https://www.faz.net/-gqz-7l20m

John Brockman im Porträt : Der Weltgeist, der aus der Gegenkultur kam

  • -Aktualisiert am

Muss er das alles wirklich ausbuchstabieren? Gehören doch nicht wenige der Autoren zu seinem Klientenstamm, den er weltweit vermarktet, und sie wissen genau, was er von ihnen erwartet und sie von ihm erwarten können. Als ihr Buchagent lässt er sich keine Geschäftsgelegenheit entgehen, ja, er hat sich den Ruf erworben, erstaunliche Summen beim Verkauf von Titeln herauszuschlagen, die, im Gegensatz zu Edge, durchaus den populärwissenschaftlichen Effekt anpeilen. Über allem aber glitzert der Begriff der Dritten Kultur, die wundersame Formel, die Brockman beschwört, um die Vormacht der gern als hart bezeichneten Wissenschaften auch bei der quasiphilosophischen Vermessung der Welt und unseres Platzes in ihr durchzusetzen. Die Kluft, die der Physiker, Politiker und Romanautor C. P. Snow zwischen den zwei Kulturen der Natur- und Geisteswissenschaften beklagte, füllt Brockman geschäftstüchtig mit den Bestsellern seiner Dritten Kultur.

Das Geschäft, sagt er, geht nicht bloß prima, es ging nie besser. Wer es nicht glauben mag, der statte ihm einen Besuch auf der Fifth Avenue ab, wo Brockman, Inc. sich neuerdings in lichtdurchfluteter Schwerelosigkeit ausdehnt. Von demonstrativer Transparenz die zwei gläsernen Eckbüros, das eine für den Firmengründer, dem das Empire State Building bei der Arbeit am papierfreien Schreibtisch über die Schulter schaut, und das andere für seinen Sohn Max, den frischgebackenen C.E.O. des Unternehmens, der durch die Riesenfenster die immer wieder atemberaubende Silhouette des Flatiron Building ins Visier nehmen kann. Dazwischen hat sich stilvoll Katinka Matson niedergelassen, Mitbegründerin von Edge und Präsidentin von Brockman Inc., zudem Mutter von Max und Geschäfts- und Lebenspartnerin von John, die als Tochter eines Literaturagenten das Metier im Blut hat und nun nebenbei auch noch mit ihren überlebensgroß gescannten Blumenporträts leuchtende Farben in den Büroalltag bringt.

Wortführer der Dritten Kultur: John Brockman

Brockman, Jahrgang 1941, könnte beruhigt in den Ruhestand gehen und sich unumschränkt Edge, seinem intellektuellen Hobby, widmen. Aber Edge ist für ihn kein Hobby, kein dem Beruf abgetrotzter Zeitvertreib. „Ich habe nie an Geld gedacht. Ich habe immer nur getan, was mich interessierte, und das hat mir immer auch gegeben, was ich für mein Auskommen brauchte.“ Bevor er seinen Salon im Internet eröffnete, hatte er unter gleichem Titel und mit gleicher gedanklicher Ausrichtung einen Newsletter herausgegeben, dem wiederum der Reality Club vorangegangen war. „Trippy stuff“, also abgedrehtes Zeug, stand da zur Debatte, wenn in den achtziger Jahren eine New Yorker Runde zusammenkam, die in wechselnder Besetzung den Physiker Freeman Dyson ebenso umfassen konnte wie die Frauenrechtlerin Betty Friedan, den Sozialrevoluzzer Abbie Hoffman und die Filmstars Ellen Burstyn und Dennis Hopper. Ihnen aufgetragen war, einander die Fragen zu stellen, die sie sich selbst stellten. Antworten brauchte es nicht gleich zu geben. Es sollte vor allem gefragt werden.

Weitere Themen

„Motherless Brooklyn“ Video-Seite öffnen

Trailer : „Motherless Brooklyn“

„Motherless Brooklyn“, Reg.: Edward Norton. Mit: Edward Norton, Gugu Mbatha-Raw, Alec Baldwin. Start: 12.12.2019.

Topmeldungen

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.