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John Brockman im Porträt : Der Weltgeist, der aus der Gegenkultur kam

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Als John Brockman drei Jahre alt war, kündigte er an: „Ich will nach New York!“ Dort zieht er seit Jahrzehnten die Strippen im geistigen Leben Bild: wowe

Sei aufregend, anregend, überzeugend: Das fordert John Brockman von sich und anderen. Der wohl wichtigste Buchagent der Welt versammelt in seinem Internetsalon „Edge“ die Cyber-Elite. Ein Besuch.

          7 Min.

          Das Internet gab es noch nicht, aber darüber geredet haben sie doch. In New York war es, vor einem halben Jahrhundert. „Cage“, erinnert sich John Brockman, „sprach immer vom Geist, den wir alle teilen. Das war kein holistischer Quatsch. Das waren tiefgründige kybernetische Ideen.“ Zu hören bekam er sie, wenn John Cage, der Musikrevolutionär, Zenmeister und Pilzesammler, ihn und ein paar Freunde wieder mal mit Pilzen bekochte. Irgendwann schickte Cage ihn mit einem Buch nach Hause. „Das ist für dich“, sagte er zum Abschied. Und redete danach nie mehr mit Brockman. Was der lange nicht begreifen konnte. „John, das ist Zen“, erklärte ihm schließlich ein Freund. „Du brauchst ihn nicht mehr.“

          (English Version: The World Mind That Came In From the Counterculture)

          Norbert Wiener hieß der Autor, „Kybernetik, Regelung und Nachrichtenübertragung in Lebewesen und Maschine“ das Buch. Seite um Seite kämpfte sich Brockman durch den wissenschaftlichen Text, zusammen mit Stewart Brand, seinem Freund, der bald den Whole Earth Catalog, die Einkaufsfibel und -bibel der umweltbewegten Gegenkultur, herausgeben sollte. Physik und Mathematik weiteten sich für die beiden Leser in einen unendlichen Raum, der zwischen natürlichen und geistigen Wissenschaften, Bewusstsein und Materie, Suchen und Finden keinen Unterschied mehr machte.

          Wie in solch weitschweifigen Gedankenabenteuern der sechziger Jahre das Internet als Idee heraufdämmerte, so zeichnete sich damals auch schon Edge ab, der Internetsalon, um den heute Brockmans Leben kreist. Edge, das ist der Treffpunkt für die Cyber-Elite, die erlauchtesten Geister, die das Vorfeld der neuesten natur- und sozialwissenschaftlichen Entwicklungen prägen, ob nun digital oder gentechnisch, ob psychologisch, kosmologisch oder neurologisch. Jedenfalls melden sich bei Brockman nicht nur Digerati aus dem Computeruniversum des Silicon Valley zu Wort, sondern genauso häufig Koryphäen wie die Evolutionsbiologen Richard Dawkins und Steven Pinker, der Philosoph Daniel Dennett, der Kosmologe Martin Rees, die biologische Anthropologin Helen Fisher, der Ökonom, Psychologe und Nobelpreisträger Daniel Kahneman, der Quantenphysiker David Deutsch, der Computerwissenschaftler Marvin Minsky, der Sozialtheoretiker Anthony Giddens. Vom Apple-Mitbegründer Steve Wozniak bis zum Genomentschlüsseler Craig Venter reicht seine Gästeliste, die ihresgleichen auch in der grenzenlosen Weite des Internets kaum finden wird. Sogar der Schauspieler Alan Alda und der Schriftsteller Ian McEwan sind bei ihm anzutreffen.

