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Schriftsteller zum Brexit : I don’t believe it!

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Das bevorstehende Referendum hat also, es tut mir leid, für den Durchschnittsbriten fast nichts mit der europäischen Idee zu tun. Es hat vor allem mit Geld zu tun - zu Recht, wenn man bedenkt, wie ungerecht bestimmte EU-Subventionspraktiken in Großbritannien sind (nehmen wir nur die Agrarsubventionen, die von hiesigen Millionären wie selbstverständlich eingestrichen werden). Und zu Recht auch, weil es wichtige ökonomische Fragen und Anomalien gibt, über die diskutiert werden muss, wenn Europa seine Ideale auch nur halbwegs verwirklichen will. Ich bin ein großer Bewunderer all dessen, was Europa in den Anfangsjahren erreicht hat, und schätze die politischen Ideale, in deren Namen viele Leute sich für Frieden, soziale Gerechtigkeit und (aus meiner Sicht noch längst nicht genug) für Umweltschutz engagieren. Wir müssen jedoch erkennen, dass Europa auf allen Ebenen von Unternehmern gekapert wurde, so wie Hallimasch sich in einem Wald ausbreitet, der, wenn wir nicht handeln, am Ende komplett sterben wird. Die Gründe, weshalb wir handeln müssen, also die fundamentalen europäischen Ideale, kommen in den britischen Medien kaum vor.

In unseren Medien geht es vor allem um das Thema Einwanderung. Fremdenfeindlichkeit ist, unübersehbar, leider überall ein Problem geworden. Die neue Einwanderungsdebatte hat dazu geführt, dass Würmer, die sich noch bis vor kurzem lieber im Verborgenen aufgehalten haben, nun aus ihren Löchern kriechen. Den „Strömen von Blut“, von denen Enoch Powell einst sprach, sind wir ziemlich nahe gekommen. Vor den Gefahren einer „kraftlosen“ Einwanderungspolitik zu warnen ist das tägliche Brot für die unangenehmsten Elemente der Konservativen Partei. Dass Einwanderung für die Wirtschaft und das kulturelle Leben des Aufnahmelandes nach allen Erkenntnissen einen überwiegend positiven Effekt hat, scheint Ukip-Wähler und Tory-Hardliner nicht zu interessieren. Ebenso wenig interessiert sie, dass Großbritannien auf dem Gebiet der Kunst, in der Forschung, in puncto soziale Gerechtigkeit und in vielen anderen Bereichen enorm von der EU-Mitgliedschaft profitiert hat.

Ein vereintes Europa ist die beste Chance

Leider wird das Thema Einwanderung allzu oft mit Fragen der nationalen Souveränität und Sicherheit verknüpft. Der wachsende Nationalismus in Großbritannien ist wirklich ein Problem. Der schottische und walisische Nationalismus war einst Ausdruck eines glaubwürdigen Widerstands gegenüber der Autokratie von Westminster, zumal während der Thatcher-Jahre; in jüngster Zeit aber hat dieser Nationalismus eine recht unangenehme Seite entwickelt, was man während des schottischen Referendums sehen konnte.

In England werden die kleinen Leute seit Jahren von einer zynischen Regierung im Stich gelassen (eine sozialdemokratische Partei gibt es schon lange nicht mehr), weshalb es kein Wunder ist, dass sie zur Ukip mit ihren bunten Fähnchen laufen. Diesen Leuten, von denen viele seit einer Generation oder länger gezwungenermaßen arbeitslos sind, haben Ukip und deren ultrakonservative Freunde jedoch nichts anzubieten. Was die Arbeitslosen brauchen, was die Unterprivilegierten brauchen, was all jene brauchen, die im konsumkapitalistischen Imperialismus keine Chance haben, sind Ideen, kraftvolle Ideen, die sich der Macht der Unternehmer entziehen.

Trotz allem, was wir in der letzten Zeit erlebt haben, ist ein vereintes Europa die beste Chance, um sich diesen neuen Ideen zu öffnen. Ich hoffe sehr, dass Großbritannien sich am 23. Juni nicht für einen Austritt aus der EU entscheidet - wenn wir es überleben, sollten wir die Lehre daraus ziehen und uns fragen, welche Ideen uns wirklich wichtig sind und ob wir ernsthaft bereit sind, für sie einzutreten. Sollte sich herausstellen, dass der Mord an Jo Cox auf die hasserfüllte Rhetorik einiger Antieuropäer zurückgeht, dann werden wir angesichts der Entwicklung der politischen Debatte in Großbritannien nicht mehr verzweifelt und ratlos sein, sondern Entsetzen und Abscheu empfinden - und einige von uns gewiss auch Scham.

Der Schriftsteller John Burnside, 1955 im schottischen Dunfermline geboren, veröffentlichte zuletzt den Roman „Haus der Stummen“. In wenigen Wochen erscheint „Wie alle anderen“ bei Knaus.

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