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John Brockman im Porträt : Der Weltgeist, der aus der Gegenkultur kam

Als John Brockman drei Jahre alt war, kündigte er an: „Ich will nach New York!“ Dort zieht er seit Jahrzehnten die Strippen im geistigen Leben Bild: wowe

Sei aufregend, anregend, überzeugend: Das fordert John Brockman von sich und anderen. Der wohl wichtigste Buchagent der Welt versammelt in seinem Internetsalon „Edge“ die Cyber-Elite. Ein Besuch.

          Das Internet gab es noch nicht, aber darüber geredet haben sie doch. In New York war es, vor einem halben Jahrhundert. „Cage“, erinnert sich John Brockman, „sprach immer vom Geist, den wir alle teilen. Das war kein holistischer Quatsch. Das waren tiefgründige kybernetische Ideen.“ Zu hören bekam er sie, wenn John Cage, der Musikrevolutionär, Zenmeister und Pilzesammler, ihn und ein paar Freunde wieder mal mit Pilzen bekochte. Irgendwann schickte Cage ihn mit einem Buch nach Hause. „Das ist für dich“, sagte er zum Abschied. Und redete danach nie mehr mit Brockman. Was der lange nicht begreifen konnte. „John, das ist Zen“, erklärte ihm schließlich ein Freund. „Du brauchst ihn nicht mehr.“

          Jordan Mejias

          Feuilletonkorrespondent in New York.

          (English Version: The World Mind That Came In From the Counterculture)

          Norbert Wiener hieß der Autor, „Kybernetik, Regelung und Nachrichtenübertragung in Lebewesen und Maschine“ das Buch. Seite um Seite kämpfte sich Brockman durch den wissenschaftlichen Text, zusammen mit Stewart Brand, seinem Freund, der bald den Whole Earth Catalog, die Einkaufsfibel und -bibel der umweltbewegten Gegenkultur, herausgeben sollte. Physik und Mathematik weiteten sich für die beiden Leser in einen unendlichen Raum, der zwischen natürlichen und geistigen Wissenschaften, Bewusstsein und Materie, Suchen und Finden keinen Unterschied mehr machte.

          Wie in solch weitschweifigen Gedankenabenteuern der sechziger Jahre das Internet als Idee heraufdämmerte, so zeichnete sich damals auch schon Edge ab, der Internetsalon, um den heute Brockmans Leben kreist. Edge, das ist der Treffpunkt für die Cyber-Elite, die erlauchtesten Geister, die das Vorfeld der neuesten natur- und sozialwissenschaftlichen Entwicklungen prägen, ob nun digital oder gentechnisch, ob psychologisch, kosmologisch oder neurologisch. Jedenfalls melden sich bei Brockman nicht nur Digerati aus dem Computeruniversum des Silicon Valley zu Wort, sondern genauso häufig Koryphäen wie die Evolutionsbiologen Richard Dawkins und Steven Pinker, der Philosoph Daniel Dennett, der Kosmologe Martin Rees, die biologische Anthropologin Helen Fisher, der Ökonom, Psychologe und Nobelpreisträger Daniel Kahneman, der Quantenphysiker David Deutsch, der Computerwissenschaftler Marvin Minsky, der Sozialtheoretiker Anthony Giddens. Vom Apple-Mitbegründer Steve Wozniak bis zum Genomentschlüsseler Craig Venter reicht seine Gästeliste, die ihresgleichen auch in der grenzenlosen Weite des Internets kaum finden wird. Sogar der Schauspieler Alan Alda und der Schriftsteller Ian McEwan sind bei ihm anzutreffen.

          Die Brücke der Dritten Kultur

          Zum Anfang jeden Jahres geht eine Frage an alle Salonniers. Diesmal lautet sie: „Welche wissenschaftliche Idee ist reif für den Ruhestand?“ Im „redaktionellen Marschbefehl“, den Brockman dazu erteilt, enthüllt sich auch der Kern von Edge: „Bohrt tiefer als die Nachrichten. Erzählt mir etwas, was ich noch nicht weiß. Ihr schreibt für eure Ko-Edgies, eine anspruchsvolle Bande, nicht für die breite Öffentlichkeit. Schreibt über Ideen, Theorien, Denksysteme, Disziplinen, aber nicht über Personen. Lasst euch was einfallen, seid aufregend, anregend, überzeugend. Erzählt uns eine tolle Geschichte. Erstaunt, erfreut und überrascht uns!“

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