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Papst feiert Priesterjubiläum : Die Revolution ist abgesagt

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Doch nicht so radikal anders als seine Vorgänger? Papst Franziskus Bild: dpa

Dante, Weltfrieden und ein kleines Gästezimmer: Hat sich Papst Franziskus wirklich von der klassischen vatikanischen Außenpolitik abgekehrt – oder betreibt er seit Jahren deren konsequente Fortentwicklung?

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          Ich bin Jorge Bergoglio, Seelsorger. Ich bin nämlich gerne Seelsorger.“ Mit diesen Worten antwortet der Erzbischof von Buenos Aires und spätere Papst auf die Frage eines Journalisten, wie er sich fremden Personen vorstelle. Am 13. Dezember feiert Franziskus sein Goldenes Priesterjubiläum. Die Priesterweihe als Beginn seiner seelsorgerischen Tätigkeit ist für ihn ein Schlüsseldatum.

          Immer wieder wird geradezu von einem pastoralen Pontifikat gesprochen. Seine Amtsführung sei ganz von den Bedürfnissen der Pastoral, also der Seelsorge bestimmt. Vielen Beobachtern scheint das auch das entscheidend Neue an diesem Papst zu sein. Man grenzt ihn dann gern als Seelsorgerpapst von den großen Gelehrten, Mäzenen oder Diplomaten auf dem Stuhl Petri ab. In der öffentlichen Wahrnehmung ist das nicht das einzige Novum, das mit seiner Person verbunden wird. Sein gesamtes Auftreten wirkt unkonventionell. Er vermittelt das Bild eines Mannes, der radikal mit Traditionen bricht. Unweigerlich stellt sich dabei die Frage, inwieweit er in Kontinuität zu den vorherigen Päpsten steht.

          Der erste Jesuit an der Spitze

          Vergleichsmaßstab können eigentlich nur die Amtsinhaber der letzten hundertfünfzig Jahre sein, denn zuvor war das Rollenbild ein anderes. Vor der Zerschlagung des alten Kirchenstaates im Jahr 1870 war der Pontifex zugleich Landesherr einer italienischen Mittelmacht, und die weltliche Herrschaft überlagerte nicht selten die Aufgaben der Kirchenleitung. Zwar sind die mit Franziskus verbundenen Neuansätze in der Tat unübersehbar.

          Er ist der erste Jesuit an der Spitze der katholischen Kirche. Seine Amtsauffassung und sein Führungsstil sind unverkennbar jesuitisch geprägt. Noch weitreichender scheint, dass er der erste Vertreter eines neuzeitlichen Ordens ist. Diesen Gemeinschaften, die zumeist praktische seelsorgerischen Aufgaben haben, gehören heute die meisten Ordensleute an.

          Doch in manch anderer Hinsicht fällt es schwerer, in seiner Person und Amtsführung das grundstürzend Neue zu sehen. Das betrifft zunächst seine Herkunft und Prägung. Zwar ist Franziskus der erste Südamerikaner, der die katholische Kirche leitet. Als solcher bringt er Erfahrungen in sein Amt ein, die keiner seiner Vorgänger haben konnte, wie jüngst erst wieder die Amazonassynode gezeigt hat.

          Einfache Lebensführung

          Aber hier wird man nicht die ganz scharfe Bruchkante zum Bisherigen erkennen können, insofern er in seinem Habitus doch sehr viel an europäischem Erbe bewahrt. Seine piemontesischen Großeltern haben nicht nur die italienische Lebensweise, sondern auch ihren Dialekt an ihn weitergegeben. Seine kulturellen Präferenzen sind europäisch. Als Lieblingsautoren nennt er Hölderlin und Manzoni, Dantes „Göttliche Komödie“ hat er viermal gelesen.

          Fast alle neuzeitlichen Päpste gehörten dem italienischen Adel an. Der 1958 verstorbene Pius XII. war der letzte adlige Pontifex. Franziskus dagegen schreibt durch seine Herkunft aus einfachen Verhältnissen eine Linie fort, die zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts mit Pius X. beginnt. Es ist nun wieder wie in der Antike und im Mittelalter möglich, aus niedrigem sozialen Stand zur Papstwürde aufzusteigen. Die Frage, inwieweit die Amtsausübung einen anderen Charakter angenommen hat, seit die Päpste „Männer aus dem Volke“ sind, hat sicher einigen Reiz – sie stellt sich aber nicht erst seit Franziskus.

          Ein hervorstechendes Merkmal dieses Kirchenführers ist die Einfachheit der persönlichen Lebensführung. Auch nach sechs Jahren zieht er ein schlichtes Gästezimmer den Gemächern im Palazzo Apostolico vor. Doch diese persönliche Anspruchslosigkeit kann man ebenso bei allen anderen Päpsten der letzten hundertfünfzig Jahre beobachten – nur dass sie diese nicht so ostentativ gezeigt haben. Der Wunsch nach Einfachheit verbindet sich bei Franziskus mit Kritik am vatikanischen Zeremoniell. Doch gerade auf diesem Gebiet muss man nicht ihn, sondern Paul VI. als den entscheidenden Erneuerer einstufen, der 1968 den päpstlichen Hofstaat und fast alle Ehrenämter samt den Kostümen in spanischer Hoftracht abgeschafft hat.

