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Corona und Italien : Wie Forscher in einer neuen Welt

Ein Feinkostgeschäft in Rom, 5. Mai 2020 Bild: AFP

Das schwer getroffene Italien öffnet sich langsam wieder. Die Menschen tasten sich in den veränderten sozialen Raum vor. Sie wissen, dass es nun auf jeden einzelnen ankommt. Das Schlimmste liegt vielleicht erst noch vor ihnen.

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          Das ältere Ehepaar hatte sich feingemacht. Der Mann im Anzug mit Krawatte, sie mit einem dunkelblauen Kleid, gingen sie die Straße entlang, blieben immer wieder stehen, um die Häuser hinauf zu blicken oder um sich gegenseitig auf etwas aufmerksam zu machen. Er nahm mehrere Selfies von sich und seiner Frau auf. Als Erinnerung an diesen Tag, der von vielen Italienern wie ein Feiertag begangen wurde, denn die Regierung hat die landesweite Ausgangssperre endlich gelockert.

          Karen Krüger

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Nach zwei Monaten, in denen die Menschen nur nach draußen durften, um zum Arzt, zur Apotheke oder in der Nachbarschaft einkaufen zu gehen, dürfen sie seit Montag wieder spazieren gehen. In Mailand machten sich viele schon früh zu Fuß oder mit dem Fahrrad auf den Weg, oder sie riefen ein Taxi und drehten damit ein paar Runden durch die Stadt.

          Die Spaziergänger wirkten wie Forscher, die eine neue Welt betreten. Manche neugierig und mutig, andere eher ängstlich und staunend darüber, dass die Stadt, obwohl das eigene Leben eine so radikale Wendung genommen hat, im Grunde genommen noch dieselbe ist.

          Man merkte, in vielen Köpfen läuft noch der Film, in dem die Menschen sich plötzlich als Akteure ohne Drehbuch wiederfanden; in einem Mailand mit menschenleeren Straßen und zum Schweigen gebrachten Plätzen, die mit den nächtlichen Polizeipatrouillen wirkten wie am Tag nach einem Putsch. In einem Zeitraffer des Grauens erlebten sie, wie alles geschlossen wurde; sie sahen Ärzte weinen und Särge, die Militärfahrzeuge in Kolonne abtransportierten. Die Menschen konnten nicht mehr arbeiten, und viele wissen nicht, ob sie in die Arbeitswelt zurückfinden werden.

          Normale Gewohnheiten sind jetzt außergewöhnlich. Beispielsweise das schnelle Trinken eines Caffès am Tresen einer Bar. Es ist eines der wichtigsten sozialen Rituale. Und so war es nur natürlich, dass der erste Spaziergang oftmals zu einer der wenigen Kaffee-Bars führte, die schon wieder offen sind. Caffè, wie der Espresso in Italien heißt, gibt es allerdings nur noch zum Mitnehmen. Statt in einer kleinen Tasse wird er in winzigen Pappbechern serviert, mit denen man sofort wieder nach draußen muss, anstatt noch ein paar Worte mit dem Barista oder anderen Gästen zu wechseln, während man sein Tässchen leert.

          Vor der Pandemie war es nicht einmal Starbucks gelungen, die Italiener von der To-go-Kultur zu überzeugen. Sie galt als Unsitte. Nun ist man dazu gezwungen. Der Missmut darüber war den Menschen trotz Atemschutzmaske anzusehen.

          Sie zu tragen ist jetzt Pflicht. Läuft man durch die Stadt, begegnet einem vor allem das chirurgische Modell. Es ist in Italien derzeit am einfachsten zu bekommen und sicherlich deshalb so verbreitet. Die chirurgische Maske ist aber auch Träger vieler Botschaften. Sie stellt eine symbolische Nähe zu Ärzten und Krankenschwestern her. Durch sie hat man in den vergangenen Monaten entdeckt, dass es noch Helden gibt, die bereit sind, ihr Leben für andere zu riskieren. Die Chirurgenmaske ist also eine Heldenmaske. Zwar ist sie ein Wegwerfartikel mit temporärem Charakter, aber auch das ist vorteilhaft. Eine Maske aus Stoff ließe sich jahrelang benutzen, doch ein solches Szenario möchte in Italien niemand heraufbeschwören.

          Bunte Stoffmasken mit Motiven oder frechen Sprüchen, wie sie in Deutschland getragen werden, sieht man bisher nicht. Die Vorstellungen von Ästhetik sind in Mailand andere. Man empfindet die Situation bisher auch nicht so, dass man ihr unbedingt eine witzige Seite abringen will. Blickt man von Italien aus nach Berlin, wird vor allem das Vertrauen der Regierenden in das Verantwortungsbewusstsein der Bürger bewundert, das von Anfang an aus den erlassenen Sicherheitsregelungen sprach.

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