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Jacob Rees-Mogg in London : Lord Snooty und der Brexit-Witz

  • -Aktualisiert am

Jacob Rees-Mogg ist der scharfzüngige Held vieler Brexit-Befürworter. Bild: EPA

Seit David Lloyd George im Jahr 1912 soll kein Politiker außer bei Parteiterminen so viele Zuschauer unter einem Dach versammelt haben: Jacob Rees-Mogg spricht im London Palladium – und die Brexit-Befürworter weiden sich.

          „Mea culpa“, sagt Jacob Rees-Mogg und klopft sich zum Zeichen der Reue auf die Brust. Dort sitzt das Mikrofon, das seine Stimme wie auch das Klopfen bis in die obersten Ränge des London Palladium trägt. „Mea culpa“, wiederholt er und wieder schallt das dumpfe Klopfen über die Lautsprecher, „mea maxima culpa“. Ein letztes Klopfen. Das Publikum reagiert auf die Bemerkung des Erz-Brexitiers, dass er einmal gesagt habe, Theresa May werde hervorragende Arbeit leisten als Premierministerin, mit begeistertem Beifall. Der einflussreiche Hinterbänkler faltet seinen langen, schlacksigen Körper in den Sessel auf der Bühne des Theaters. Wie stets im zu groß geschneiderten Zweireiher stellt sich der Mann, von dem manche sagen, er lenke als Vorsitzender jener für den harten Brexit eintretenden Gruppierung innerhalb der konservativen Fraktion das Geschick Britanniens, vor 2300 Zuschauern den Fragen Fraser Nelsons vom Wochenmagazin „Spectator“.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Auf dieser Bühne haben die beliebtesten Stars des britischen Varietés die Nation beglückt. Jede Woche drang das Gelächter aus dem Palladium über das Fernsehen in die Wohnzimmer der Briten. „Sunday Night at the London Palladium“ war eine Institution. Rees-Mogg, der ob seiner stilisierten Altertümlichkeit als Abgeordneter für das achtzehnte Jahrhundert verspottet wird, ist auf dem besten Wege selbst eine zu werden. Seit dem liberalen Staatsmann David Lloyd George im Jahr 1912 habe kein Politiker außer bei Parteikundgebungen so viele Zuschauer unter einem Dach versammelt, kündigt der Moderator seinen Gast an. An diesem Abend wird die Politik als Varieté-Nummer dargeboten. Zur Einstimmung erklingt Musik, die dem Nationalgefühl schmeichelt, wie Elgars „Nimrod“ aus den Enigma Variations, Händels Krönungshymne „Zadok the Priest“, Gustav Holsts Jupiter-Satz aus „Die Planeten“ und die Monty-Python-Kennmelodie – Musik wie für das patriotische Gaudi zum Abschluss der Proms.

          Den ersten großen Lacher erzielt Nelson, als er den gegenwärtigen Schlamassel beschreibt und Rees-Mogg fragt, ob er nicht mitverantwortlich dafür sei, schließlich habe er die Autorität der Premierministerin noch weiter geschwächt durch seinen Versuch, sie zu stürzen. Rees-Mogg erwidert mit übertrieben höflicher, ironisch angehauchter Gebärde, die zu seinen Markenzeichen gehört, dass er dieser Einschätzung nicht zustimme. Er habe sich, anders als viele, die das Parteiprogramm vergessen hätten, an das Wahlmanifest gehalten, „Politiker sollten sich an ihre Versprechen halten.“ Das Publikum applaudiert – und so geht es neunzig Minuten lang Schlag auf Schlag, unterbrochen nur von einer kurzen Pause, in der Rees-Mogg im Foyer den Eisverkäufer gibt.

          Keine einzige Windel gewechselt

          Was er auch sagt, die Moggys – als solche bezeichnen sich seine Anhänger – weiden sich an der Nummer, die ihr Held mit scharfzüngigem Witz und Gespür für den komischen, selbstironischen Effekt vorführt. Sie applaudieren, wenn er gesteht, dass ein EU-Austritt ohne Abkommen ihm keine Sorge bereite; wenn er darlegt, dass der Versuch, den Austritt zu verschieben, bloß eine Verschwörung zur Verhinderung des Brexit sei und ein zweites Referendum, das er übrigens einmal befürwortet hat, das Land noch mehr spalten werde.

          Das Publikum klatscht, wenn Rees-Mogg Tony Blairs „breiige“ Politik der Mitte kritisiert und einen schärfer konturierten Konservatismus fordert; wenn er im Zusammenhang mit seinem strengen katholischen Glauben den Extremismus als einen Begriff bezeichnet, mit dem Menschen um sich werfen, die sich nicht auf ein intellektuelles Gespräch einlassen wollten; oder wenn er den Unterschied zwischen der sozialistischen und der konservativen Weltanschauung definiert: „Eine sozialistische Gesellschaft glaubt, dass Andere den Abfall aufheben sollen; die konservative Gesellschaft glaubt, dass man ihn gar nicht erst wegwerfen sollte.“ Das Publikum jauchzt, wenn er erklärt, mit seinen sechs Kindern seinen Teil für die nachwachsende Wählerschaft getan zu haben, wenn er bekennt, keine einzige Windel gewechselt zu haben und niemals abzuwaschen, oder wenn er sich unbekümmert als Kapitalisten bezeichnet.

          Bei der Aussicht, Theresa May könne die Partei ein weiteres Mal in die Wahl führen, geht ein Raunen durch den Saal. Rees-Mogg hat ihr einmal vorgeworfen, dass ihre Worte und ihre Taten nicht übereinstimmten. Er selbst hat es in der Rolle des Ehrenmanns, der die Dinge beim Wort nennt, nun zum Bühnenstar gebracht. Draußen protestiert eine Gruppe, die sich Klassenkrieg nennt, mit unbeholfenen Plakaten gegen „Lord Snooty“, während Mitglieder der Kommunistischen Partei im Namen der „Arbeiter für den Brexit“ Flugzettel verteilt. Für den Sommer ist im Theater, das Andrew Lloyd Webber gehört, dessen Musical „Joseph and the Amazing Technicolor Dreamcoat“ angesagt. Unterdessen hat sich das Publikum von Jacobs buntem Mantel bezaubern lassen. Die Ironie dabei ist, dass der Traum der Moggys vom Brexit noch am harten Kurs von Jacob Rees-Mogg scheitern könnte.

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