https://www.faz.net/-gqz-8if9t

Schriftsteller zum Brexit : I don’t believe it!

  • -Aktualisiert am

Für Briten ist der europäische Kontinent einfach nur ein Ort, an dem es keinen anständigen Tee gibt. Bild: Mauritius

Wir Briten sind keine Freunde von politischen Ideen, und als alte Krämernation betrachten wir die EU ohnehin nur unter pekuniären Aspekten – eine krasse Fehleinschätzung. Ein Gastbeitrag.

          Mit der entsprechenden Werbemaschinerie kann heutzutage alles ein „Klassiker“ werden, aber wenn in den vergangenen Jahrzehnten eine klassische britische Sitcom produziert wurde, dann muss es David Renwicks „One Foot in the Grave“ sein, die von 1990 bis 2000 lief. Darin spielt Richard Wilson einen älteren Mann, dessen Unfähigkeit, mit der modernen Welt zurechtzukommen, zu lauter Pannen und Pleiten führt. Das Drehbuch ist so wunderbar wie der Schauspieler mit seinem beispiellosen Gespür für Timing und Komik. Was die Serie unvergesslich machte, war nicht nur die Reizbarkeit eines intoleranten alten Mannes (der ausgerechnet Victor hieß). Wirklich schmerzhaft war, dass er mit seinen unbeherrschten Klagen meistens recht hatte. Die Nachbarn sind rüde, ordinär oder einfach gedankenlos. Das soziale Umfeld ist oberflächlich und desinteressiert, Amtspersonen sind unfähig und abweisend. Und so komisch das alles ist, ein derart würdeloses Leben muss einen empfindlichen Menschen wie Victor mit seinen altmodischen Wertvorstellungen natürlich zur Verzweiflung bringen.

          Victors Problem ist, dass er alles persönlich nimmt. Auf die banalste Beleidigung, die leiseste Kränkung reagiert er mit einem Wutanfall, der stets mit den inzwischen legendären Worten „I don’t believe it!“ beginnt. Der Ausruf „Ich fasse es nicht“ - von Wilson besonders betont, fast überschlägt sich seine Stimme bei der zweiten Silbe - ist bei uns zur stehenden Redewendung geworden, und Victor, der sich immerfort an Nebensächlichkeiten aufreibt und keinen Blick für die wahren Probleme hat, gehört mittlerweile zur Riege der absurden, heißgeliebten britischen Exzentriker. In vielerlei Hinsicht könnte er als Urtypus jener neuen Ukip-Wähler gelten, denen es auf mysteriöse Weise gelungen ist, eine ausgesprochen unternehmerfreundliche Regierung an den Rand eines Austritts aus der EU zu drängen - ein Schritt, der vor allem für Unternehmen eine Katastrophe wäre.

          Unbenanntes Dokument

          Die neue digitale Zeitung F.A.Z. PLUS

          Die ganze F.A.Z. in völlig neuer Form, mit zusätzlichen Bildern, Videos, Grafiken, optimiert für Smartphone und Tablet. Jetzt gratis testen.

          Aus mancherlei Gründen (ich nenne nur soziale Gerechtigkeit und Umweltfragen) bin ich nicht besonders unternehmerfreundlich. Meine Sympathien für Europa beruhen auf anderen Werten, und mir missfällt, wie vielen anderen Menschen auch, auf welche Weise die Unternehmer unsere Ideale gekapert haben. Aber ich staune über meine antieuropäischen Landsleute, die, selbst wenn sie die politischen, moralischen und intellektuellen Vorteile eines Verbleibs in einem vereinten Europa nicht sehen, bereitwillig die ökonomischen Risiken eines „Brexits“ ignorieren - Risiken nicht nur für uns, sondern auch für die anderen Länder in Europa und darüberhinaus. Das ist dumm. Borniert. Man schneidet sich ins eigene Fleisch. Und während wir der überflüssigsten Krise der jüngeren Geschichte entgegentaumeln, kann ich nur ausrufen: I don’t believe it!