          Die Brücke der Dritten Kultur

          Zum Anfang jeden Jahres geht eine Frage an alle Salonniers. Diesmal lautet sie: „Welche wissenschaftliche Idee ist reif für den Ruhestand?“ Im „redaktionellen Marschbefehl“, den Brockman dazu erteilt, enthüllt sich auch der Kern von Edge: „Bohrt tiefer als die Nachrichten. Erzählt mir etwas, was ich noch nicht weiß. Ihr schreibt für eure Ko-Edgies, eine anspruchsvolle Bande, nicht für die breite Öffentlichkeit. Schreibt über Ideen, Theorien, Denksysteme, Disziplinen, aber nicht über Personen. Lasst euch was einfallen, seid aufregend, anregend, überzeugend. Erzählt uns eine tolle Geschichte. Erstaunt, erfreut und überrascht uns!“

          Muss er das alles wirklich ausbuchstabieren? Gehören doch nicht wenige der Autoren zu seinem Klientenstamm, den er weltweit vermarktet, und sie wissen genau, was er von ihnen erwartet und sie von ihm erwarten können. Als ihr Buchagent lässt er sich keine Geschäftsgelegenheit entgehen, ja, er hat sich den Ruf erworben, erstaunliche Summen beim Verkauf von Titeln herauszuschlagen, die, im Gegensatz zu Edge, durchaus den populärwissenschaftlichen Effekt anpeilen. Über allem aber glitzert der Begriff der Dritten Kultur, die wundersame Formel, die Brockman beschwört, um die Vormacht der gern als hart bezeichneten Wissenschaften auch bei der quasiphilosophischen Vermessung der Welt und unseres Platzes in ihr durchzusetzen. Die Kluft, die der Physiker, Politiker und Romanautor C. P. Snow zwischen den zwei Kulturen der Natur- und Geisteswissenschaften beklagte, füllt Brockman geschäftstüchtig mit den Bestsellern seiner Dritten Kultur.

          Das Geschäft, sagt er, geht nicht bloß prima, es ging nie besser. Wer es nicht glauben mag, der statte ihm einen Besuch auf der Fifth Avenue ab, wo Brockman, Inc. sich neuerdings in lichtdurchfluteter Schwerelosigkeit ausdehnt. Von demonstrativer Transparenz die zwei gläsernen Eckbüros, das eine für den Firmengründer, dem das Empire State Building bei der Arbeit am papierfreien Schreibtisch über die Schulter schaut, und das andere für seinen Sohn Max, den frischgebackenen C.E.O. des Unternehmens, der durch die Riesenfenster die immer wieder atemberaubende Silhouette des Flatiron Building ins Visier nehmen kann. Dazwischen hat sich stilvoll Katinka Matson niedergelassen, Mitbegründerin von Edge und Präsidentin von Brockman Inc., zudem Mutter von Max und Geschäfts- und Lebenspartnerin von John, die als Tochter eines Literaturagenten das Metier im Blut hat und nun nebenbei auch noch mit ihren überlebensgroß gescannten Blumenporträts leuchtende Farben in den Büroalltag bringt.

          Wortführer der Dritten Kultur: John Brockman

          Brockman, Jahrgang 1941, könnte beruhigt in den Ruhestand gehen und sich unumschränkt Edge, seinem intellektuellen Hobby, widmen. Aber Edge ist für ihn kein Hobby, kein dem Beruf abgetrotzter Zeitvertreib. „Ich habe nie an Geld gedacht. Ich habe immer nur getan, was mich interessierte, und das hat mir immer auch gegeben, was ich für mein Auskommen brauchte.“ Bevor er seinen Salon im Internet eröffnete, hatte er unter gleichem Titel und mit gleicher gedanklicher Ausrichtung einen Newsletter herausgegeben, dem wiederum der Reality Club vorangegangen war. „Trippy stuff“, also abgedrehtes Zeug, stand da zur Debatte, wenn in den achtziger Jahren eine New Yorker Runde zusammenkam, die in wechselnder Besetzung den Physiker Freeman Dyson ebenso umfassen konnte wie die Frauenrechtlerin Betty Friedan, den Sozialrevoluzzer Abbie Hoffman und die Filmstars Ellen Burstyn und Dennis Hopper. Ihnen aufgetragen war, einander die Fragen zu stellen, die sie sich selbst stellten. Antworten brauchte es nicht gleich zu geben. Es sollte vor allem gefragt werden.

