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John Brockman im Porträt : Der Weltgeist, der aus der Gegenkultur kam

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Im Kreis der Eliten

Und dann darf er 1965 in Harvard tatsächlich Bekanntschaft mit dem Computer machen. Es gibt davon genau ein einziges Exemplar, ein Riesending, umwuselt von Männern in weißen Laborkitteln und abgesichert hinter einer Glasschranke, gegen die er seine Nase drückt. „Ich habe mich sofort verliebt. Es war reine Magie.“ Brockman hat keinerlei Zweifel mehr, dass alles miteinander verbunden ist, die Kunst und die Wissenschaft und die psychedelischen, von Stroboskopblitzen durchzuckten Shows, durch deren Klanggewirr ein Marshall McLuhan seine kommunikationstheoretischen Botschaften posaunt.

Im Esalen Institute, dem kalifornischen Bewusstseinslabor am Pazifik, hört er Vorträge von Forschern und genialen Spinnern, deren Namen so gut wie niemand an der Ostküste kennt. Ein ungehobener Schatz. Ein Erweckungserlebnis. Daraus entsteht 1973, über diesen und jenen Umweg, seine Agentur. Wieder setzt er sich nur für das ein, was ihn interessiert. Er kapiert allmählich, dass er eine Goldader entdeckt hat. Oder, wie er sagt, eine Ölquelle - die nicht aufhört zu sprudeln. Von Kopf bis Fuß ist Brockman seitdem auf Dritte Kultur eingestellt. Namen berühmter Wissenschaftler, Forscher, Unternehmer und Sponsoren umschwirren ihn wie Motten das Licht. An seinem Schreibtisch in New York klickt er die Einladung zu einer Party an, für die er morgen nach San Francisco fliegt. Unter den Gastgebern befinden sich Google-Mitbegründer Sergey Brin, Facebook-Mitbegründer Mark Zuckerberg und Art Levinson, ehemaliger Vorstandsvorsitzender der Biotechfirma Genentech. Es darf stark angenommen werden, dass Brockman derart hochkarätig besetzte Verlustierungen auch genießt.

Noch mehr aber genießt er offensichtlich die Zusammenkünfte auf seiner malerisch verwinkelten Farm in Connecticut. Jeden Sommer macht er sich das intellektuelle Vergnügen, sein neuenglisches Idyll für einen Tag oder ein Wochenende in einen Umschlagplatz neuester Forschungsergebnisse und Ideen zu verwandeln. Aus Princeton und Yale, aus Harvard und dem MIT, aus dem Silicon Valley und New Yorker Chefetagen lädt er sich Denker und Macher und Klienten ein, allesamt Freunde, von denen er erfahren will, was auf ihrem Gebiet gerade für Furore sorgt. Die jüngste Ausgabe dieser bukolischen Konferenz unter uralten Ahornbäumen begann mit einer aktuellen tour d’horizon des Wirtschaftswissenschaftlers Sendhil Mullainathan, der sich fragte, ob der überbordende Datenstrom nicht auch die qualitative Natur der Wissenschaft zu gefährden droht. Der Sozialwissenschaftler Fiery Cushman berichtete über das Versagen von Algorithmen angesichts komplexer Aufgaben, der Experimentalphilosoph Josuha Knobe übers flüchtige Ich, die Psychologin June Gruber über das Rätsel der positiven Emotion und seine ersten Lösungen.

Insgesamt meldeten sich zehn Wissenschaftler zu Wort an diesem perfekten Sommertag, der jetzt, Edge sei Dank, nicht mehr zu vergehen braucht. Seit November stellt Brockman die Videos der Vorträge ins Netz, bis Februar dürfte der gesamte Tagesablauf vollständig abzurufen sein. Nur zu ahnen am Computer ist allerdings, mit welcher Lust John Brockman die von ihm organisierten Gedankenspiele verfolgt. „Edge“, sagt sein Erfinder, „das sind für mich Ideen, das ist für mich Kultur.“

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