          Wie ist es zu dieser Situation gekommen? Ich weiß, es ist eine ernste Sache, aber die erste der beiden Erklärungen, die ich in meiner Ratlosigkeit und Betroffenheit vorbringen möchte, könnte etwas unernst, ja flapsig klingen. Das ist nicht meine Absicht. Es ist nur eine Reaktion auf die absurden Argumente der Austrittsbefürworter, die immerfort von nationaler Souveränität reden. Ich kann von Glück sagen, dass ich während der fieberhaften Wochen vor dem Referendum über die schottische Unabhängigkeit in Berlin war, aber damals dachte ich, wie naiv die Leute doch sind, wenn man ihnen mit Worten wie „Unabhängigkeit“ und „Souveränität“ kommt.

          Ging das nur mir so, oder ignorierten meine sonst so gutinformierten schottischen Landsleute bewusst die Tatsache, dass in der gegenwärtigen globalen Finanzwelt (also unter den Bedingungen des konsumkapitalistischen Imperialismus) Dinge wie nationale Souveränität, Unabhängigkeit oder, Gott bewahre, Freiheit im Grunde illusionär sind? Wir werden nicht von Regierungen regiert, sondern von Geld und seinen Repräsentanten, und solange Wahlen bei uns nicht auf einer anderen Grundlage durchgeführt werden, kann man das Modell der „repräsentativen Demokratie“ getrost vergessen. Natürlich ist der Konsumkapitalismus auch für Europa ein Riesenproblem. Das ist mir klar. Aber das Entscheidende an Europa, das wir als übermächtige, vielköpfige Hydra ablehnen, sind bestimmte Ideen, die von Anfang an wichtig waren (und in den vergangenen Jahren oft fern und diffus erscheinen konnten).

          Das Dumme ist, dass wir Briten keine Freunde von „Ideen“ sind, schon gar nicht von politischen Ideen. Karl Marx mag einige seiner wichtigsten Werke in der British Library geschrieben haben, aber wenn wir gewusst hätten, was ihn umtrieb, hätten wir seinen Leserausweis eingezogen. Der einzige politische Philosoph, den wir bewundern, ist Machiavelli. Das liegt, wie ich als ehemaliger Staatsdiener bestätigen kann, nur daran, dass die von ihm gepriesenen Tugenden im Denken eines jeden mittleren Beamten tief verankert sind.

          Neurotische Selbstgefälligkeit

          Wenn Europäer von Ehrgeiz sprechen, stellen wir uns vor, dass Geduld und kleine Tricks möglicherweise zur erwünschten Beförderung führen. Das mag zynisch klingen, aber wozu hat man Landsleute, wenn man nicht über sie spotten kann? Außerdem ist es eine Tatsache, dass die Briten sich im Allgemeinen nicht sonderlich für Abstraktionen interessieren. Wir sind von Hause aus Realisten oder bilden es uns zumindest ein - nüchterne Pragmatiker, die, wenn sie eine philosophische Haltung einnehmen sollen, ihr Heil in allerkrudester Empirie suchen. Für uns hat Europa also nichts mit Ideen zu tun. Europa ist schlicht ein Ort, wo es keinen anständigen Tee gibt und die meisten jungen Leute zu unserer großen Beschämung fließend Englisch sprechen, während wir uns nur ausnahmsweise bemühen, ein paar Brocken in ihrer Sprache zu lernen. Als ein Kölner Freund mir erzählte, wie irritierend und erschreckend er die Einstellung der Briten zum europäischen Projekt finde, versuchte ich ihm zu erklären, dass Europa für uns nichts mit Menschenrechten und Gerechtigkeit zu tun hat und damit, dass alle Menschen Brüder werden, und wenn es dann heißt: „Seid umschlungen, Millionen! Diesen Kuss der ganzen Welt“ -, nun ja, das stehen wir durch, bis sich das Gespräch wieder dem Thema Geld zuwendet.

          Verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Viele Briten können, wie unser Freund Victor, es einfach nicht fassen, wie triumphalistisch unsere antiintellektuelle Kultur geworden ist. Im Grunde ist sie das schon immer gewesen. Kaum jemand weiß, dass es nicht Napoleon war, sondern Adam Smith, der die Briten zuerst als Krämernation bezeichnete: „Ein großes Reich allein errichten zu wollen, um sich ein Volk von Kunden heranzuziehen, scheint auf den ersten Blick ein Projekt zu sein, das nur einer Nation von Krämern angemessen ist. Freilich wäre ein solches Projekt einer Nation von Krämern keineswegs angemessen, wohl aber einer Nation, deren Regierung von Krämern beeinflusst wird.“ Es ist ernüchternd zu sehen, wie gut Adam Smith das auf den Punkt gebracht hat. Bei den kleinen Leuten äußert sich diese Krämermentalität in der Maxime „Wer den Pfennig nicht ehrt, ist des Talers nicht wert“. Und obwohl wir wissen, dass die Taler meist dort bleiben, wo sie sind, nämlich in den Taschen der Reichen, klammern wir uns mit neurotischer Selbstgefälligkeit an diese primitive Art der Buchhaltung.

          Europa wurde von Unternehmern gekapert

          Die Illusion, eine „besondere Beziehung“ zur weltweit größten Nation von Krämern (und aktuell einzigen Supermacht) zu haben, hilft natürlich auch nicht weiter. Einstellungen zu Geld, die noch vor einer Generation den meisten Leuten abstoßend und inakzeptabel erschienen wären, werden heutzutage glorifiziert, während Armut, worin auch immer begründet, als verwerflich oder, in gemäßigteren Breiten, als peinlich gilt. Und was Ideen angeht - unabhängiges, kritisches Denken, intellektuelle Ambitionen -, nun ja, das überlassen wir der Werbebranche.

          Das bevorstehende Referendum hat also, es tut mir leid, für den Durchschnittsbriten fast nichts mit der europäischen Idee zu tun. Es hat vor allem mit Geld zu tun - zu Recht, wenn man bedenkt, wie ungerecht bestimmte EU-Subventionspraktiken in Großbritannien sind (nehmen wir nur die Agrarsubventionen, die von hiesigen Millionären wie selbstverständlich eingestrichen werden). Und zu Recht auch, weil es wichtige ökonomische Fragen und Anomalien gibt, über die diskutiert werden muss, wenn Europa seine Ideale auch nur halbwegs verwirklichen will. Ich bin ein großer Bewunderer all dessen, was Europa in den Anfangsjahren erreicht hat, und schätze die politischen Ideale, in deren Namen viele Leute sich für Frieden, soziale Gerechtigkeit und (aus meiner Sicht noch längst nicht genug) für Umweltschutz engagieren. Wir müssen jedoch erkennen, dass Europa auf allen Ebenen von Unternehmern gekapert wurde, so wie Hallimasch sich in einem Wald ausbreitet, der, wenn wir nicht handeln, am Ende komplett sterben wird. Die Gründe, weshalb wir handeln müssen, also die fundamentalen europäischen Ideale, kommen in den britischen Medien kaum vor.

          In unseren Medien geht es vor allem um das Thema Einwanderung. Fremdenfeindlichkeit ist, unübersehbar, leider überall ein Problem geworden. Die neue Einwanderungsdebatte hat dazu geführt, dass Würmer, die sich noch bis vor kurzem lieber im Verborgenen aufgehalten haben, nun aus ihren Löchern kriechen. Den „Strömen von Blut“, von denen Enoch Powell einst sprach, sind wir ziemlich nahe gekommen. Vor den Gefahren einer „kraftlosen“ Einwanderungspolitik zu warnen ist das tägliche Brot für die unangenehmsten Elemente der Konservativen Partei. Dass Einwanderung für die Wirtschaft und das kulturelle Leben des Aufnahmelandes nach allen Erkenntnissen einen überwiegend positiven Effekt hat, scheint Ukip-Wähler und Tory-Hardliner nicht zu interessieren. Ebenso wenig interessiert sie, dass Großbritannien auf dem Gebiet der Kunst, in der Forschung, in puncto soziale Gerechtigkeit und in vielen anderen Bereichen enorm von der EU-Mitgliedschaft profitiert hat.

