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Kirchenstreit in Jekaterinburg : Sie spenden kein gestohlenes Geld

Nicht bei Verstand? Jekaterinburger Bürger protestieren gegen Kirchenbaupläne in einem Stadtpark Bild: Getty

Parks für die Popen: Die Bürger protestieren in Jekaterinburg gegen einen gigantischen Kirchenneubau, aber das Moskauer Patriarchat weicht nicht zurück.

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          Nach den Bürgerprotesten in Jekaterinburg gegen den Bau einer gigantischen Kirche in einem öffentlichen Park klangen die Worte des Moskauer Patriarchen fast wie eine Drohung. Die Menschen hätten ihre Lektion aus der sowjetischen Epoche gelernt, erklärte das Oberhaupt der russischen Orthodoxie, Kirill, nach der Weihung des neuen Gotteshauses in Straßburg. Sie hätten begriffen, dass es unmöglich sei, ein glückliches Leben ohne Gott aufzubauen, so das russische Kirchenoberhaupt. Deswegen würden heute in Russland drei neue Kirchen pro Tag errichtet. Innerhalb der letzten zehn Jahre seien in Russland dreißigtausend neue Gotteshäuser erbaut worden.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Der Kirchenbau ist tatsächlich eine der wenigen Wachstumsbranchen im Land. Zugleich ist die Zahl der Schulen in den letzten zwanzig Jahren um etwa ein Drittel gesunken, die der Krankenhäuser hat sich in den letzten Jahren von rund zehntausend auf fünftausend sogar halbiert. Außerdem nehme der Kirchenbesuch der Russen stetig ab, beobachtet der Religionsforscher Alexander Soldatow. In den sozialen Netzwerken erregte die Erklärung des Patriarchen vor allem Unmut.

          Umso mehr wird der Kirchenbau in Jekaterinburg für das Moskauer Patriarchat zu einer Sache des Prinzips, glaubt Soldatow. Denn die russische Kirche hat nicht nur außenpolitisch durch die Anerkennung einer ukrainischen Autokephalie durch den Patriarchen von Konstantinopel einen schweren Rückschlag erlitten. Zuvor hatten schon in Moskau zivilgesellschaftliche Proteste dazu geführt, dass die im Park „Torfjanka“ geplante Kirche doch nicht gebaut wurde. In St.Petersburg war die Übergabe der Isaakskathedrale, die heute ein Museum ist, an die Kirche vom Gouverneur bereits angeordnet; doch wegen Bürgerprotesten wurde sie wieder zurückgezogen.

          In Jekaterinburg wird nach einer Volksbefragung, bei der die Mehrheit sich gegen den Kirchenbau im Park aussprach, ein alternatives Grundstück gesucht. Der Pressesprecher des Patriarchen, der Priester Alexander Wolkow, gibt sich indes gewiss, die neue Kathedrale werde in jedem Fall das Stadtbild beherrschen. Wolkow erklärte jetzt, Kirchen seien in Russland immer an den besten Standorten wie Parks oder Schutzgebieten errichtet worden. Aus der Sicht des russischen Menschen seien diese für Gotteshäuser letztlich vorgesehen. Und niemand, der bei Verstand sei, könne etwas dagegen haben. Zuvor hatte der Fernsehpropagandist Wladimir Solowjow im Staatsradio „VestiFM“ die Jekaterinburger Demonstranten als „Dämonen“ (besy) bezeichnet. Und der Metropolit von Jekaterinburg, der wie der Patriarch Kirill heißt, verglich die Proteste mit der Erschießung der Zarenfamilie.

          Auch der Patriarch selbst hat ein besonderes Interesse an Jekaterinburg, das als Zentrum des Zarenmärtyrerkults innerhalb der russischen Kirche gilt. Diese konservative Strömung, mit der viele Ideologen des Regimes sympathisieren, sieht im gewaltsamen Tod des letzten Zaren vor fast hunderteinem Jahr ein mystisches Opfer, durch das der gestürzte Herrscher die Sünden seines Volkes sühnte. Dank der Bemühungen des Patriarchen, des Metropoliten und des Gouverneurs Jewgeni Kuiwaschew engagieren sich die Industrieriesen der Region für den Bau des Gotteshauses, das der heiligen Katharina geweiht werden soll. Dahinter stehen der Direktor der Ural Mining and Metallurgical Company, Andrej Kosizyn, und der Besitzer der Russian Copper Group, Igor Altuschkin, die auf der „Forbes“-Liste der reichsten Russen die Plätze 24 und 25 innehaben. Pressesprecher Wolkow erläuterte eigens, die Kirchenbausponsoren würden ihre Einnahmen spenden, nicht das Geld, welches sie stehlen.

          Für historische Kirchenbauten, die überall im Land verfallen, fühlt sich die Kirche indes nicht zuständig. Das sei unrentabel, hört man in Kirchenkreisen. Der Rockmusiker Sergej Schnurow widmete dem Kirchenbaufuror nun ein Spottgedicht, das den Palastbau für Himmelsbewohner aus orthodoxer Sicht für entschieden dringlicher erklärt als Schulen oder Kliniken.

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