https://www.faz.net/-gqz-8wpa0

Sexismus im Fernsehen Italiens : Die Sendung mit der Maus

Für jeden etwas dabei: Ludovica Frasca (l.) und Irene Cioni (r.), die aktuellen „Veline“ der Sendung „Striscia la notizia“. Für viele italienische Mädchen ist das ein Traumberuf. Bild: Getty

Das italienische Fernsehen ist seit langem für sein sexistisches Frauenbild bekannt. Nun löst eine Sendung im öffentlich-rechtlichen Programm endlich Proteste aus, die Folgen haben.

          7 Min.

          Wer italienisches Fernsehen schaut, fühlt sich häufig um zwei, drei Jahrzehnte zurückversetzt: zu grell, zu bunt, zu laut. Die Moderatoren, oft Männer mittleren bis fortgeschrittenen Alters, machen schmierige Onkelwitze, während leicht bekleidete Frauen blinkende Treppenaufgänge hinauf und hinabstolzieren. Man wundert, ärgert sich seit Jahren, doch geändert hat sich wenig – bis jetzt.

          Am 18. März lief auf Rai 1, dem öffentlich-rechtlichen Kanal, eine Sendung, die landesweit eine Protestwelle auslöste. Die Politik, die sozialen Netzwerke, die Zeitungen – alle äußerten sich zu „Parliamone sabato“ („Reden wir am Samstag darüber“), einer „people show“ wie der Sender sie nennt. Ganz viele Emotionen, etwas zum Lachen, aber auch Themen von großer aktueller Relevanz, so die Beschreibung der Rai. Unter welche dieser Kategorien das Thema vom 18. März fiel, weiß man nicht so genau: die Moderatorin Paola Perego diskutierte mit ihren Gästen „die Bedrohung aus dem Osten“, anders gesagt die Frage, ob Osteuropäerinnen die besseren Partnerinnen seien. Die Sendung begann mit einem kurzen Einspieler über prominente Männer, die die Vorzüge der Osteuropäerinnen schon erkannt haben, allen voran: Donald Trump. Der mächtigste Mann der Welt liebe seit langem Schönheiten „aus der Kälte“. Als Zuschauer war man an diesem Punkt, von der Thematik, den Beiträgen der Teilnehmer, der Moderatorin, schon einigermaßen schockiert.

          Eine Welle des Hasses

          Doch das Herzstück der Diskussion sollte noch kommen: eine Auflistung der Vorteile osteuropäischer Partnerinnen. Sechs Punkte von: „Sind alle Mütter und haben trotzdem gleich nach der Geburt wieder einen tollen Körper“, über „Lassen ihrem Mann das Sagen“ bis hin zu „Heulen nicht rum, schmollen nicht.“ Man könnte nun denken, dass das vielleicht ironisch gemeint sei (im Nachhinein stellte sich heraus, das die Liste tatsächlich von einer Witzseite im Internet stammte) – leider fasste sie keiner der Diskussionsteilnehmer in diesem Sinne auf. Im Gegenteil: So berichtete eine junge russische Frau auch zu Hause „immer im Minirock“ herumzulaufen, das habe sie von klein auf gelernt, und erntete von den männlichen Gästen großen Beifall.

          Nach zahlreicher Kritik, nicht nur durch Politik und Medien, sondern auch durch die Öffentlichkeit, die sich unter dem Hashtag „Parliamone subito“ („Reden wir sofort darüber“) auf Twitter und Facebook empörte und sogar vor dem Gebäude der Rai in Rom demonstrierte, hat sich der Sender nun entschuldigt. Man nannte die Sendung einen „schlimmen Fehler“, das Programm wurde abgesetzt. Nicht einmal in der Mediathek, in der man alle alten Folgen anschauen kann, ist die Show vom 18. März noch zugänglich. Der Generaldirektor Antonio Campo dell’Orto sprach von einer guten Gelegenheit, das gesamte Nachmittagsprogramm zu reformieren, was ohnehin „schon länger“ in Planung gewesen sei. Über Moderatorin Perego ergoss sich eine Welle des Hasses. Weinend klagte sie in einem Fernsehinterview die Rai an, von deren Redakteuren sie sich instrumentalisiert fühle. Sich selber bezeichnet sie als Feministin, eine Sendung über den „femmicidio“, den Frauenmord durch Partner und Familienangehörige, der in Italien ein großes Thema ist, sei ihr versagt worden. Dass nicht allein sie die Verantwortliche ist, ist sicher richtig. Doch als der Schauspieler Fabio Testi von Osteuropäerinnen als „Geschenk“ für die italienischen Männer sprach, weil sie Eskapaden erlaubten und Bordellbesuche zum Geburtstag schenkten, da hätte man als Feministin vielleicht mal kurz einhaken können.

