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Der Fall Boateng und der Sport : Syrer, spielt mehr Eishockey!

Entscheidend ist auf’m Platz. Völlig gleich, ob kartoffeldeutsch oder mit ghanaischem Migrationshintergrund. Bild: AP

Vom Nachbarn, vom Sport, vom angeblich Fremden und vom angeblichen Volkskörper: Zum Sinn von Herkunftskriterien beim Zusammenleben und Toreschießen.

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          Die Frage, ob der Kerndeutsche gerne einen Fußballspieler zum Nachbarn hätte, dessen Vater Ghanaer ist, wirft tausend philosophische und soziologische Anschlussüberlegungen auf. Zunächst und fundamental die, ob man überhaupt gerne Nachbarn hätte, wenn es sich denn vermeiden ließe. Weiß man doch, dass Nachbarschaft als solche selbst aus Menschen, die den Anschein einheimischster Verträglichkeit erwecken, hochproblematische Personen machen kann.

          Dann ist da die umgekehrte Frage, ob nicht die konkrete Erscheinungsform des Nachbarn ausschlaggebend sein sollte. In Untersuchungen zu Fremdenfeindlichkeit wird bei analogen Erwägungen – „Wie fänden Sie es, wenn Ihre Schwester/Ihr Bruder einen Muslim/eine Muslima heiratete?“ – oft vernachlässigt, dass man das im Grunde gar nicht kann: eine Religionsperson heiraten, weil die Leute ja noch ziemlich viele andere Eigenschaften haben. Weswegen die Antwort „Es kommt darauf an“ eigentlich auch ankreuzbar sein müsste. Entsprechend sind diejenigen, die in Kreisen der AfD und darüber hinaus als Fremde oder Einwanderer angesprochen werden – ganz abgesehen davon, dass Jerome Boateng keiner ist –, in den seltensten Fällen nur fremd, sondern sehr oft in vielen Dimensionen völlig vertraut.

          Die Vorstellung, jemand sei als ganze Person „integriert“ oder in allen ihren Eigenschaften „assimiliert“, ist also nicht sehr durchdacht, von der immobilienökonomischen Frage, ob nicht bestimmte Eigenschaften erfolgreicher Fußballspieler es ohnehin ganz unwahrscheinlich machen, dass sich für eine Mehrheit der Bevölkerung die Nachbarschaftsentscheidung überhaupt stellt, einmal ganz abgesehen.

          Philosophische Statistik

          Was immer also die weitere Auslegung des stellvertretenden AfD-Vorsitzenden ergibt und wie man sie moralisch einschätzt – auf dem Ressentiment liegt schon intellektuell kein Segen. Darum zurück zum Sport. Der Sportphilosoph Wolfram Eilenberger hat nämlich in einem Gespräch mit dem Deutschlandfunk der Sache noch eine ganz andere Wendung gegeben. Er findet, dass Nationalmannschaften in Volkssportarten auf besondere Weise den „Volkskörper“ repräsentieren. Deswegen sei es schon ein Problem, wenn zwar der Fußball zu Recht als Modell der Integration dargestellt werde, aber in den Nationalmannschaften anderer Sportarten fast keine Migranten anzutreffen seien. Eilenberger nannte als Beispiele für „schwache Integrationsbemühungen“: Hockey, Volleyball, Eishockey und Handball.

          Schon im Februar hatte er ganz konkret dem Handball vorgehalten, er verkörpere ohne einen Nationalmannschaftsspieler mit dunkler Hautfarbe ein integrativ rückständiges, kartoffeldeutsches Wunschland mit Hünen aus der Provinz statt Migranten aus der Großstadt. Hier stimmten, wie in den anderen genannten Sportarten, zu denen Eilenberger auch Rudern und Fechten zählt, offenbar die Fördersysteme nicht. Im Fußball und in den Kampfsportarten seien Migranten überrepräsentiert, sonst vielfach unterrepräsentiert. Und auf eine Frage des mit derlei philosophischer Statistik sehr geduldigen Moderators: Ja, man müsse dafür sorgen, dass Syrer demnächst auch Eishockey spielten.

          Tut's was zur Sache?

          Der einzige türkische Eishockey-Nationalspieler derzeit ist in Rosenheim geboren. Holsteiner, Friseure oder Medizinstudenten hingegen sucht man im Nationalteam vergeblich. Wer zu dem Schluss kommt, dann stimme da etwas nicht, könnte noch einmal nachschauen, ob auch alle Rechenschritte richtig waren. Anders gesagt: Eilenberger müsste nur seine Prämisse mit dem Volkskörper und den demographischen Repräsentationspflichten von Nationalmannschaften löschen, und schon befände er sich wieder in der Verstandeszone.

          Dass er das scheut, mag an der Verbreitung dieser Vorstellungen liegen. Ständig wird behauptet, eine Nationalmannschaft mit Migrationshintergründen sei normativ besser als eine ohne. Dabei ist das beste Argument gegen ein Vorurteil ja nicht seine Umkehrung, sondern seine Neutralisierung. Nicht der nette Werbespot gegen Rassismus, der vor dem Spiel läuft, bekämpft ihn effektiv, sondern der Umstand, dass die Besten spielen, egal, wo ihre Eltern herkommen und was sie sonst noch sind. Die Frage ist, im Sport wie bei der Nachbarschaft oder beim Heiraten, ob es etwas zur Sache tut, wo jemand herkommt. Und die Beweislast dafür ist – wir leben in einer modernen Gesellschaft – sehr hoch.

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