Gleichzeitig waren private Wohnungen und Häuser durchsucht und geplündert worden. Die Gestapo sollte alles mitnehmen, was sie als jüdisch zu erkennen meinte, und so wurden in dieser und ähnlichen Nächten auch jüdische Zeremonialobjekte, Judaica, im großen Stil geraubt. In den deutschen Archiven verschwanden damals nicht nur die Matrikel, mit denen Deutsche als Juden identifiziert werden sollten, sondern auch – gewissermaßen als Beifang – die identitätsstiftenden Kultobjekte des Judentums, die Schabbatleuchter und Torarollen, die Handschriften und das Tafelsilber so vieler Familien.

          Was später nicht eingeschmolzen wurde – Bücher wurden eingestampft –, kam oftmals in die Museen der jeweiligen Region. Und dort, meist in den Depots, liegen Judaica, nicht selten uninventarisiert, bis heute. Die Rolle der Museen beim Raub von Judaica ist ambivalent, einige rechtfertigten später ihren ungeklärten Besitz auch mit Rettungsabsichten, vermeintlichen und wahren, angesichts der Plünderungen. Die Historikerinnen Carolin Lange und Christine Bach (beide München) haben den bayerischen Forschungsstand zu dieser komplexen Geschichte ausführlich in einem Beitrag für die vortreffliche Reihe MuseumsBausteine (Band 18, Deutscher Kunstverlag) behandelt.

          Mühsame Spurensuche

          Auch in ihrem Vortrag auf der ersten wissenschaftlichen Tagung, die sich ausschließlich mit dem Raub und, im Glücksfall, Wiederauffinden von Judaica befasste, analysierte Carolin Lange die Bedeutung dieses historischen Wendepunktes 1938 für die heutige Provenienzforschung. Experten aus Deutschland, Israel und einigen europäischen Ländern sowie Kustoden aus Museen, vor allem regionalen, eher kleinen Häusern, trafen sich jetzt im Jüdischen Museum Berlin, um sich über Möglichkeiten und Hindernisse dieses lange vernachlässigten Zweiges der Herkunftsforschung auszutauschen. Dabei geht es um viel, denn der Raubzug der Nationalsozialisten hatte auch das Ziel, eine Religion auszulöschen. Die materielle Kultur des Judentums, die Zeremonialobjekte und Handschriften aus Synagogen und Privatwohnungen, wurde weitgehend zerstört oder verschwand. Wohin, das ist nun endlich in den Fokus der Forschung gerückt.

          Was man in den Jahren nach dem Kriegsende noch gefunden hatte, etwa von Mitarbeitern der „Jewish Cultural Reconstruction“ (JCR), war damals an jüdische Institutionen außerhalb Europas, unter anderem auch an das Bezalel-Museum in Jerusalem, verteilt worden. Immer war dabei klar, dass es sich nur um einen Bruchteil des Geraubten handelte und vor allem die Museen genauer untersucht werden müssten. Deutsche Dachböden auch, müsste man hinzufügen, doch was sich hier fand und immer mal wieder findet, um dann in einem Museum abgeliefert zu werden, ist dem Zufall überlassen.

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