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Coup von Böhmermann : Alles ans Licht

Eine Randfigur? Kronprinz Wilhelm von Preußen (r.) mit Joseph Goebbels (M.) und Georg Heinrich von Neufville beim Polizeisportfest 1933 in Berlin Bild: Picture-Alliance

TV-Moderator Jan Böhmermann hat die vier Gutachten zu den Entschädigungsansprüchen des Hauses Hohenzollern veröffentlicht. Jetzt kann die Öffentlichkeit endlich frei über den Fall diskutieren.

          3 Min.

          Jan Böhmermann hat gegen ein Schweigegebot verstoßen. Er hat die Entschädigungsansprüche des Hauses Hohenzollern an die Bundesrepublik Deutschland zum Thema seiner Satiresendung gemacht, was noch nichts Besonderes ist; auch andere Fernsehsender haben über den Fall berichtet. Aber Böhmermann ging einen Schritt weiter. Er hat alle vier historischen Gutachten, die bisher zur Frage der Rechtmäßigkeit der Hohenzollern-Ansprüche erstellt wurden, auf der eigens eingerichteten Website hohenzollern.lol veröffentlicht. Die Gutachten sind damit in der Welt, ganz gleich, ob jetzt noch ein Gerichtsbeschluss ihre Löschung erzwingt.

          Völkermord ohne Entschädigung

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Doch Böhmermann beließ es nicht bei der Indiskretion. In seiner Sendung stellte er den Forderungen der Hohenzollern die Entschädigungsklage von Vertretern der Herero und Nama für den Genozid der deutschen Kolonialmacht an ihren Vorfahren gegenüber. Mit der Hohenzollernfamilie führt Kulturstaatsministerin Grütters seit fünf Jahren Geheimverhandlungen. Über die Ansprüche der Herero und Nama will die Bundesregierung bislang nicht verhandeln. Im „Neo Magazin Royale“ wandte sich ein deutsch-namibischer Aktivist vor der Kamera direkt an Georg Friedrich Prinz von Preußen, den hohenzollerschen Hausvorstand, dessen Ururgroßvater Wilhelm II. für den Völkermord politisch verantwortlich war.

          Damit hat der Fernsehsatiriker eine geschichtspolitische Debatte angestoßen, um die sich die deutschen Historiker seit Monaten herumdrücken. Es geht bei den Verhandlungen mit den Nachfahren des letzten deutschen Kaisers ja nicht nur darum, ob deren Ansprüche nach dem Ausgleichsleistungsgesetz von 1994 berechtigt sind. Es geht auch darum, ob der deutsche Staat diese Ansprüche grundsätzlich anerkennen oder bestreiten soll. Über diesen Punkt kann nicht allein nach juristischen Gesichtspunkten entschieden werden, denn er berührt das Verhältnis der heutigen Deutschen zur unheilvollsten Phase ihrer Geschichte.

          Tausende historisch wertvolle Objekte

          Im Mittelpunkt der vier Gutachten steht die Frage, ob das Haus Hohenzollern dem Nationalsozialismus „in erheblichem Maße Vorschub“ geleistet hat oder nicht. Wäre es so, dürfte die Familie keinen Ausgleich für ihre von der sowjetischen Besatzungsmacht und der DDR enteigneten Liegenschaften und keine Rückübertragung von beschlagnahmten Besitztümern beanspruchen. Andernfalls stünden ihr zunächst 1,2 Millionen Euro Entschädigung sowie Eigentumsrechte an mehreren tausend historisch wertvollen Objekten zu, die derzeit von den Stiftungen Preußischer Kulturbesitz und Preußische Schlösser und Gärten sowie vom Deutschen Historischen Museum verwaltet werden.

          Der offizielle Vertreter des Hauses Hohenzollern vor und in der Zeit des Nationalsozialismus war Wilhelm von Preußen (1882 bis 1951), der für seinen im Exil in Doorn weilenden Vater die Familiengeschäfte führte. Über die Fakten, die das Verhältnis des Ex-Kronprinzen zu den Nazis betreffen, sind die vier Gutachter weitgehend einig: Wilhelm hat die braunen Machthaber hofiert und ihre Rassenpolitik im Ausland verteidigt. Er ließ sich mit ihnen, mitunter in SA-Uniform, fotografieren. Bei der Reichspräsidentenwahl von 1932 nahm er öffentlich für Adolf Hitler Partei, und beim „Tag von Potsdam“ im März 1933 besiegelte er durch seine Anwesenheit das Bündnis zwischen Nazitum und Preußentum.

          Für den in Cambridge lehrenden Christopher Clark, den Autor des ersten Gutachtens, ist Wilhelm dennoch „eine Randfigur“, unfähig, in den Konstellationen der frühen dreißiger Jahre „effektiv zu handeln“. Anders der Stuttgarter Historiker Wolfram Pyta, von dem das jüngste Gutachten stammt: Bei ihm erscheint der Kronprinz als Verbündeter des letzten Weimarer Republikkanzlers Schleicher, der ihn zum „Reichsverweser“ machen und damit Hitlers Kanzlerschaft verhindern will. Allerdings hätte Wilhelm sein Amt aus der Hand Hindenburgs empfangen müssen. Der Kronprinz und der Reichspräsident aber waren, wie selbst Pyta zugibt, einander innig abgeneigt. Wilhelms spätere Nazi-Huldigungen in Wort („genialer Führer Adolf Hitler“) und Tat sind für Pyta dann nur noch taktische Tricks, mit dem der Hohenzoller „im Spiel“ um die Macht bleiben wollte.

          Die beiden anderen, kritischeren Gutachten von Stephan Malinowski (Edinburgh) und Peter Brandt (Hagen) wurden nicht von den Hohenzollern, sondern vom Land Brandenburg bezahlt. Heißt das, dass sie der Wahrheit näherkommen? Darüber wird man streiten müssen, nicht in Hinterzimmern, sondern öffentlich. Nach Böhmermanns Enthüllung gibt es keine Geheimakte Hohenzollern mehr. Der Fall betrifft die Demokratie als ganze, und so muss er auch verhandelt werden.

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