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Frankreich und Syrien : Für Aleppo sterben?

Aleppo muss leben, heißt es in dem Aufruf der französischen Intellektuellen. Sie scheinen nicht ganz auf der Höhe der Zeit zu sein. Bild: dpa

Ausgerechnet in dem Augenblick, in dem Amerikaner und Russen eine Waffenruhe in Syrien vereinbaren, wollen Frankreichs Intellektuelle dort in den Krieg ziehen. Sie stehen ziemlich im Abseits.

          Auch eine Petition hat ihre Hierarchie. Ganz oben auf der Liste der Erstunterzeichner eines „Offenen Briefes an François Hollande über Syrien“ steht der Name von Jack Lang, 77 Jahre alt. An zweiter Stelle folgt jener des Ex-Kommunisten Jack Ralite, der 88 ist. Beide saßen zusammen in der ersten Regierung nach der Wahl von François Mitterrand im Jahre 1981. Nach Lang und Ralite geht es weiter von A bis Z – unterschrieben haben einige der unsterblichsten Stars des französischen Theaters und Films: Arnaud Desplechin, Maguy Marin, Ariane Mnouchkine, Michel Piccoli, Denis Podalydès. „Alep vivra“ lautet die Überschrift ihres Aufrufs in „Libération“: Aleppo wird, Aleppo muss überleben.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          „Unsere Generationen kamen mit dem Schwur an die Verantwortung, keine Verbrechen mehr gegen die Menschlichkeit zuzulassen“: Tatsächlich hatten die Sozialisten und Kommunisten 1981 die Macht im Klima einer epochalen Wende übernehmen können. Die Intellektuellen bekehrten sich unter dem Einfluss der „Neuen Philosophen“ Lévy, Glucksmann, Bruckner vom Marxismus zum Antitotalitarismus. Die Verbrechen Stalins wie Maos und auch noch Pol Pots waren zuvor als Preis für die Revolution geschluckt und verniedlicht worden. Nach dem Niedergang des Kommunismus kam Vichy in den Fokus, die gewendeten Franzosen entdeckten die Dissidenten in Osteuropa und wollten nun unvermittelt für Danzig sterben. Der deutschen Friedensbewegung unterstellten sie eine defätistische Kollaborationsbereitschaft mit der Sowjetunion: „Lieber rot als tot.“ Nach diesem Muster des „Nie wieder“ und der Vergangenheitsbewältigung erfolgten die militärischen Einsätze gegen Milošević, Saddam Hussein und auch noch Gaddafi.

          Lévy spricht von „Nazislamisten“

          Bernard-Henri Lévy, der seinen Präsidenten Sarkozy zum verheerenden Angriff auf Libyen angestiftet hatte, spricht seit den Attentaten in Frankreich von den „Nazislamisten“, gegen die er den „kommenden Krieg“ propagiert. Doch die Schablonen der manichäischen Weltsicht werden der Wirklichkeit überhaupt nicht mehr gerecht. Schon gar nicht in Syrien, das eine Kolonie der Franzosen war und wo es viele Fronten und Feinde gibt.

          Nach dem 11.September 2001 war es noch einfacher – und die Franzosen schickten ihre Truppen nach Afghanistan. Im Sommer 2013, als Assad chemische Waffen gegen seine Bevölkerung einsetzte, wollte Hollande, gerade ein Jahr im Amt, auf den Spuren Sarkozys Syrien angreifen, auch über Bodentruppen wurde diskutiert. Die Amerikaner hielten Hollande davon ab – sie haben die Lektionen aus dem angerichteten Chaos schneller gelernt. Noch immer bedauern französische Experten, dass nach den Attentaten in Paris Rakka, die Hochburg der Terrorgruppe Islamischer Staat, nicht umgehend erobert worden sei.

          Jack Lang hat den Aufruf initiiert. Er verfügt über gute Kontakte nach Saudi-Arabien.

          Die Autoren der Petition fordern den militärischen Angriff nicht direkt. Aber nur die Rebellen gegen Assad seien in der Lage, auch den IS zu besiegen. Diese Stoßrichtung kann man begründen. Aber hinterfragen muss man die Absichten von Jack Lang, der in Paris das „Institut du Monde Arabe“ (IMA) leitet. Nach den Attentaten von Paris verteidigte er Saudi-Arabien und Katar so ziemlich als Einziger gegen die Vorwürfe, sie würden den Terror unterstützen. Sie finanzieren zumindest teilweise die Renovierung seines Hauses und auch Ausstellungen. Lang hat das IMA unter seiner Leitung neu belebt, die Besucherzahlen verdoppelt. Warum aber mischt er sich in den berechtigten Kampf gegen Assad ein, was ihm unweigerlich den Vorwurf eintragen muss, dass er im Dienste der Saudis handele, deren Umgang mit Frauen und den Menschenrechten er in Paris keine Ausstellung widmen kann?

          Nach der Regierungsumbildung hatte François Hollande eine Verstärkung der Bombenangriffe in Syrien gefordert: „Sie bleiben nicht wirkungslos.“ Er beschwor die Gefahr eines Krieges zwischen der Türkei und Russland, der zum Weltkrieg eskalieren könne, und warnte Putin, „dass er nichts erreichen wird, wenn er einseitig Assad unterstützt“. Dass Assad am Dienstag ein Waffenstillstandsabkommen akzeptierte, das die Amerikaner und die Russen ausgehandelt haben, ist für Paris eine Demütigung. Das pragmatische Vorgehen der Diplomaten stellt der neuphilosophischen Theorie des prophylaktischen Eingreifens zur Verhinderung weiterer Genozide wohl endgültig den Totenschein aus. Ein Armutszeugnis ist der offene Brief von Jack Lang und seinen Mitautoren nicht nur in intellektueller Hinsicht. Diese beklagen die Zehntausende von Opfern in Aleppo, aus denen „Hunderttausende“ zu werden drohten. Sagen aber kein Wort zu den Flüchtlingen in Europa. In Frankreich würden sich die Syrer wohl schneller heimisch fühlen können als in Deutschland. Doch man will sie nicht. „Frankreich steckt den Kopf in den Sand“, schrieb „Libération“ vor ein paar Tagen: „Der Mut von Merkel, die Feigheit von Valls.“

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