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Italien bangt : Padre Pio - ein Säurenheiliger?

  • -Aktualisiert am

Säure im Spiel? Die Wunden des Padro Pio Bild: AP

Für die Italiener ist er die wichtigste christliche Bezugsperson überhaupt: Padre Pio, der verstorbene süditalienische Kapuzinerpater mit den blutenden Wundmalen. Jetzt sind Zweifel an ihrer Echtheit aufgekommen - während im Internet gerade die Luxuslimousine des Heiligen versteigert wird.

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          Eine Mehrheit der Italiener hält keineswegs Jesus für die wichtigste Figur des Christentums. Seine Mutter Maria liegt in einer Umfrage noch vor dem Religionsstifter; doch unangefochten an Platz eins sonnt sich der frische Heilige Padre Pio in der großen Verehrung seiner Landsleute. Dieser süditalienische Kapuzinerpater wurde direkt nach dem Ersten Weltkrieg in seinem Kloster zu San Giovanni Rotondo in Apulien als „lebender Heiliger“ verehrt, weil er an den Händen Stigmata vorweisen konnte, die blutenden Wunden des Gekreuzigten, und deswegen meist kleidsame Handschuhe trug. Sogar die praktische Gabe der Bilokation - also die Fähigkeit, an zwei Orten gleichzeitig zu wirken - wurde ihm zu Lebzeiten nachgesagt. Auch nach Padre Pios Tod 1968 ging die beispiellose Heiligengeschichte weiter: Papst Johannes Paul II., dem er 1947 eine glänzende kirchliche Karriere vorhergesagt hatte, ließ den bärtigen Heiler 2002 heiligsprechen. San Giovanni Rotondo ist ebenso wie Padre Pios Geburtsort Pietrelcina bei Benevent längst zu einem der wichtigsten Wallfahrtsorte der Christenheit geworden.

          Wenn der Historiker Sergio Luzzatto, der in Turin Neuere Geschichte lehrt, sich nun mit dem Heiligenkult um Padre Pio in einem Buch kritisch auseinandersetzt, dann ist im katholischen Italien die Polemik vorhersehbar. In dieser Woche erscheint bei Einaudi das dreihundertseitige Werk mit dem vielsagenden Untertitel „Wunder und Politik im Italien des zwanzigsten Jahrhunderts“. Luzzatto unterzieht dabei den mysteriösen Werdegang von Padre Pios Kult einer akribischen, quellenkritischen Lektüre. Mit einem Vorabdruck eröffnete der liberale „Corriere della Sera“, der regelmäßig auch katholischen Intellektuellen breiten Raum gibt, bereits die Debatte.

          Die Giftbestellung ruht im Vatikan

          Luzzatto, der sich mit Studien über den Personenkult des Duce und den einbalsamierten Körper des Risorgimento-Vordenkers Mazzini einen Namen als unkonventioneller Historiker moderner politischer Mythen gemacht hat, fixiert den Blick auf die Anfangsgeschichte des stigmatisierten Mönches. Um 1920 gab es bereits die regionale Verehrung Padre Pios, doch kann Luzzatto aus der kirchlichen Hierarchie, ja sogar aus dem Kapuzinerorden selbst kritische Kommentare zitieren, die Padre Pio - sein bürgerlicher Name lautet Francesco Forgione - als „fanatisch“ qualifizieren und sein Betragen an der Grenze zur Psychose einordnen.

          Karosse eines stilbewussten Heiligen
          Karosse eines stilbewussten Heiligen : Bild: AP

          Besondern beunruhigend für die Hierarchie bis Rom wurde das Zeugnis eines Apothekers aus der Provinzhauptstadt Foggia: Dottore Valentini Vista. Der respektable Mann sah sich als frommen Anhänger Pios und geriet durch die Pilgerfahrt einer Kusine, die ebenfalls eine Apotheke betrieb, in spirituellen Kontakt mit dem „lebenden Heiligen“. Der Apotheker wurde misstrauisch, als Pio sich über die Kusine direkt an ihn wandte und nach einem Fläschchen Karbolsäure fragte, vorgeblich zur Wundsterilisation bei jungen Mitbrüdern. Als Padre Pio - über Mittelsleute und unter Bitte um höchste Geheimhaltung - später noch eine vielfach tödliche Menge des Nervengiftes Veratrin bei ihm bestellte, verweigerte Vista die Lieferung und informierte seinen Bischof. Der meldete den Verdacht - samt der schriftlichen Gift-Bestellung Padre Pios, die noch heute in den Vatikanischen Archiven ruht - ergebnislos nach Rom weiter.

          Der Gestank der Schwindelei

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