          Für den Ideenaustausch, wie er ihn sich als Abenteuer wünscht und zugleich beschert, hat Brockman im literarischen New York nie eine Chance gesehen. Der imaginierten Welt zog er die empirische Erforschung unseres Kosmos vor, im Mikro- und Makroformat. Deswegen musste er aufs Geschichtenerzählen aber nicht verzichten. Die Bücher und die Autoren, die er vermittelt, liefern ihm mit ihren oft spektakulären Erfahrungsberichten mehr Suspense und Spannung, als er in jedem Roman zu finden meint. Und sein eigenes Leben? Auch das verdichtet sich, wie er es erzählt, zu einer Ansammlung spannender Geschichten, die in viele Richtungen ausschweifen und doch immer einer klar markierten, sehr persönlichen Grundlinie folgen. Von Anfang an war er neugierig, erlebnishungrig, wissensdurstig.

          Ein Bauplan fürs Internet

          Brockmans Lebenserzählung beginnt mit dem Ausruf: „Ich will nach New York.“ Er war drei Jahre alt, lag in einem Krankenhaus in Boston, schwer erkrankt an zerebrospinaler Meningitis, und dies sollen seine ersten Worte gewesen sein, als er aus sechswöchigem Koma erwachte. Mit neunzehn ist er endlich in New York, an der Columbia University, wo er ein Wirtschaftsstudium abschließt. Danach ist er in der Finanzbranche tätig, trotzdem dreht sich bei ihm nicht alles ums Geld und Geldgeschäft. Die Sechziger schäumen wild auf, und Brockman kann gar nicht anders, als sich in ihren Kulturstrudel zu stürzen. Auf der Bühne des Living Theatre sieht er, wie es im New Yorker Underground zugeht. Ein Kulturschock, ein Fanal, eine Einladung zum Mitmachen. Aber nicht mit seinem Banjo und seiner Gitarre nimmt Brockman an den avantgardistischen Experimenten teil, sondern mit seinem Talent zum Organisieren. Heute wäre er wohl Kulturmanager zu nennen.

          New York versichert ihm: „Du kannst frei sein.“ Das lässt er sich nicht zweimal sagen. Mit Sam Shepard, noch als Kellner zugange, denkt er sich Bühnenaktionen aus. Aus der multimedialen Theater- und Filmszene ist er schnell nicht mehr wegzudenken. Bei Nam June Paik und Robert Rauschenberg bestellt er Filme, um ein Filmfestival auszurichten, das ihm von Jonas Mekas, dem Urvater des amerikanischen Experimentalfilms, anvertraut wird. Bis ins Lincoln Center schafft er es mit seinen Organisationskünsten und kümmert sich dort um Newcomer wie Martin Scorsese, wenn er nicht Gäste aus Europa, die Federico Fellini oder auch Jean-Luc Godard heißen mögen, zum Essen ausführt. Im Hintergrund schwebt Jackie Kennedy, noch keine Onassis, durch das Zeittableau.

          Während der Stern der Beatniks um Allen Ginsberg und William Burroughs ins Sinken gerät und die Folkszene um Bob Dylan heraufdämmert, schaut Brockman bei Andy Warhol vorbei: nichts für ihn, das drogendurchtränkte Kollektiv in der Factory. Er muss sein eigener Herr sein. Darum klappt es auch nicht mit den gegenkulturellen Yippies, für die ihn Abbie Hoffman zu rekrutieren gedenkt. Brockman will nicht Revolution machen. Aber: „Die Ideen dahinter haben mich interessiert.“ Cage lehrt ihn, die nichtlineare Struktur der Wirklichkeit auf kybernetischer Basis wahrzunehmen. Im Rückblick kommt ihm das „wie ein Bauplan fürs Internet“ vor. Er schreibt ein Buch mit dem Titel „Vom verstorbenen John Brockman“, um darin seine Erfahrungen und Erkenntnisse aphoristisch zu bündeln.

