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Osteuropäische Identität : Die Eingeklemmten

Schmitt: Ein Symbol dieser Zerrissenheit ist Conchita Wurst. In Südosteuropa werde ich sehr oft darauf angesprochen. Als ich 2014 mit Studenten in Bulgarien war, wurden sie gefragt, wie sie ein Phänomen wie Conchita Wurst bloß tolerieren könnten.

Osteuropäer fühlen sich eingeklemmt zwischen Putin und Conchita Wurst?

Schmitt: Genau. Ein Problem dabei ist, dass es im Westen eine Tendenz gibt, einseitig eine kulturelle und soziale Norm zu definieren und zu erwarten, dass diese diskussionslos übernommen wird. Wichtig wäre, solche gesellschaftspolitische Debatten weniger apodiktisch zu führen.

Krastew: Darum ist Putin dieses Schwulenthema so wichtig. Russland greift die EU heute mit Argumenten an, die der Westen in den zwanziger Jahren in ähnlicher Weise gegen die Sowjetunion anführte: Sie sind gottlos und für die freie Liebe. Die Osteuropäer haben den Eindruck, sie müssten sich zwischen Militärparaden und Schwulenparaden entscheiden, dabei wollen sie beides nicht. Es gibt eine großartige Szene in dem Film „Katyn“ von Andrzej Wajda: Eine Brücke ist zu sehen, über die im Herbst 1939 Polen vor den Deutschen flüchten, während ihnen Landsleute entgegenkommen, die vor den Russen zu den Deutschen fliehen. Beide verstehen nicht, warum andere Menschen an das Ufer fliehen, von dem sie davonlaufen. Die Osteuropäer fürchten Russland und sehen sich zugleich aus dem Westen unter Druck, geben dem aber nicht mehr so vorbehaltlos nach wie die Generation vor ihnen. Sie suchen Verbündete im Westen. Nach 1989 galt die Abmachung, dass der Westen den Osten liberalisiert. Nun suchen viele Mittel- und Osteuropäer den Schulterschluss mit westlichen Konservativen – siehe der Flirt Viktor Orbáns mit der CSU. Orbán verteidigt ja nicht nur, was er als Ungarns nationale Interessen definiert. Er sucht auch Allianzen. Das beunruhigt Teile der westlichen Elite. Viele Westler denken, nur andere müssten sich ändern. Das ist wenig überzeugend.

Sehen Sie Europa vor einer osteuropäisch inspirierten konservativen Revolution?

Schmitt: Es ist ein Wandel, eine Provokation – und eine Möglichkeit zur öffentlichen Debatte. Es kommt nun darauf an, was die Reaktion auf diese Provokation sein wird. Wenn sie exklusiv sein wird, wie sie es bisher war, wenn man also nicht bereit ist, mit Argumenten auf die Provokation zu reagieren, sondern einfach alle, die bestimmte Ansichten vertreten, mit einem abwertenden Etikett versieht, kann das die Existenz der EU gefährden. Deshalb sollten wir nicht nur die Gründe für die Reaktionen osteuropäischer Gesellschaften analysieren, sondern auch fragen, ob die Folgen dieser Reaktionen europapolitisch wirklich nur schlecht wären.

Ist es nicht eine positive intellektuelle und politische Provokation, wenn wir als Ergebnis davon lernen, solche Meinungen wieder in den demokratischen Diskurs zu integrieren, der dann natürlich viel schärfer sein wird als der weiche Mainstreamdiskurs, den wir nun haben? Mir scheint, die Reaktionen haben schon erste realpolitische Kompromisse gezeitigt und eine neue Fähigkeit, mit abweichenden Ansichten umzugehen. Auch wer die Regierungen in Polen oder Ungarn vor allem wegen ihrer Innenpolitik mit gutem Recht ablehnt, sollte ihnen europapolitisch dankbar sein, weil sie in einem Moment, in dem so getan wurde, als gäbe es nur eine mögliche Antwort auf eine große Krise, gezeigt haben, dass es andere Optionen gibt. Es geht dabei auch um die Qualität der öffentlichen Debatte. Wie reagiert man auf abweichende Meinungen? In Deutschland gab es die Tendenz, solche Meinungen auszugrenzen oder zu pathologisieren. Das hat sich in den vergangenen Monaten geändert. Das Spektrum der Meinungen hat sich stark ausgeweitet, auch links. Grüne Politiker sagen nun Dinge, die noch vor zwei Jahren undenkbar waren.

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