          Ein vereintes Europa ist die beste Chance

          Leider wird das Thema Einwanderung allzu oft mit Fragen der nationalen Souveränität und Sicherheit verknüpft. Der wachsende Nationalismus in Großbritannien ist wirklich ein Problem. Der schottische und walisische Nationalismus war einst Ausdruck eines glaubwürdigen Widerstands gegenüber der Autokratie von Westminster, zumal während der Thatcher-Jahre; in jüngster Zeit aber hat dieser Nationalismus eine recht unangenehme Seite entwickelt, was man während des schottischen Referendums sehen konnte.

          In England werden die kleinen Leute seit Jahren von einer zynischen Regierung im Stich gelassen (eine sozialdemokratische Partei gibt es schon lange nicht mehr), weshalb es kein Wunder ist, dass sie zur Ukip mit ihren bunten Fähnchen laufen. Diesen Leuten, von denen viele seit einer Generation oder länger gezwungenermaßen arbeitslos sind, haben Ukip und deren ultrakonservative Freunde jedoch nichts anzubieten. Was die Arbeitslosen brauchen, was die Unterprivilegierten brauchen, was all jene brauchen, die im konsumkapitalistischen Imperialismus keine Chance haben, sind Ideen, kraftvolle Ideen, die sich der Macht der Unternehmer entziehen.

          Trotz allem, was wir in der letzten Zeit erlebt haben, ist ein vereintes Europa die beste Chance, um sich diesen neuen Ideen zu öffnen. Ich hoffe sehr, dass Großbritannien sich am 23. Juni nicht für einen Austritt aus der EU entscheidet - wenn wir es überleben, sollten wir die Lehre daraus ziehen und uns fragen, welche Ideen uns wirklich wichtig sind und ob wir ernsthaft bereit sind, für sie einzutreten. Sollte sich herausstellen, dass der Mord an Jo Cox auf die hasserfüllte Rhetorik einiger Antieuropäer zurückgeht, dann werden wir angesichts der Entwicklung der politischen Debatte in Großbritannien nicht mehr verzweifelt und ratlos sein, sondern Entsetzen und Abscheu empfinden - und einige von uns gewiss auch Scham.

          Der Schriftsteller John Burnside, 1955 im schottischen Dunfermline geboren, veröffentlichte zuletzt den Roman „Haus der Stummen“. In wenigen Wochen erscheint „Wie alle anderen“ bei Knaus.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Des einen Freud’: Der Bund gibt viel Geld für Pensionen aus.

          Beamte im Ruhestand : Die Pensionslasten steigen um 70 Milliarden Euro

          Den Bund kommen die Gehälter und Beihilfen für seine Beamten im Ruhestand immer teurer zu stehen. Inzwischen rechnet er mit einem Betrag von deutlich mehr als 700 Milliarden Euro. Darunter leiden vor allem die Länder.
          FDP-Chef Christian Lindner im ARD-Interview

          TV-Kritik: Sommerinterviews : Nur posieren reicht nicht

          Christian Lindner und Robert Habeck treten in ARD und ZDF gegeneinander an – ohne dabei den jeweils anderen zu erwähnen. Während der FDP-Chef auf eine desinteressierte Fragestellerin trifft, geriert sich der Grünen-Vorsitzende als Schlitzohr.
          Gratulation vom Präsidenten: Emmanuel Macron (links) mit Julian Alaphilippe.

          Hochspannung beim Radsport : Frankreich dreht bei der Tour am Rad

          Was ist nur los bei dieser Tour de France? Alles, was sicher schien, ist ins Wanken geraten. Frankreich hat einen Mann im Gelben Trikot – und einen, der das wichtigste Radsport-Rennen der Welt gewinnen kann.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.