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Ist Ivanka Trump Feministin? : Die Frau als Front

Ivanka Trump in Berlin: Ihr Kopf ist anscheinend ein Allgemeingut, über ihn will im Moment jeder verfügen Bild: AP

Die bekannteste Tochter der Welt sprach in Berlin über Frauen. Eine schmerzhafte Suche nach Ivanka Trumps Feminismus in „Ivanka Trump“-Highheels.

          Sie ist ein Schlachtfeld. Wie Raketen wirft man auf sie Worte herunter: „Handtaschendesignerin“, „Model“, „Komplizin“. Wie Kriegsbeute nimmt man ihr ihre Sprache, das Wort „Feministin“ darf sie nicht sagen. Ivanka Trump kann keine sein!

          Anna Prizkau

          Redakteurin im Feuilleton.

          Während die bekannteste Tochter der Welt in der Kunsthalle der Deutschen Bank in Berlin sitzt, stehen die Ivanka-Bekämpfer vor dem Gebäude. Vielleicht einhundert Menschen, wütend darüber, dass Trump mittags auf einer Konferenz war, über Frauen sprach, und Feminismus. „Your feminsim is fake, you only care how much you make!“, schreien sie unrhythmisch im Chor. Es geht um die Modemarke „Ivanka Trump“, darum, dass in China genäht wird, dort, wo Arbeiter nicht einmal einen Dollar pro Stunde verdienen. „Keiner, der Ausbeutung fördert, ist Feminist“, sagen die Feministen, die gegen Trump protestieren. Was tragen sie? Zara zum Beispiel, gefertigt von syrischen Flüchtlingen, illegal angestellt und unterbezahlt in der Türkei, berichtete die BBC. „Es geht um Scheinheiligkeit“, ruft ein Demonstrant. Ja, denke ich, und ich gehe. Doch das Gehen schmerzt, die Füße brennen, die Haut ist zerrissen. Schuld sind die Trumps.

          Immer wieder heftet Trump das Wort „Weltklasse“ an ihre Eltern

          Denn bevor Ivanka Trump nach Berlin kommt, kommt „Ivanka Trump“ zu mir – ein Paket, ihre Highheels. Schwarz, Silber, Elfenbein. Sie sind perfekt. Wie ihre Werbung. Am Label klebt der Hashtag WomenWhoWork. Die Seite des Shops spult einen Clip mit sympathischen Frauen herunter, die über das Leben erzählen, die Arbeit. Muss man nicht mögen, doch die Trump-Mode-Message ist im Vergleich zu anderen angenehm angebracht. Keine „Love-Your-Curves“-Lügen auf dürren Körpern (Zara), kein #ImPerfect unter perfekt-schönen Menschen (Esprit).

          Mit Privatfernsehlächeln, das sich aufs Gesicht zieht, wenn Filme sehr glücklich enden, starre ich auf diese Schuhe und denke an diesen modegelehrten, modegerechten Satz: „Die Art, wie ich mich kleidete, hätte zeigen sollen, wer ich war“, schreibt Ivanka Trump in „The Trump Card“. Das Buch ist ein Businessratgeber. Über den Kapiteln thronen die Ansagen „Stay Open“ oder „Dream Big“. Zwischendurch erzählt die Autorin von ihren Eltern, heftet das Wort „Weltklasse“ an sie – „Weltklasse Vorbilder“.

          So weit, so leer, wäre nicht der eine modebesessene Satz, er hat zu tun mit einer Zeit der Angst, der Unsicherheit im ivanka trump life. Die Geschichte geht so: Ivanka Trump, Anfang zwanzig, unterschreibt ihren ersten Arbeitsvertrag mit Forest City Ratner, klar: Immobilienbusiness. Wochen vor dem ersten Tag kommt ein Albtraum. Jede Nacht diese Szene: ihr erster Termin auf einer Baustelle mit dem neuen Boss. Dort Bauarbeiter, sie pfeifen ihr nach, schreien ihrem Körper Worte über ihren Körper entgegen – auf den Baustellen des Vaters hatte sie in ihren Ferien, wenn sie dort aushalf, solche Begegnungen oft machen müssen. In ihrem Traum beobachtet sie der neue Boss, und sie muss sich entscheiden: Wie reagieren, ohne Schwäche zu zeigen? Es ist schwer, macht ihr Angst.

          Sexuelle Belästigung oder „nur gutmütiges Necken“?

