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Schriftsteller zum Brexit : I don’t believe it!

  • -Aktualisiert am

Das Dumme ist, dass wir Briten keine Freunde von „Ideen“ sind, schon gar nicht von politischen Ideen. Karl Marx mag einige seiner wichtigsten Werke in der British Library geschrieben haben, aber wenn wir gewusst hätten, was ihn umtrieb, hätten wir seinen Leserausweis eingezogen. Der einzige politische Philosoph, den wir bewundern, ist Machiavelli. Das liegt, wie ich als ehemaliger Staatsdiener bestätigen kann, nur daran, dass die von ihm gepriesenen Tugenden im Denken eines jeden mittleren Beamten tief verankert sind.

Neurotische Selbstgefälligkeit

Wenn Europäer von Ehrgeiz sprechen, stellen wir uns vor, dass Geduld und kleine Tricks möglicherweise zur erwünschten Beförderung führen. Das mag zynisch klingen, aber wozu hat man Landsleute, wenn man nicht über sie spotten kann? Außerdem ist es eine Tatsache, dass die Briten sich im Allgemeinen nicht sonderlich für Abstraktionen interessieren. Wir sind von Hause aus Realisten oder bilden es uns zumindest ein - nüchterne Pragmatiker, die, wenn sie eine philosophische Haltung einnehmen sollen, ihr Heil in allerkrudester Empirie suchen. Für uns hat Europa also nichts mit Ideen zu tun. Europa ist schlicht ein Ort, wo es keinen anständigen Tee gibt und die meisten jungen Leute zu unserer großen Beschämung fließend Englisch sprechen, während wir uns nur ausnahmsweise bemühen, ein paar Brocken in ihrer Sprache zu lernen. Als ein Kölner Freund mir erzählte, wie irritierend und erschreckend er die Einstellung der Briten zum europäischen Projekt finde, versuchte ich ihm zu erklären, dass Europa für uns nichts mit Menschenrechten und Gerechtigkeit zu tun hat und damit, dass alle Menschen Brüder werden, und wenn es dann heißt: „Seid umschlungen, Millionen! Diesen Kuss der ganzen Welt“ -, nun ja, das stehen wir durch, bis sich das Gespräch wieder dem Thema Geld zuwendet.

Verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Viele Briten können, wie unser Freund Victor, es einfach nicht fassen, wie triumphalistisch unsere antiintellektuelle Kultur geworden ist. Im Grunde ist sie das schon immer gewesen. Kaum jemand weiß, dass es nicht Napoleon war, sondern Adam Smith, der die Briten zuerst als Krämernation bezeichnete: „Ein großes Reich allein errichten zu wollen, um sich ein Volk von Kunden heranzuziehen, scheint auf den ersten Blick ein Projekt zu sein, das nur einer Nation von Krämern angemessen ist. Freilich wäre ein solches Projekt einer Nation von Krämern keineswegs angemessen, wohl aber einer Nation, deren Regierung von Krämern beeinflusst wird.“ Es ist ernüchternd zu sehen, wie gut Adam Smith das auf den Punkt gebracht hat. Bei den kleinen Leuten äußert sich diese Krämermentalität in der Maxime „Wer den Pfennig nicht ehrt, ist des Talers nicht wert“. Und obwohl wir wissen, dass die Taler meist dort bleiben, wo sie sind, nämlich in den Taschen der Reichen, klammern wir uns mit neurotischer Selbstgefälligkeit an diese primitive Art der Buchhaltung.

Europa wurde von Unternehmern gekapert

Die Illusion, eine „besondere Beziehung“ zur weltweit größten Nation von Krämern (und aktuell einzigen Supermacht) zu haben, hilft natürlich auch nicht weiter. Einstellungen zu Geld, die noch vor einer Generation den meisten Leuten abstoßend und inakzeptabel erschienen wären, werden heutzutage glorifiziert, während Armut, worin auch immer begründet, als verwerflich oder, in gemäßigteren Breiten, als peinlich gilt. Und was Ideen angeht - unabhängiges, kritisches Denken, intellektuelle Ambitionen -, nun ja, das überlassen wir der Werbebranche.

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