          Eigentlich Feministin: Moderatorin Paola Perego

          Trotzdem fragt man sich, warum die Empörung gerade jetzt so gigantisch ist. Denn was es sonst im italienischen Programm zu sehen gibt, ist nicht so furchtbar viel besser. „Domenica in“ zum Beispiel, ebenfalls ein Programm des öffentlich-rechtlichen Senders, beginnt jedes Mal mit einer Tanzeinlage: der 80-jährige Moderator Pippo Baudo überreicht dem 50 Jahre jüngeren Showgirl Manuela Zero im Anschluss rote Rosen. Damit ist sie zwar entlassen und muss nicht, wie die Showgirls im Privatfernsehen, noch den Rest der Sendung dekorativ herumsitzen – was das Ganze in einer Sendung zu suchen hat, in der kürzlich auch der italienische Ministerpräsident Paolo Gentiloni zu Gast war, fragt man sich trotzdem. Vorbild hierfür mag die satirische Nachrichtensendung „Striscia la notizia“ sein, die jeden Abend im Canale 5, einem der Sender Silvio Berlusconis, läuft und mit etwa sechs Millionen Zuschauern eine der meistgesehenen Sendungen im italienischen Fernsehen ist. Seit den 80er-Jahren hat sie die Vermischung von Unterhaltung und Journalismus geprägt und damit auch den Beruf der „Velina“. Der Name bezeichnet eine junge Frau, die zu Anfangszeiten der Sendung die Nachrichten auf „carta velina“, hauchdünnem Papier, hereintrug, nun aber ausschließlich zu Unterhaltungszwecken dient.

          Tausende von Frauen wollen „Veline“ sein

          Eine typische Folge von „Striscia la notizia“ verläuft ungefähr so: Zwei Moderatoren kündigen launig witzelnd die verschiedenen Einspieler an, Müll im römischen Stadtzentrum, Obdachlose in Mailand. Neben ihnen sitzen – ganz demokratisch, so ist für jeden was dabei – zwei „Veline“, eine blonde, eine brünette, und lächeln. Meist haben sie sehr wenig an und hauchen, wenn es hoch kommt, ein laszives „buona sera“. Dafür können sie toll tanzen, was sie zu Beginn jeder Folge zu Beweis stellen. Manchmal planschen sie auch in weißen Hemden in einem kleinen Becken herum und können dann den Rest der Sendung frierend mit den Zuschauern flirten.

          Die digitale F.A.Z. PLUS
          F.A.Z. Edition

          Die digitale Ausgabe der F.A.Z., für alle Endgeräte optimiert und um multimediale Inhalte angereichert

          Mehr erfahren

          Tausende von Frauen wollen ihren Job, deshalb hat die Sendergruppe Mediaset auch diesen Markt für sich entdeckt: Einige Jahre lang wurden in der Castingshow „Veline“ die Showgirls für die nächste Staffel „Striscia la notizia“ gecastet. Auf ihrer Kurzbiografie im Internet gibt Ludovica Frasca, die aktuelle Brünette, an, Moderatorin oder Anwältin werden zu wollen „wie Papa.“ Was etwas seltsam anmutet, hat durchaus Tradition: Silvio Berlusconi etablierte nicht nur im Fernsehen diese Mischung aus Vulgärem und Ernsthaftem, mit Mara Carfagna holte er ein ehemaliges Showgirl und Nacktmodell als Ministerin für Gleichstellungsfragen sogar in die Politik. Nun schließen sich Schönheit und Kompetenz nicht grundsätzlich aus, doch ist es in Anbetracht einiger Äußerungen des ehemaligen Ministerpräsidenten nicht ganz abwegig, dass eher ersteres bei der Wahl ausschlaggebend war.

