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Biden zum Sturm aufs Kapitol : Einheit um jeden Preis

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Bild: dpa

„Wir sind nicht so“: Das sagte der gewählte amerikanische Präsident zu den Bildern aus Washington. Was meinte er damit, entgegen jedem Augenschein?

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          Eine „Festung der Freiheit“ nannte entgegen jedem Augenschein der gewählte Präsident der Vereinigten Staaten, Joe Biden, das Kapitol, in das Anhänger des scheidenden Präsidenten gerade kaum behelligt von Ordnungskräften eingebrochen waren, darin herumwanderten, Büros verwüsteten, posierten, die Flagge der Konföderierten schwangen und fotografierten. Wessen Freiheit meinte er?

          Joe Biden und mit ihm Kamala Harris werden in zwei Wochen ein Land übernehmen, das zur Hälfte nicht von ihnen regiert werden will. Es ist diese andere Hälfte, von der wiederum ein großer Teil an der Aktion vom 6. Januar nichts Schändliches finden mag, an die sich Biden immer wieder mit Versöhnungsangeboten wendet. Mit der Rhetorik der „vereinigten Staaten“, in denen es darum gehe zu bewahren, worauf sie sich gründeten: „Anstand. Ehre. Respekt. Die Regeln des Gesetzes. Toleranz. Das ist es, was wir sind und was wir immer waren.“ Die Bilder, die über die Nachrichtenticker liefen, „reflektieren nicht, wer wir sind“. Es ist ein stets wiederholtes Mantra, zu dem die Historikerin Jill Lepore im Gespräch mit der F.A.Z. nach der Wahl am 3. November sinngemäß sagte, vielleicht müsse das Land endlich begreifen, dass es eben doch genauso sei.

          Will Biden diese Leute wirklich ins Boot holen?

          Vermutlich hat der Mann, der am 20. Januar als Präsident der Vereinigten Staaten eingeschworen wird, nicht viele Möglichkeiten zu reagieren, wenn ein verkleideter Mob die Sitzung sprengt, in der seine Wahl bestätigt werden soll. Aber wäre nicht die Welt, die Biden beschwört, die der Einheit, der Ehre, des Anstands und der Toleranz, eine Welt, in der gesagt werden könnte, was offensichtlich ist: dass dies der – wie idiotisch auch immer orchestrierte – Angriff vornehmlich weißer Amerikaner war, die ihren jetzigen Präsidenten, der sich immer wieder auf die Seite der „white supremacy“ gestellt hatte, im Amt halten wollten? Müsste ihnen nicht, bevor ihnen das Angebot gemacht wird, ins Boot des demokratischen Amerikas zu steigen, abverlangt werden, wenigstens dieser Überzeugung abzuschwören?

          Wer sind „alle“ Amerikaner?

          Das bedingungslose Angebot, Präsident aller Amerikaner zu sein, birgt einen Widerspruch, der immer deutlicher zutage tritt. Dass nämlich mit „alle Amerikaner“ nie alle gemeint waren, so wie auch in dem Spruch von Recht und Ordnung nie gemeint war, was er wörtlich sagt. Angela Rye war bei CNN die Kommentatorin, die das am deutlichsten machte, wenn sie wiederholt betonte, dass Donald Trump im Kontext jenes Wahns der weißen Überlegenheit handele und agitiere, in dem das eigentliche Problem liege.

          Ist dieser Wahn integrierbar in eine Politik der Einheit aller Amerikaner? Auf wessen Kosten? Ist nicht vielmehr mit dem Gerede von Versöhnung die nächste Spaltung bereits in Kauf genommen, eine, die selbst Präsident Obama nicht kitten konnte, nämlich die zwischen dem radikalen Flügel der Demokraten mit den Vertretern gerade jener Bevölkerungsteile, die traditionell im Pool „aller“ Amerikaner nicht enthalten waren, und jenen, die auch von Anhängern der Republikaner gern gewählt würden? Die Frage ist: Wer wird in Zukunft draußen bleiben aus der Festung der Freiheit?

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

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