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Istanbul-Reportage : Still gestanden

Auf dem Taksim-Platz in Istanbul steht der Protest nun still und schweigend da Bild: Jakob von Siebenthal

Die Türkei erlebt auf dem Taksim-Platz die Gewalt einer autoritären Regierung. Aber auch, was die Zivilgesellschaft dagegen ausrichten kann.

          Steht man am Rande des Taksim-Platzes, ahnt man die Stille noch nicht. Autos und Taxis umrunden ihn, die Polizei hat ihn wieder für den Verkehr freigegeben. Tritt man aber in seine Mitte und stellt sich zwischen die Leute, die auf ihm stehen, kann man die Stille hören. Etwa fünfhundert Leute haben sich an diesem frühen Abend hier versammelt. Schweigend demonstrieren sie gegen die Regierung Erdogan. Alte Leute stehen neben jungen, Frauen neben Männern. Eine Frau trägt ein knielanges Kleid, eine andere Jeans, auch ein paar Kopftücher sind zu sehen. Ein älterer Herr hat sich einen Galatasaray-Fanschal umgebunden, der Mann neben ihm eine Krawatte. Ein anderer hat noch den Blaumann an. Er ist, wie so viele, direkt nach der Arbeit hierhergelaufen.

          Karen Krüger

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Die Leute stehen da, ihre Körperhaltung ist nicht locker, sondern leicht angespannt. Wie bei einem Begräbnis oder wenn die Nationalhymne gesungen wird. Ihre Gesichter sind dem alten Opernhaus zugewandt, es trägt den Namen Atatürk Kültür Merkezi, die Istanbuler nennen es kurz AKM. Erdogan will das AKM ebenso abreißen lassen, wie er den Gezi-Park bebauen lassen will. Er plant hier den Bau einer Moschee. An der Fassade des Gebäudes ist in der vergangenen Woche ein riesiges Transparent mit einem Bild Atatürks entrollt worden, flankiert von zwei ebenso großen türkischen Flaggen.

          Für Freiheit, für Demokratie, aus Protest gegen Erdogan

          Ein leichter Wind fährt unter die beiden Flaggen, der Stoff kräuselt sich. Abgesehen von den Autos, die den Platz umrunden, ist das die einzige Bewegung hier. Eine Frau in Wildleder-Pumps bückt sich, streift die Absatzschuhe ab, stellt sie ordentlich vor sich hin und steht wieder gerade, mit nackten Füßen auf dem Kopfsteinpflaster. Es macht einen Unterschied, ob man auf Kopfsteinpflaster steht oder auf glattem Asphalt. Asphalt, das spürt man bald, ist angenehmer, wenn man lange stehen muss. Man müsse das Gesäß an- und entspannen, das helfe, flüstert eine Frau. Manche Leute haben einen Regenschirm aufgespannt, als Schutz gegen die Sonne. Sie steht schräg über dem Taksim-Platz.

          „Beug dich nicht“

          Stille kann Ruhe bedeuten oder Spannung. In der Stille auf dem Taksim-Platz schwingt vieles mit. Entschlossenheit, Anklage, Trauer, Wut, Ratlosigkeit. In diesen Tagen greift Erdogan ständig zum Mikrofon, um lauthals über die Demonstranten zu schimpfen. Mehrfach hat er dabei ausgedrückt, dass sie in seinen Augen nicht mehr zum türkischen Volk gehören. Indem die Demonstranten jetzt einfach nur stumm dastehen, geht Erdogan sein Gegenüber verloren. Es liegen ein stiller Vorwurf und ein Strafen in dem Schweigen, den der türkische Ministerpräsident sicher selbst in Ankara noch hören kann.

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