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John Brockman im Porträt : Der Weltgeist, der aus der Gegenkultur kam

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Für den Ideenaustausch, wie er ihn sich als Abenteuer wünscht und zugleich beschert, hat Brockman im literarischen New York nie eine Chance gesehen. Der imaginierten Welt zog er die empirische Erforschung unseres Kosmos vor, im Mikro- und Makroformat. Deswegen musste er aufs Geschichtenerzählen aber nicht verzichten. Die Bücher und die Autoren, die er vermittelt, liefern ihm mit ihren oft spektakulären Erfahrungsberichten mehr Suspense und Spannung, als er in jedem Roman zu finden meint. Und sein eigenes Leben? Auch das verdichtet sich, wie er es erzählt, zu einer Ansammlung spannender Geschichten, die in viele Richtungen ausschweifen und doch immer einer klar markierten, sehr persönlichen Grundlinie folgen. Von Anfang an war er neugierig, erlebnishungrig, wissensdurstig.

Ein Bauplan fürs Internet

Brockmans Lebenserzählung beginnt mit dem Ausruf: „Ich will nach New York.“ Er war drei Jahre alt, lag in einem Krankenhaus in Boston, schwer erkrankt an zerebrospinaler Meningitis, und dies sollen seine ersten Worte gewesen sein, als er aus sechswöchigem Koma erwachte. Mit neunzehn ist er endlich in New York, an der Columbia University, wo er ein Wirtschaftsstudium abschließt. Danach ist er in der Finanzbranche tätig, trotzdem dreht sich bei ihm nicht alles ums Geld und Geldgeschäft. Die Sechziger schäumen wild auf, und Brockman kann gar nicht anders, als sich in ihren Kulturstrudel zu stürzen. Auf der Bühne des Living Theatre sieht er, wie es im New Yorker Underground zugeht. Ein Kulturschock, ein Fanal, eine Einladung zum Mitmachen. Aber nicht mit seinem Banjo und seiner Gitarre nimmt Brockman an den avantgardistischen Experimenten teil, sondern mit seinem Talent zum Organisieren. Heute wäre er wohl Kulturmanager zu nennen.

New York versichert ihm: „Du kannst frei sein.“ Das lässt er sich nicht zweimal sagen. Mit Sam Shepard, noch als Kellner zugange, denkt er sich Bühnenaktionen aus. Aus der multimedialen Theater- und Filmszene ist er schnell nicht mehr wegzudenken. Bei Nam June Paik und Robert Rauschenberg bestellt er Filme, um ein Filmfestival auszurichten, das ihm von Jonas Mekas, dem Urvater des amerikanischen Experimentalfilms, anvertraut wird. Bis ins Lincoln Center schafft er es mit seinen Organisationskünsten und kümmert sich dort um Newcomer wie Martin Scorsese, wenn er nicht Gäste aus Europa, die Federico Fellini oder auch Jean-Luc Godard heißen mögen, zum Essen ausführt. Im Hintergrund schwebt Jackie Kennedy, noch keine Onassis, durch das Zeittableau.

Während der Stern der Beatniks um Allen Ginsberg und William Burroughs ins Sinken gerät und die Folkszene um Bob Dylan heraufdämmert, schaut Brockman bei Andy Warhol vorbei: nichts für ihn, das drogendurchtränkte Kollektiv in der Factory. Er muss sein eigener Herr sein. Darum klappt es auch nicht mit den gegenkulturellen Yippies, für die ihn Abbie Hoffman zu rekrutieren gedenkt. Brockman will nicht Revolution machen. Aber: „Die Ideen dahinter haben mich interessiert.“ Cage lehrt ihn, die nichtlineare Struktur der Wirklichkeit auf kybernetischer Basis wahrzunehmen. Im Rückblick kommt ihm das „wie ein Bauplan fürs Internet“ vor. Er schreibt ein Buch mit dem Titel „Vom verstorbenen John Brockman“, um darin seine Erfahrungen und Erkenntnisse aphoristisch zu bündeln.

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