          Diese Erste-Arbeitstag-Szene bleibt nur ein Albtraum, schreibt Trump, und dann, dass sie, um solchen Konfrontationen aus dem Weg zu gehen, zur Arbeit zuerst nur schwarze Anzüge trug, die Haare geknotet. Ein Fehler war das. Denn als sie sicherer wurde, erwachsener, begriff Trump, dass ihr Aussehen niemals die Erwartungen aller erfüllt. Wie ehrlich, wie richtig, könnte man denken, wäre da nicht ein seltsamer Rat. Zwar seien sexuelle Belästigungen „nie akzeptabel“, schreibt Trump, doch was für die eine Person beleidigend sei, könnte einer anderen als harmlos erscheinen. „Lerne herauszufinden, wann (...) ein Johlen (...) Belästigung ist und wann nur gutmütiges Necken.“ In den Kopf, der unvoreingenommen Ivanka Trump anschauen wollte, bohrt sich doch Voreingenommenes: die Gedanken an ihren Vater. Keine Zeit für Empörung, denn es ist Zeit, die Trumps anzuziehen, die Konferenz der W 20 beginnt bald. Dort treffen sich Unternehmerinnen, Politikerinnen, eine Königin, Angela Merkel und Ivanka Trump, um „die wirtschaftliche Stärkung von Frauen zu einem integralen Bestandteil der G20-Prozesse werden zu lassen“, sagt steif die Presseerklärung.

          Die Stimmung der Konferenz ist das Gegenteil von steif. Ein Hotel in Charlottenburg. Der Morgen. Die Männer sind beinahe unsichtbar, arbeiten stumm. Sie räumen Geschirr weg, machen die Garderobe. Die meisten Frauen tragen Highheels. Meine machen Probleme. Der Weg zu Tram, Bahn und Bus war schlecht gepflastert, war endlos. Auf der Bühne steht jetzt ein CEO, eine Frau, klar. Basmah Omair spricht über Lobbyarbeit in Saudi-Arabien und über die erste Frau des Propheten. Sie war Unternehmerin, alleinerziehend und die Chefin Mohammeds, er war in ihrer Karawanserei angestellt. „Gute Argumente in Saudi“, sagt strahlend Omair.

          Ivanka Trump präsentiert immer die perfekte Balance zwischen Mutterschaft und Macht.

          Es kommen mehr Frauen, mehr Argumente. Dann eine Pause. Eine Frau mit Pastellmaniküre blättert durch den Konferenzkatalog. „Das finde ich nicht gut“, sagt sie. Was? Die Maniküre zeigt auf Ivanka Trump. Ein normales Ivanka-Trump-Bild: die Lippen etwas geöffnet, die Haare super geföhnt, die linke Hand umrahmt das Gesicht. „Unseriös“, sagt der Mund, der zu den Pastellnägeln gehört, „so mädchenhaft muss man sich nicht inszenieren.“

          Ja, es ist eine traditionelle Art des Frauseins

          Wie Frauen sich inszenieren, aussehen sollen, das sagen oft Menschen, die Frauen nicht mögen. Sie stellen Lippenstift-Trägerinnen unter Verdacht, nur Oberfläche zu sein. Noch immer wohnt das Vorurteil Aussehen-bestimmt-die-Tiefe in Köpfen. Sie werden wutrot, wenn es um Ivanka Trump geht, auf Instagram beispielsweise. Trumps Fotos zeigen immerzu die perfekte Balance zwischen Mutterschaft – sie hat drei Kinder – und Macht. Ja, es ist eine traditionelle Art des Frauseins. Darf man Ivanka Trump deshalb das Wort „Feministin“ verbieten? Als ob Frauen, die traditionelle Weiblichkeit leben, nicht selbstbestimmt leben können. Warum will man überhaupt Menschen verbieten, sich selbst als Feministen zu sehen? Feminismus bedeutet vieles, bedeutet aber auch die Idee vom Leben ohne Zuschreibungen. So ein Leben kennt Ivanka Trump nicht, denn alle schreiben ihr alles zu. Selber Schuld, sagen die Ivanka-Bekämpfer, ihr Argument ist oft die Ivanka-Instagram-Welt, die sagt: Ich schaffe alles und sehe dabei umwerfend aus. Die Welten berufstätiger Frauen sehen selten so aus. Deshalb solle Trump gefälligst auch zeigen, dass nicht alles glatt sei und glänzend, fordern die Wütenden. Aber ist glänzend und glatt nicht einfach Instagram-Logik?

          Ivanka Trump nickt, nickt Königin Maxima zu. Es ist Mittag, sie sitzt auf dem Podium, die Hände auf den Knien. Die Pastellmanikürte freut sich bestimmt. Ivanka Trumps Stimme ist etwas rauh. Sie erklärt die Probleme der amerikanischen Frauen, spricht über Mutterschutz, und dann passiert es – donaldtrumphaft beschreibt sie ihren Vater, sagt „he has been a tremendous champion of supporting families“. Wie eine Bierdose, die gerade geöffnet wird, zischt jetzt der Saal. Das First-Daughter-Gesicht regt sich nicht. Ivanka Trump ist so, wie sie immer öffentlich ist – souverän, vorbereitet. Auf Nachfrage erzählt sie pseudopersönlich, dass ihr „Vater davon überzeugt ist, dass Frauen das Potential und das Können besitzen, einen Job genauso gut wie Männer zu machen“.

