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Sexismus im Fernsehen Italiens : Die Sendung mit der Maus

Für jeden etwas dabei: Ludovica Frasca (l.) und Irene Cioni (r.), die aktuellen „Veline“ der Sendung „Striscia la notizia“. Für viele italienische Mädchen ist das ein Traumberuf. Bild: Getty

Das italienische Fernsehen ist seit langem für sein sexistisches Frauenbild bekannt. Nun löst eine Sendung im öffentlich-rechtlichen Programm endlich Proteste aus, die Folgen haben.

          Wer italienisches Fernsehen schaut, fühlt sich häufig um zwei, drei Jahrzehnte zurückversetzt: zu grell, zu bunt, zu laut. Die Moderatoren, oft Männer mittleren bis fortgeschrittenen Alters, machen schmierige Onkelwitze, während leicht bekleidete Frauen blinkende Treppenaufgänge hinauf und hinabstolzieren. Man wundert, ärgert sich seit Jahren, doch geändert hat sich wenig – bis jetzt.

          Am 18. März lief auf Rai 1, dem öffentlich-rechtlichen Kanal, eine Sendung, die landesweit eine Protestwelle auslöste. Die Politik, die sozialen Netzwerke, die Zeitungen – alle äußerten sich zu „Parliamone sabato“ („Reden wir am Samstag darüber“), einer „people show“ wie der Sender sie nennt. Ganz viele Emotionen, etwas zum Lachen, aber auch Themen von großer aktueller Relevanz, so die Beschreibung der Rai. Unter welche dieser Kategorien das Thema vom 18. März fiel, weiß man nicht so genau: die Moderatorin Paola Perego diskutierte mit ihren Gästen „die Bedrohung aus dem Osten“, anders gesagt die Frage, ob Osteuropäerinnen die besseren Partnerinnen seien. Die Sendung begann mit einem kurzen Einspieler über prominente Männer, die die Vorzüge der Osteuropäerinnen schon erkannt haben, allen voran: Donald Trump. Der mächtigste Mann der Welt liebe seit langem Schönheiten „aus der Kälte“. Als Zuschauer war man an diesem Punkt, von der Thematik, den Beiträgen der Teilnehmer, der Moderatorin, schon einigermaßen schockiert.

          Eine Welle des Hasses

          Doch das Herzstück der Diskussion sollte noch kommen: eine Auflistung der Vorteile osteuropäischer Partnerinnen. Sechs Punkte von: „Sind alle Mütter und haben trotzdem gleich nach der Geburt wieder einen tollen Körper“, über „Lassen ihrem Mann das Sagen“ bis hin zu „Heulen nicht rum, schmollen nicht.“ Man könnte nun denken, dass das vielleicht ironisch gemeint sei (im Nachhinein stellte sich heraus, das die Liste tatsächlich von einer Witzseite im Internet stammte) – leider fasste sie keiner der Diskussionsteilnehmer in diesem Sinne auf. Im Gegenteil: So berichtete eine junge russische Frau auch zu Hause „immer im Minirock“ herumzulaufen, das habe sie von klein auf gelernt, und erntete von den männlichen Gästen großen Beifall.

          Nach zahlreicher Kritik, nicht nur durch Politik und Medien, sondern auch durch die Öffentlichkeit, die sich unter dem Hashtag „Parliamone subito“ („Reden wir sofort darüber“) auf Twitter und Facebook empörte und sogar vor dem Gebäude der Rai in Rom demonstrierte, hat sich der Sender nun entschuldigt. Man nannte die Sendung einen „schlimmen Fehler“, das Programm wurde abgesetzt. Nicht einmal in der Mediathek, in der man alle alten Folgen anschauen kann, ist die Show vom 18. März noch zugänglich. Der Generaldirektor Antonio Campo dell’Orto sprach von einer guten Gelegenheit, das gesamte Nachmittagsprogramm zu reformieren, was ohnehin „schon länger“ in Planung gewesen sei. Über Moderatorin Perego ergoss sich eine Welle des Hasses. Weinend klagte sie in einem Fernsehinterview die Rai an, von deren Redakteuren sie sich instrumentalisiert fühle. Sich selber bezeichnet sie als Feministin, eine Sendung über den „femmicidio“, den Frauenmord durch Partner und Familienangehörige, der in Italien ein großes Thema ist, sei ihr versagt worden. Dass nicht allein sie die Verantwortliche ist, ist sicher richtig. Doch als der Schauspieler Fabio Testi von Osteuropäerinnen als „Geschenk“ für die italienischen Männer sprach, weil sie Eskapaden erlaubten und Bordellbesuche zum Geburtstag schenkten, da hätte man als Feministin vielleicht mal kurz einhaken können.

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