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Papst feiert Priesterjubiläum : Die Revolution ist abgesagt

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In einer anderen Hinsicht scheint sich dieser Papst auf den ersten Blick signifikant von seinen Vorgängern zu unterscheiden, von denen die meisten vor ihrer Wahl im diplomatischen Dienst des Heiligen Stuhls oder im vatikanischen Staatssekretariat gewirkt hatten. Man kann daher geradezu von einem Zeitalter der „Diplomatenpäpste“ sprechen. Seit 1878 ist eine klare Kontinuitätslinie auszumachen, was das Verhältnis des Vatikans zu den Staaten angeht.

Priorität blieb eine Politik der Verständigung, idealerweise eine rechtliche Absicherung der kirchlichen Position durch Konkordate. Man suchte in den Konflikten der Zeit neutral zu bleiben, den Heiligen Stuhl als humanitären Akteur zu etablieren und in die internationalen Organisationen einzubinden. Aber auch in der Außenpolitik vermag man nicht den ganz großen Bruch zwischen Franziskus und seinen Vorgängern auszumachen. Die erfolgreiche Vermittlung im Konflikt zwischen Kuba und den Vereinigten Staaten deutet in eine andere Richtung.

Dialog mit dem Islam

An ältere Weichenstellungen knüpft auch seine China-Politik an, die darauf abzielt, durch Zugeständnisse gegenüber der Staatsführung sowohl eine Anerkennung der Untergrundkirche als auch der regimetreuen Bischöfe zu erreichen. Die scharfe Kritik, die deshalb von vielen Katholiken geäußert wird, klingt nicht viel anders als die Reaktionen auf die päpstliche Appeasement-Politik der sechziger und siebziger Jahre, als der Vatikan durch Konzessionen gegenüber den kommunistischen Ostblockstaaten eine Erleichterung der Lebensbedingungen der Gläubigen vor Ort zu erreichen versuchte.

In gewissem Sinn nimmt Franziskus also den Faden der vatikanischen Ostpolitik wieder auf. Aber auch an den polnischen Papst knüpft er an: In der Nachfolge Johannes Pauls II., der 1986 erstmals Vertreter aller großen Kirchen und Weltreligionen zu einem Friedenstreffen eingeladen hat, sieht der Argentinier diese in der Pflicht, sich für den Weltfrieden zu engagieren. Insbesondere der Dialog mit Vertretern des Islams ist ihm ein Anliegen. Das ist keine Abkehr von der klassischen vatikanischen Außenpolitik, sondern deren konsequente Fortentwicklung.

Selbst das Narrativ vom Seelsorgerpapst mag man vor dem Hintergrund der jüngeren Papstgeschichte in Frage stellen. Mit einer Ausnahme (Pius XII.) leiteten alle Amtsinhaber vor ihrer Wahl ein Bistum. Bergoglio selbst konnte vor seiner Wahl insgesamt einundzwanzig Jahre Erfahrung als Bischof sammeln. Gemäß dem Bischofsideal des für die katholische Kirche prägenden Konzils von Trient, das die Bischöfe als „gute Hirten“ bestimmt, erscheint eine solche Tätigkeit heutzutage geradezu als notwendige Voraussetzung für die Ausübung des Papstamtes. Wissenschaftliche Meriten treten dahinter zurück: Nur drei der elf letzten Päpste hatten eine veritable akademische Karriere hinter sich.

Die römische Kirche scheut den Traditionsbruch. In ihren offiziellen Dokumenten berufen sich die Päpste deshalb ständig auf ihre Vorgänger und zitieren sie ausgiebig. Gewissen Spielraum bietet die Präferenz bestimmter Päpste (so bezieht sich Franziskus auffallend häufig auf Paul VI.). Dieses Streben nach Kontinuität stößt bisweilen an Grenzen, wie man am Verhältnis zwischen Franziskus und Benedikt XVI. sehen kann, die von Charakter und Haltung her kaum unterschiedlicher sein könnten. Wenn offiziell immer wieder betont wird, es herrsche zwischen den beiden Männern vollkommene Einmütigkeit, so wirkt das bemüht. Allzu offenkundig haben sich Prioritäten im neuen Pontifikat verschoben – selbst in der gravierenden Missbrauchsfrage vermissen viele Zeitgenossen derzeit die von Ratzinger bewiesene Konsequenz.

Ganz gleich, ob er sich bewusst als Neuerer inszeniert oder ihn die Medien zu einem solchen stilisieren: Der argentinische Pontifex steht doch in vielfacher Hinsicht in einer Kontinuitätslinie mit der jüngeren Papstgeschichte, und das deutlicher, als es vielen Zeitgenossen bewusst ist. Die Revolution im Vatikan ist abgesagt.

Der Autor lehrt Mittlere und Neue Kirchengeschichte an der Universität Augsburg. Im März erschien bei Herder seine Monographie „Leo XIII. Papst und Staatsmann“.

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