          Luca Ragazzi, Dokumentarfilmer aus Rom, der mit seinem Partner Gustav Hofer vor allen Dingen für den Film „Italy love it or leave it“ bekannt wurde, erklärt mit diesem „Berlusconismo“ auch die Situation des öffentlich-rechtlichen Fernsehens: In den 80ern und 90ern, als Berlusconis Sendergruppe Mediaset durch ihre vulgären Formate immer mächtiger wurde und die Rai das Gefühl hatte, konkurrenzfähig bleiben zu müssen, sank auch dort das Niveau stetig. So wurden nun auch im staatlichen Fernsehen Fragen wie „Würden Sie ihre Tochter in einem Nacktkalender sehen wollen?“ verhandelt.

          Hundert Euro Beiträge im Jahr – dafür?

          Nun ist es nicht so, dass diese Fernsehkultur in der Vergangenheit in Italien kommentarlos hingenommen worden wäre. Laura Boldrini, die Präsidentin der italienischen Abgeordnetenkammer, die sich als eine der ersten zu „Parliamone sabato“ äußerte, klagt diese Missstände seit langem an. Als die Regierung Monti 2012 Anna-Maria Tarantola zur Präsidentin des öffentlich-rechtlichen Fernsehens machte, hatte man den Eindruck, dass sie nun endlich etwas ändern würde. Taramtola verbannte den Schönheitswettbewerb „Miss Italia“ aus dem öffentlichen Programm und nahm sich vor, das allgemeine Frauenbild zu ändern. Ragazzi meint, diese Reformen machten sich durchaus bemerkbar: „Bis vor ein paar Jahren sahen auch die Nachrichtensprecherinnen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen so aus, als wären sie gerade auf dem Weg zu einer Silvesterparty. Da sind sie heute schon ein wenig dezenter.“

          „Parliamone sabato“ zeigt: da ist noch Luft nach oben. Denn natürlich gibt es auch im deutschen Fernsehen Sendungen, die nicht viel besser sind. Wenn Heidi Klum und ihre männliche Jury über junge Mädchen und ihren Körper urteilen, dann kann man das zurecht kritisieren. Aber, und das ist der große Unterschied, gecastet wird auf Pro7 und nicht in der Ard. Die Rai hingegen ist ein öffentlich-rechtlicher Fernsehsender. Der ganze Protest, der nun um „Parliamone sabato“ entstanden ist, dreht sich auch darum. Hundert Euro Beiträge im Jahr – dafür?

          Lorella Zanardo wurde 2009 mit ihrem Dokumentarfilm „Der Körper der Frauen“ bekannt. Diese 25 Minuten, die man sich auch auf Youtube anschauen kann, sind eigentlich nichts anderes als ein kommentierter Zusammenschnitt diverser Szenen aus dem italienischen Fernsehen. Es wird ausgiebig geduscht, getanzt und begutachtet, um die harmloseren Beispiele zu nennen. Sonst wären da noch: Eine leicht bekleidete Frau, die umringt von einer Gruppe giggelnder Männer, beim Schaukeln nach einer Erdbeere schnappen muss. Eine Weitere in knappem Höschen, die am Fleischerhaken zwischen Schweineschenkeln von der Decke baumelt und ein Gütesiegel auf den nackten Hintern gestempelt bekommt.

          „Das italienische Fernsehen ist diskriminierend“

          „Parliamone sabato“, so sagt Zanardo, habe sie nicht sonderlich überrascht. Seit ihrem Film vor acht Jahren habe sich wenig geändert: „Die Kameraeinstellungen sind zwar nicht mehr ganz so ‚gynäkologisch‘, also: gleich unter den Rock. Trotzdem ist das Fernsehen immer noch voll von plumpen Stereotypen.“ Überrascht habe sie allein der Protest, der danach entstanden sei und immer noch nicht abgeebbt ist. „Ich glaube das lag an der Liste. Da haben die Leute es schwarz auf weiß: Das italienische Fernsehen ist diskriminierend. Man kann sie posten und weiterleiten. Bei Kommentaren oder Kameraeinstellungen ist das schwieriger.“ Letztere sähen, sagt Zanardo, im Allgemeinen so aus: „Wird ein Mann vorgestellt, sieht man sein Gesicht. Wird eine Frau vorgestellt, sieht man erst einmal einen Fuß. Dann wandert die Kamera langsam hoch, bis man ganz zum Schluss das Gesicht sieht. Vielen Leuten fällt das gar nicht auf.“ Deswegen versuchten sie und ihr Team, Jugendlichen an Schulen einen wachsameren Umgang mit Medien zu vermitteln.

