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Olympia-Gastgeber : Wir sind  Japan

  • -Aktualisiert am

Das Feuer brennt vor leeren Rängen in Tokio. Bild: dpa

Kein Olympia-Gastgeber war so unsichtbar wie jetzt Japan. Aber die Welt kann von Tokio lernen, wie man dem Covid-Dilemma einen realistischen Ausdruck gibt.

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          Wahrscheinlich war noch kein Gastgeber der Olympischen Spiele so unsichtbar wie jetzt Japan. Das hat natürlich mit den Corona-Regeln zu tun, die es den angereisten Journalisten kaum erlauben, mit der Welt außerhalb ihrer geschützten Zo­nen in Berührung zu kommen. Allzu große Neugier auf den mutmaßlich eher getriebenen als selber handelnden Ausrichter der Spiele scheint es allerdings auch sonst nicht zu geben. So setzt sich der Eindruck fest, diese Olympischen Spiele fänden bloß in einem medialen Niemandsland statt.

          Doch das unter so großem äußeren und inneren Druck stehende Japan erzeugt in diesen Tagen Bilder, denen etwas ganz Besonderes gelingt: Sie geben der Zerrissenheit zwischen Bedrohung, Trauer und Le­benstrotz, der während der Pandemie die ganze Welt ausgesetzt ist, eine fragile und gerade deshalb überzeugende Form. Schon die olympische Eröffnung, mit der sich Japan der Welt präsentierte, war einzigartig. „Die schlechteste Eröffnungszeremonie, die es jemals gab“, meinte der Murdoch-Sender Fox Sports. In Wirklichkeit verdankte sich der ungewöhnlich antitrium­phalistische, nicht perfektionistische, manchmal fast improvisiert wir­kende Charakter dieser Feier dem Entschluss, sich der bedrängenden Wirklichkeit ringsum mit der größtmöglichen Schonungslosigkeit zu stellen. Die öffentliche Meinung – achtzig Prozent der Japaner sprachen sich Umfragen zufolge wegen Covid gegen die Austragung der Spiele aus – hatte die Organisatoren unter Druck gesetzt, sich nicht den kleinsten falschen Ton zu erlauben. Andernfalls werde die Welt, schrieb der Sportsoziologe Yuji Ishizaka, die Botschaft empfangen, dass „Japans Kultur zerbrochen“ sei.

          Lange Schatten

          So wurde die ursprünglich ge­plante Machtdemonstration der ja­panischen Kulturindustrie, mit der die Nation ihre Wiederauferstehung aus ökonomischer Depression und Fukushima-Katastrophe feiern wollte, zu etwas ganz anderem. Die befremdlichen äußeren Umstände – die fast leeren Stadionränge, die maskierten Athleten, die gedrückten Mienen des Kaisers und des Ministerpräsidenten – fanden eine ge­naue Entsprechung in den Vorführungen: in den langen Schatten, die drei einsam auf ihren Geräten trainierende Sportler warfen; in der von der Popsängerin Misia melancholisch interpretierten Nationalhymne; in der Schweigeminute für die Opfer von Corona, Fukushima und des Münchner Olympiaattentats von 1972. Und auch die Hoffnungszeichen später – der aus 1824 Drohnen gebildete Globus etwa, der über dem Stadion schwebte, oder der stilisierte Berg Fuji, über dem die Tennisspielerin Naomi Osaka die olympische Flamme an­zündete – waren im leeren Stadionrund auf Moll gestimmt.

          Gemäß einer Umfrage der Nachrichtenagentur Kyodo sind 87 Prozent der Japaner sehr besorgt wegen des Anstiegs der Infektionen, aber zugleich wollen sich 71 Prozent die Wettkämpfe angucken. Mit den vielen japanischen Medaillen scheint sich die Stimmung, schreibt die Zeitung The Japan News, den Spielen weiter zuzuwenden. Dadurch, dass Ja­pan die widerstreitenden Gefühle nicht nach einer Seite hin auflöst, wird es zu dem realistischen kollektiven Ausdruck der globalen Krise fä­hig, der anderen Weltgegenden nicht gelingt. Die ausgelassenen Massenszenen der Fußball-Europameisterschaft etwa waren zwar ein Ausdruck des Freiheitsverlangens, aber eben auch der Verdrängung.

          Zu der Form, die Japan gefunden hat, gehört, dass sie keine selbstgewisse Geste ist, sondern nur ein vorläufiges Tasten, das jederzeit durch die Entwicklung der Infektionen re­vidiert werden kann. „Was wir se­hen, ist ein zurückhaltender Enthusiasmus“, meint Sportsoziologe Ishizaka. Wir haben Grund, mit Ja­pan zu bangen.

          Mark Siemons
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

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