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Japan am Scheideweg : Das geht nicht gut aus

Einmal im Monat dürfen die zwanzigtausend Bewohner in ihre alten Häuser zurück: Namie in der Präfektur Fukushima ist seit dem Tsunami vor anderthalb Jahren evakuiert Bild: REUTERS

Japan ist eines der reichsten Länder der Erde - und eines der verzagtesten. Was passiert, wenn in überalterten Gesellschaften der Pessimismus strukturell wird? Blick in ein Land am Scheideweg.

          Toshiji Hosokawa ist ein typischer japanischer Kleinunternehmer. Noch keine fünfzig Jahre alt, hat er vor gut zwanzig Jahren die Idee gehabt, Stofftaschen nach eigenen Ideen zu entwerfen, zu nähen und zu verkaufen. „Ich wollte Taschen machen, die mir selbst gefallen“, erzählt er. Seine kleine Fabrik hat er im zweiten Stock eines Wohnhauses in der Umamichi-Straße in Tokios Stadtteil Asakusa eingerichtet.

          Carsten Germis

          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          Ganz in der Nähe ist der Park mit seinem bekannten Tempel und der fünfstöckigen Pagode. Die Straßen sind hier voller Touristen. Nur ein steinerner Hund am Eingang weist darauf hin, dass in dem unscheinbaren Wohnhaus eine erfolgreiche, mit dem Hund als Wahrzeichen werbende Firma ihren Sitz hat. Hosokawa hat dem Tier aus Spaß einen Schlapphut aufgesetzt. Zehn Beschäftigte hat der Unternehmer mittlerweile, die Geschäfte laufen gut. Wer im nahen Laden eine der Taschen ordert, muss durchaus schon mal eine Woche warten, bis er sein handgenähtes Exemplar bekommt. Und trotzdem ist Hosokawa nicht recht zufrieden.

          Die Notenpresse alleine kann die Lethargie nicht besiegen

          „Mecha, mecha desu“, irgendwie ist alles schrecklich, meint er, wenn er an die Zukunft denkt. Der Unternehmer zweifelt, dass es Japans Regierungschef Shinzo Abe gelingen kann, in dem ostasiatischen Land ein zweites Wirtschaftswunder zu entfachen. „Glauben Sie wirklich, dass Japan aus der Deflation herausfindet?“, fragt er den Besucher und schüttelt im selben Moment den Kopf. Hosokawas Umsatz ist in den vergangenen Jahren nur leicht gewachsen, nur einmal hat er in zwanzig Jahren die Preise für seine Taschen leicht erhöhen können. Die Deflation mit ihren leicht sinkenden Preisen bestimmt seit Jahren seinen Geschäftsalltag, seit er sich selbständig gemacht hat. Das prägt nach so langer Zeit auch sein Denken. Er sei eher pessimistisch, sagt er. „Ich erwarte nicht, dass sich viel ändert.“ Die ältere Mitarbeiterin, die neben ihm an der Nähmaschine gerade eine Tasche zusammennäht, nickt zustimmend. Der Auszubildende, der die Griffe an die Taschen näht, schaut auch nur zweifelnd.

          Solche Szenen erleben Besucher immer wieder, wenn sie in kleineren japanischen Betrieben danach fragen, ob die Unternehmer dort den Optimismus der japanischen Regierung teilen. Ministerpräsident Abe hat den Japanern eine neue wirtschaftliche Blüte versprochen. Er will das Land aus seinem Pessimismus führen und ihm neues Selbstbewusstsein geben. Dafür hat er zuerst einmal die Notenpresse der Bank von Japan angeworfen. Indem er die Märkte mit Geld flutet, will er das Land aus Deflation und wirtschaftlicher Lethargie führen. Japans früherer Notenbankchef Masaaki Shirkawa hat den „strukturellen Pessimismus“ der alternden japanischen Gesellschaft immer wieder als das größte Hindernis für notwendige Veränderungen und für dynamisches, wirtschaftliches Wachstum bezeichnet. Alles ist schwierig - das ist seit Jahren die Grundstimmung in Japan. „Ich nehme mal an, dass jeder seine Zuversicht verliert, wenn er solche Formulierungen immer wieder hört“, meint Shirakawa.

          Die alternde Gesellschaft als wirtschaftliche Chance

          Florian Kohlbacher ist Ökonom. Seit über zehn Jahren lebt er in Japan und forscht in Tokio am Deutschen Institut für Japanstudien. „Der Pessimismus hat sich festgesetzt“, sagt er, „und er ist nur sehr schwer wegzubekommen.“ Als Wirtschaftswissenschaftler sieht der Deutsche dabei auch die großen Chancen der rapide alternden Gesellschaft. Jeder vierte Bewohner Japans ist mittlerweile älter als 65. Alternde Gesellschaften bewerteten die demographische Entwicklung sehr oft nur als Schwäche, als Problem. Dabei bieten älter werdende Gesellschaften auch Chancen zur Veränderung und neue, sogenannte graue Märkte, in denen die Senioren kauffreudige Konsumenten sind.

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