          Das Fernsehen ist noch immer das Hauptinformationsmedium der Italiener. Gerade deshalb sei es so problematisch, dass selbst die öffentlich-rechtlichen Sender ihren erzieherischen Auftrag nicht wahrnähmen, meint Zanardo. Laut Istat, dem nationalen Institut für Statistik, schauen rund 90 Prozent der jungen Leute (zwischen 15 und 34 Jahren) regelmäßig Fernsehen, die meisten von ihnen jeden Tag. Nicht einmal halb so viele davon lesen einmal die Woche eine Zeitung. Natürlich ist in Italien das Internet eine ebenso wichtige Informationsquelle geworden, doch das schließt das Fernsehen nicht aus. Zanardo, die für ihre Medienaufklärung durch italienische Schulklassen zieht, kann das bestätigen: „Ganz sicher schauen junge Leute noch Fernsehen, nicht nur und vielleicht auch im Internet, aber es spielt noch immer eine erhebliche Rolle. Es ist ja auch kaum zu vermeiden, weil der Fernseher in vielen Familien immer angeschaltet ist. Eine ständige Begleitung des Alltags.“ 98 Prozent der italienischen Haushalte besitzen einen Fernseher, viele davon sogar zwei bis drei Geräte, im Süden sind es drei bis vier – in jedem Zimmer einer.

          Dass sich auf diese Weise eine gewisse Abstumpfung gegenüber rückständigen Frauenbildern einstellt, ist wahrscheinlich schwer zu vermeiden. Umso erfreulicher ist nun der, wenngleich späte, öffentliche Protest. Denn ohne diesen, das muss man vermuten, hätte auch die Rai wahrscheinliche keine Konsequenzen gezogen. Vom Privatfernsehen gar nicht zu reden: Am 27. März ging es bei „Striscia la notizia“ um die Rolle der Frau im iranischen Fernsehen. Diskriminierung! Skandal! Der Ausschnitt von Charlize Theron bei der Oscarverleihung wurde einfach wegretuschiert. Zum Glück, verkündet die strahlende Reporterin, gebe es im italienischen Fernsehen keine Zensur. Ja, zum Glück. Ein paar andere Probleme allerdings schon.

          Weitere Themen

          Der Geruch von toter Großmutter Video-Seite öffnen

          Buchmessen-Gastland Norwegen : Der Geruch von toter Großmutter

          Norwegen ist das Gastland der Buchmesse 2019. Feuilleton-Redakteurin Elena Witzeck hat sich im Pavillon umgesehen und ein Land kennengelernt, das stolz auf seine Lesekultur ist. Nur auf Schweden sollte man die Norweger nicht ansprechen.

          Ich habe aufregende Kniescheiben

          Herzblatt-Geschichten : Ich habe aufregende Kniescheiben

          Klaus Meine spricht über die Entstehung des Liedes „Wind of Change“, Inka Bause beklagt sich über das Verhalten von Männern in Bars und Uta Kargel lernt durch ein Playboy-Shooting ihre Kniescheibe lieben. Die Herzblatt-Geschichten.

          Topmeldungen

          Das Symbol der Türkei, weißer Halbmond und Stern auf rotem Untergrund.

          Syrien-Konflikt : Gut so, Wolfsburg!

          In der Türkei können VW und andere auch später noch Werke bauen – aber erst, wenn dort wieder Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Friedfertigkeit gelten.
          Sogenannte Fußballfans in Bulgarien, einem „der tolerantesten Länder der Welt“?

          Gegen den Hass : Die Strafen müssen weh tun

          Im Fußball hat sich ein Klima entwickelt, in dem sich Rassisten und Nazis ungeniert ausleben. Sanktionen schlugen bislang fehl. Ohne Punktabzüge und Disqualifikationen wird es nicht gehen. Aber selbst das reicht nicht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.