          Im Kreis der Eliten

          Und dann darf er 1965 in Harvard tatsächlich Bekanntschaft mit dem Computer machen. Es gibt davon genau ein einziges Exemplar, ein Riesending, umwuselt von Männern in weißen Laborkitteln und abgesichert hinter einer Glasschranke, gegen die er seine Nase drückt. „Ich habe mich sofort verliebt. Es war reine Magie.“ Brockman hat keinerlei Zweifel mehr, dass alles miteinander verbunden ist, die Kunst und die Wissenschaft und die psychedelischen, von Stroboskopblitzen durchzuckten Shows, durch deren Klanggewirr ein Marshall McLuhan seine kommunikationstheoretischen Botschaften posaunt.

          Im Esalen Institute, dem kalifornischen Bewusstseinslabor am Pazifik, hört er Vorträge von Forschern und genialen Spinnern, deren Namen so gut wie niemand an der Ostküste kennt. Ein ungehobener Schatz. Ein Erweckungserlebnis. Daraus entsteht 1973, über diesen und jenen Umweg, seine Agentur. Wieder setzt er sich nur für das ein, was ihn interessiert. Er kapiert allmählich, dass er eine Goldader entdeckt hat. Oder, wie er sagt, eine Ölquelle - die nicht aufhört zu sprudeln. Von Kopf bis Fuß ist Brockman seitdem auf Dritte Kultur eingestellt. Namen berühmter Wissenschaftler, Forscher, Unternehmer und Sponsoren umschwirren ihn wie Motten das Licht. An seinem Schreibtisch in New York klickt er die Einladung zu einer Party an, für die er morgen nach San Francisco fliegt. Unter den Gastgebern befinden sich Google-Mitbegründer Sergey Brin, Facebook-Mitbegründer Mark Zuckerberg und Art Levinson, ehemaliger Vorstandsvorsitzender der Biotechfirma Genentech. Es darf stark angenommen werden, dass Brockman derart hochkarätig besetzte Verlustierungen auch genießt.

          Noch mehr aber genießt er offensichtlich die Zusammenkünfte auf seiner malerisch verwinkelten Farm in Connecticut. Jeden Sommer macht er sich das intellektuelle Vergnügen, sein neuenglisches Idyll für einen Tag oder ein Wochenende in einen Umschlagplatz neuester Forschungsergebnisse und Ideen zu verwandeln. Aus Princeton und Yale, aus Harvard und dem MIT, aus dem Silicon Valley und New Yorker Chefetagen lädt er sich Denker und Macher und Klienten ein, allesamt Freunde, von denen er erfahren will, was auf ihrem Gebiet gerade für Furore sorgt. Die jüngste Ausgabe dieser bukolischen Konferenz unter uralten Ahornbäumen begann mit einer aktuellen tour d’horizon des Wirtschaftswissenschaftlers Sendhil Mullainathan, der sich fragte, ob der überbordende Datenstrom nicht auch die qualitative Natur der Wissenschaft zu gefährden droht. Der Sozialwissenschaftler Fiery Cushman berichtete über das Versagen von Algorithmen angesichts komplexer Aufgaben, der Experimentalphilosoph Josuha Knobe übers flüchtige Ich, die Psychologin June Gruber über das Rätsel der positiven Emotion und seine ersten Lösungen.

          Insgesamt meldeten sich zehn Wissenschaftler zu Wort an diesem perfekten Sommertag, der jetzt, Edge sei Dank, nicht mehr zu vergehen braucht. Seit November stellt Brockman die Videos der Vorträge ins Netz, bis Februar dürfte der gesamte Tagesablauf vollständig abzurufen sein. Nur zu ahnen am Computer ist allerdings, mit welcher Lust John Brockman die von ihm organisierten Gedankenspiele verfolgt. „Edge“, sagt sein Erfinder, „das sind für mich Ideen, das ist für mich Kultur.“

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