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Osteuropäische Identität : Die Eingeklemmten

Krastew: Natürlich wäre es viel einfacher, eine Million Russen oder Ukrainer in Deutschland zu integrieren, und viele würden wohl der Aussage zustimmen, dass es besser ist, eine Million orthodoxe Christen ins Land zu nehmen als eine Millionen Muslime. Aber ich glaube ebenfalls, dass eine solche Entwicklung niemals dieselbe Welle der Solidarität hervorgebracht hätte. Mit den Muslimen kann man Mitgefühl zeigen, gerade weil sie anders sind als wir – und auf diese Weise moralische Überlegenheit demonstrieren.

Tugendhochmut?

Iwan Krastew

Krastew: Ja. Es steigert natürlich das moralische Selbstwertgefühl, wenn man sagen kann: Diese Menschen sind anders als wir, aber wir helfen ihnen trotzdem. Ein wichtiger Grund, aus dem das in Staaten wie Ungarn, der Slowakei, Bulgarien oder Rumänien anders gesehen wird, hat damit zu tun, dass die Südosteuropäer sich schon vom Aussehen der Flüchtlinge an Roma erinnert fühlen – und damit an deren gescheiterte Integration in ihren eigenen Gesellschaften. Roma sind in Südosteuropa das Symbol des „anderen“, der sich nicht integrieren lässt. Wer verstehen will, warum einige osteuropäische Gesellschaften in der Migrationskrise so brutal argumentieren, muss das berücksichtigen. Hier wird eine externe Entwicklung mit einem innenpolitischen Dauerproblem assoziiert. Hinzu kommt die demographische Panik als das am stärksten unterschätzte Element in der Analyse osteuropäischer Reaktionen auf die Flüchtlingskrise. In Bulgarien gibt es einen großen Unterschied in der demographischen Entwicklung zwischen Bulgaren und Roma. Mehr als 40 Prozent der Schüler an bulgarischen Grundschulen sprechen nicht Bulgarisch als Muttersprache.

Migranten wollen aber ohnehin nicht in Länder wie Bulgarien. Woher also die schroffe Ablehnung?

Schmitt: In Gesprächen etwa mit rumänischen Intellektuellen habe ich den Eindruck bekommen, dass sie eine Schwächung des europäischen Zentrums fürchten. Diese Leute definieren sich als Bewohner schwacher Gesellschaften der europäischen Peripherie, deren Hauptziel es ist, Anschluss an Westeuropa zu finden. Sie wissen, wie es heute in London und Paris aussieht, kultivieren aber dennoch ein idealisiertes Bild Westeuropas als Kern der europäischen Kultur. Sie verfolgen die Schwierigkeiten westeuropäischer Staaten mit der Integration muslimischer Einwanderer sehr genau, und es ängstigt sie, was sie da sehen. Was in Paris geschieht, kommt ihnen unheimlich vor. Die Zentren, von denen sie sich sicherheitspolitischen Beistand, aber auch soziale Orientierung erhoffen, die wichtigsten Bezugspunkte ihres kulturellen Koordinatensystems, werden durch diese gewaltige Einwanderung umgewälzt. Sie fühlen sich von Russland bedroht und wollen sich in Abgrenzung davon als Europäer definieren, aber die Kriterien dieser Definition sind ausschließlich westlich, und ihre Auffassung vom Westen werden von der westlichen Elite nicht mehr geteilt – das verwirrt sie.

Krastew: So ist es. Die Polen mögen Putin nicht, viele schätzen aber seine ablehnende Haltung zur Homosexualität. In vielen Fragen sind ihre Überzeugungen und Gefühle näher an dem Konservatismus Russlands. Nun fragen sie sich, ob sie eine homosexuellenfreundliche Haltung einnehmen müssen, damit die Deutschen gegen Putin auf ihrer Seite sind.

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