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Osteuropäische Identität : Die Eingeklemmten

Schmitt: Ein erster Ansatz, um das zu erklären, wäre die weitgehende Tabuisierung des Nationalen in der DDR und die auf starken Feindbildern beruhende Propaganda, aber auch der verordnete kommunistische Internationalismus. Das konnte einer ethnisch recht einheitlichen Bevölkerung mit gewaltsam beschränkter Mobilität nicht glaubwürdig erscheinen.

Und deshalb brennen in Ostdeutschland häufiger Asylbewerberheime als im Westen?

Krastew: Die einfache Antwort wäre: Der Kommunismus basierte auf Angst und Misstrauen gegenüber dem Nächsten. Der Kontakt zu Ausländern konnte Schwierigkeiten bringen. Wichtiger scheint mir aber die unterschiedliche Bedeutung des Jahres 1968. Westdeutsche wurden durch ihr 1968 kosmopolitischer, Ostdeutsche durch ihr 1968 misstrauischer. Und heute haben wir es zudem mit einer neuen Generation von Politikern zu tun, die nicht wie die frühere bereit ist, den Westen vorbehaltlos zu imitieren. Polen ist wohl das beste Beispiel. Dort gelang die Transition. Die Ablehnung bestimmter westlicher Vorstellungen entspringt nicht der Tatsache, dass dieses Land gescheitert wäre bei dem Versuch der Integration, sondern es ist im Gegenteil der Erfolg der Integration, der die Ablehnung brachte. Nach 1989 begann in Osteuropa zunächst ein Zeitalter der Imitation. Es wurde erwartet, dass sich der Wandel in den osteuropäischen Gesellschaften durch eine Imitation von Institutionen, Gewohnheiten, Handlungsweisen und Werten des Westens vollziehe. Anfangs war das auch weitgehend unumstritten. Aber jede Imitation ist eine asymmetrische Beziehung. Ihr Erfolg wird vom Original bestätigt, wie das in der EU auch institutionell geschah: Wie „europäisch“ die Osteuropäer waren, hing vom Urteil der Westeuropäer ab. Aber in Osteuropa gibt es nun eine neue Generation, die gern zeigt, dass sie anders ist und die dieses Anderssein als Wert betrachtet. Die Polen sehen sich nicht mehr deshalb als Europäer, weil sie den Westen imitieren, sondern weil sie für etwas stehen, was sie für die wahren europäischen Werte halten.

Werte, die Westeuropa aufgegeben hat?

Krastew: So wird es jedenfalls gesehen. Die Polen sagen: „Wir sind Polen, und weil wir Polen sind, ist die katholische Kirche für uns sehr wichtig – aber deswegen fühlen wir uns nicht unterlegen, im Gegenteil. Wir bestehen darauf, dass dies ein wichtiger Teil unserer Identität ist. Wir sind europäischer als die Deutschen, die ihr Deutschtum durch eine Art EUtum ersetzt haben, was nicht dasselbe ist wie Europäertum.“

Wären 2015 nicht eine Million Muslime, sondern eine Million formal christlich-orthodox geprägte Ukrainer nach Europa gekommen – hätten die Osteuropäer ähnlich ablehnend reagiert?

Schmitt: Ich bin sicher, dass die Reaktion in Deutschland ganz anders gewesen wäre, weil es weder begeisterte Begrüßungsszenen an den Bahnhöfen noch eine dermaßen ausgeprägte Welle der Hilfsbereitschaft gegeben hätte. Das hat mit der Konstruktion des anderen zu tun. Dieser andere, wie ihn die Ukrainer repräsentieren, ist uns zu nah, um ihn zu idealisieren. Er ist nicht exotisch genug, in ihn lässt sich nichts hineinprojizieren, er lässt sich auch weniger diskursiv und paternalistisch kontrollieren. Es gibt eine Konstruktion des Südens und der mediterranen Welt in den deutschsprachigen Ländern, die sehr positiv besetzt ist. Die Ukraine dagegen ist in der deutschen Vorstellungswelt allenfalls eine riesige Steppe. Die deutsche Phantasie kann da nirgends andocken.

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