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Sexismus im Fernsehen Italiens : Die Sendung mit der Maus

Eigentlich Feministin: Moderatorin Paola Perego

Trotzdem fragt man sich, warum die Empörung gerade jetzt so gigantisch ist. Denn was es sonst im italienischen Programm zu sehen gibt, ist nicht so furchtbar viel besser. „Domenica in“ zum Beispiel, ebenfalls ein Programm des öffentlich-rechtlichen Senders, beginnt jedes Mal mit einer Tanzeinlage: der 80-jährige Moderator Pippo Baudo überreicht dem 50 Jahre jüngeren Showgirl Manuela Zero im Anschluss rote Rosen. Damit ist sie zwar entlassen und muss nicht, wie die Showgirls im Privatfernsehen, noch den Rest der Sendung dekorativ herumsitzen – was das Ganze in einer Sendung zu suchen hat, in der kürzlich auch der italienische Ministerpräsident Paolo Gentiloni zu Gast war, fragt man sich trotzdem. Vorbild hierfür mag die satirische Nachrichtensendung „Striscia la notizia“ sein, die jeden Abend im Canale 5, einem der Sender Silvio Berlusconis, läuft und mit etwa sechs Millionen Zuschauern eine der meistgesehenen Sendungen im italienischen Fernsehen ist. Seit den 80er-Jahren hat sie die Vermischung von Unterhaltung und Journalismus geprägt und damit auch den Beruf der „Velina“. Der Name bezeichnet eine junge Frau, die zu Anfangszeiten der Sendung die Nachrichten auf „carta velina“, hauchdünnem Papier, hereintrug, nun aber ausschließlich zu Unterhaltungszwecken dient.

Tausende von Frauen wollen „Veline“ sein

Eine typische Folge von „Striscia la notizia“ verläuft ungefähr so: Zwei Moderatoren kündigen launig witzelnd die verschiedenen Einspieler an, Müll im römischen Stadtzentrum, Obdachlose in Mailand. Neben ihnen sitzen – ganz demokratisch, so ist für jeden was dabei – zwei „Veline“, eine blonde, eine brünette, und lächeln. Meist haben sie sehr wenig an und hauchen, wenn es hoch kommt, ein laszives „buona sera“. Dafür können sie toll tanzen, was sie zu Beginn jeder Folge zu Beweis stellen. Manchmal planschen sie auch in weißen Hemden in einem kleinen Becken herum und können dann den Rest der Sendung frierend mit den Zuschauern flirten.

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Tausende von Frauen wollen ihren Job, deshalb hat die Sendergruppe Mediaset auch diesen Markt für sich entdeckt: Einige Jahre lang wurden in der Castingshow „Veline“ die Showgirls für die nächste Staffel „Striscia la notizia“ gecastet. Auf ihrer Kurzbiografie im Internet gibt Ludovica Frasca, die aktuelle Brünette, an, Moderatorin oder Anwältin werden zu wollen „wie Papa.“ Was etwas seltsam anmutet, hat durchaus Tradition: Silvio Berlusconi etablierte nicht nur im Fernsehen diese Mischung aus Vulgärem und Ernsthaftem, mit Mara Carfagna holte er ein ehemaliges Showgirl und Nacktmodell als Ministerin für Gleichstellungsfragen sogar in die Politik. Nun schließen sich Schönheit und Kompetenz nicht grundsätzlich aus, doch ist es in Anbetracht einiger Äußerungen des ehemaligen Ministerpräsidenten nicht ganz abwegig, dass eher ersteres bei der Wahl ausschlaggebend war.

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