          Ivanka Trumps Sätze kollaborieren jetzt doch mit dem Vater. Dieser Widerspruch – liegt er auch im Trump-Feminismus? Ist er Teil ihrer politischen Überzeugung? Kalkül? Oder geht es nur um Familie? Das Business? Das bleibt immer verschwommen. So sehr, dass Ivanka-Berichte selbst in seriösen Zeitungen klingen wie eine „Intouch“: Ein „Vertrauter“ sagte dies, sagte das. „Familiäre Quellen“ behaupten, sie setze sich für den Klimaschutz ein, die anderen sagen, sie denke über das Klima wie der Präsident. Das Raten darüber, was in ihrem Kopf läuft, läuft durch jede Zeitung. Denn Ivanka Trumps Kopf ist anscheinend ein Allgemeingut, über ihn darf jeder verfügen.

          Die Füße schreien jetzt Anti-Ivanka-Parolen

          Auf der Bühne ist nicht nur der Trump-Kopf im Einsatz, dort sitzen Angela Merkel, Christine Lagarde, die kanadische Außenministerin Chrystia Freeland, Königin Maxima und drei Unternehmerinnen. Es ist so interessant wie traurig wie kompliziert, denn es geht um die Gleichberechtigung von Frauen in der Wirtschaft, die es nicht gibt. Dann ist der Startalk zu Ende. Es kommen andere Frauen, andere Gespräche.

          Ivanka Trump mit Vater Donald: Eltern wählt man nicht wie amerikanische Präsidenten.

          Ivanka Trump besucht das Holocaust-Denkmal, sagt Twitter nach der Konferenz. Gute Idee, denke ich, komme auf eine schlechte und gehe. Die Füße schreien jetzt Anti-Ivanka-Parolen, das Leder ist einfach zu hart, der linke Zeh blutig. Am Mahnmal stehen zwei Mädchen und lachen, wie junge Mädchen so lachen. Warum seid ihr hier? „Wegen Ivanka!“ Warum? „Sie ist wunderschön und macht Karriere und ist feministisch“, sagt die eine mit dunkelgeschminkten und kindlichen Augen. „Weil wir wollen wie sie sein“, sagt ihre Freundin. Dann rennen sie los. Trump läuft jetzt durch das Betonmeer von Peter Eisenman.

          Optisch ist alles phantastisch, in der Praxis liegen die Mängel

          Feminismus war zuerst Ivanka Trumps Mode-Botschaft, dann wurde er zu Trumps Politik. Derselbe Slogan, mit dem sie ihre Schuhe verkauft, wohnt jetzt in ihrem West-Wing-Büro. Dort arbeitet sie unbezahlt: nicht so feministisch. Ihre Ziele? Staatliche Zuschüsse zur Kinderbetreuung und ein bezahlter Mutterschutz, sagte sie in der Konferenz. Im Wahlkampf sagte sie, eine bezahlbare Gesundheitsfürsorge für Frauen fördern zu wollen. Als der Präsident aber ein Finanzierungsverbot für Abtreibungsorganisationen in Kraft setzt, schweigt seine Tochter. Sie schweigt immer, wenn es unangenehm wird, wenn ihr Vater unangenehm wird. In einem Interview sagte Ivanka Trump, dass das Fehlen einer öffentlichen Anprangerung nicht Schweigen bedeute. Muss man das glauben?

          Nein!, sagen am Abend die Ivanka-Bekämpfer vor der Deutschen Bank. Der Protest, der sich um das Aburteilen einer Frau dreht, verdreht einem den Magen. Während die Demonstranten wieder ohne Rhythmus „Ivanka, Ivanka, we don’t really want ya“ skandieren, schreien meine Füße mit ihnen. Nach elf Stunden kann auch ich aburteilen, „Ivanka Trump“ aburteilen: Optisch ist alles phantastisch, die Ausführung perfekt, doch in der Praxis liegen die Mängel. Die „Ivanka-Trump“-Schuhe sind das Symbol der Fassade Ivanka Trumps. Der Slogan WomenWhoWork lügt, gilt nur für bestimmte Frauen, die arbeiten, die nicht durch die Stadt rennen, Bus und Bahn fahren müssen, sondern Taxi.

          Im Kopf Taxiträume, Musik auf der Demo. Dann reden die Ivanka-Bekämpfer wieder darüber, dass Ivanka Trump reich sei und ihr Vater das Böse. Doch einen Vater wählt man nicht wie den Präsidenten Amerikas. Es ist so leicht, Ivanka Trump für ihren Vater zu hassen, wie es wahrscheinlich schwer ist, Donald Trump als Vater zu haben.

          „Hinter jedem erfolgreichen Mann stand eine erfolgreichere Frau“, sagte die kanadische Außenministerin Chrystia Freeland auf der Konferenz. Sie lächelte in Richtung Ivanka Trump, beugte ihren Kopf, dann ihren Satz: „Hinter jeder erfolgreichen Frau steht ein unterstützender Vater“, sagte nun Freeland und sagte es falsch. Denn in Wahrheit gehört das korrekte Zitat Sigmund Freud. Er schrieb: „Hinter jeder starken Frau versteckt sich ein tyrannischer Vater.“ Ivanka Trump nickte, ihre Lippen sagten lautlos ein „Yes“.

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