          Politik der Verständigung

          Der gegenwärtige Papst wird von vielen Zeitgenossen als jemand wahrgenommen, der endlich in der vatikanischen Kurie aufräumt. Richtig ist dagegen, dass er diese Dauerbaustelle geerbt hat. Alle seine Vorgänger in den letzten anderthalb Jahrhunderten haben neue Dikasterien geschaffen, alte aufgelöst oder zusammengelegt, Kompetenzen neu umschrieben. Bisher ist nicht erkennbar, dass Franziskus’ Kurienreform ähnlich einschneidend ausfallen wird wie die Maßnahmen Pius’ X. und Pauls VI.

          In einer anderen Hinsicht scheint sich dieser Papst auf den ersten Blick signifikant von seinen Vorgängern zu unterscheiden, von denen die meisten vor ihrer Wahl im diplomatischen Dienst des Heiligen Stuhls oder im vatikanischen Staatssekretariat gewirkt hatten. Man kann daher geradezu von einem Zeitalter der „Diplomatenpäpste“ sprechen. Seit 1878 ist eine klare Kontinuitätslinie auszumachen, was das Verhältnis des Vatikans zu den Staaten angeht.

          Priorität blieb eine Politik der Verständigung, idealerweise eine rechtliche Absicherung der kirchlichen Position durch Konkordate. Man suchte in den Konflikten der Zeit neutral zu bleiben, den Heiligen Stuhl als humanitären Akteur zu etablieren und in die internationalen Organisationen einzubinden. Aber auch in der Außenpolitik vermag man nicht den ganz großen Bruch zwischen Franziskus und seinen Vorgängern auszumachen. Die erfolgreiche Vermittlung im Konflikt zwischen Kuba und den Vereinigten Staaten deutet in eine andere Richtung.

          Dialog mit dem Islam

          An ältere Weichenstellungen knüpft auch seine China-Politik an, die darauf abzielt, durch Zugeständnisse gegenüber der Staatsführung sowohl eine Anerkennung der Untergrundkirche als auch der regimetreuen Bischöfe zu erreichen. Die scharfe Kritik, die deshalb von vielen Katholiken geäußert wird, klingt nicht viel anders als die Reaktionen auf die päpstliche Appeasement-Politik der sechziger und siebziger Jahre, als der Vatikan durch Konzessionen gegenüber den kommunistischen Ostblockstaaten eine Erleichterung der Lebensbedingungen der Gläubigen vor Ort zu erreichen versuchte.

          In gewissem Sinn nimmt Franziskus also den Faden der vatikanischen Ostpolitik wieder auf. Aber auch an den polnischen Papst knüpft er an: In der Nachfolge Johannes Pauls II., der 1986 erstmals Vertreter aller großen Kirchen und Weltreligionen zu einem Friedenstreffen eingeladen hat, sieht der Argentinier diese in der Pflicht, sich für den Weltfrieden zu engagieren. Insbesondere der Dialog mit Vertretern des Islams ist ihm ein Anliegen. Das ist keine Abkehr von der klassischen vatikanischen Außenpolitik, sondern deren konsequente Fortentwicklung.

          Selbst das Narrativ vom Seelsorgerpapst mag man vor dem Hintergrund der jüngeren Papstgeschichte in Frage stellen. Mit einer Ausnahme (Pius XII.) leiteten alle Amtsinhaber vor ihrer Wahl ein Bistum. Bergoglio selbst konnte vor seiner Wahl insgesamt einundzwanzig Jahre Erfahrung als Bischof sammeln. Gemäß dem Bischofsideal des für die katholische Kirche prägenden Konzils von Trient, das die Bischöfe als „gute Hirten“ bestimmt, erscheint eine solche Tätigkeit heutzutage geradezu als notwendige Voraussetzung für die Ausübung des Papstamtes. Wissenschaftliche Meriten treten dahinter zurück: Nur drei der elf letzten Päpste hatten eine veritable akademische Karriere hinter sich.

          Die römische Kirche scheut den Traditionsbruch. In ihren offiziellen Dokumenten berufen sich die Päpste deshalb ständig auf ihre Vorgänger und zitieren sie ausgiebig. Gewissen Spielraum bietet die Präferenz bestimmter Päpste (so bezieht sich Franziskus auffallend häufig auf Paul VI.). Dieses Streben nach Kontinuität stößt bisweilen an Grenzen, wie man am Verhältnis zwischen Franziskus und Benedikt XVI. sehen kann, die von Charakter und Haltung her kaum unterschiedlicher sein könnten. Wenn offiziell immer wieder betont wird, es herrsche zwischen den beiden Männern vollkommene Einmütigkeit, so wirkt das bemüht. Allzu offenkundig haben sich Prioritäten im neuen Pontifikat verschoben – selbst in der gravierenden Missbrauchsfrage vermissen viele Zeitgenossen derzeit die von Ratzinger bewiesene Konsequenz.

          Ganz gleich, ob er sich bewusst als Neuerer inszeniert oder ihn die Medien zu einem solchen stilisieren: Der argentinische Pontifex steht doch in vielfacher Hinsicht in einer Kontinuitätslinie mit der jüngeren Papstgeschichte, und das deutlicher, als es vielen Zeitgenossen bewusst ist. Die Revolution im Vatikan ist abgesagt.

          Der Autor lehrt Mittlere und Neue Kirchengeschichte an der Universität Augsburg. Im März erschien bei Herder seine Monographie „Leo XIII. Papst und Staatsmann“.

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