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Realismus auf dem Prüfstand : Ist der Westen am Krieg schuld?

  • -Aktualisiert am

Das muss der Kollege Putin wohl auf sich bezogen haben: Wolodymyr Selenskyj am 20. Mai 2019, nach seiner Vereidigung als Präsident der Ukraine. Bild: www.imago-images.de

Russland ist keine Billardkugel, deren Inneres uninteressant wäre: John Mearsheimers Sicht auf Putin und die NATO offenbart das Unrealistische an der Theorie des Realismus. Ein Gastbeitrag.

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          John Mearsheimer, Professor an der University of Chicago, ist der weltweit bekannteste Vertreter des „Realismus“, einer Theorie über die Weltpolitik. Seine intellektuellen Vorfahren sind Hans J. Morgenthau, Henry Kissinger und Kenneth N. Waltz. Im Realismus stellt die Weltpolitik ein anarchisches System dar, das durch das Machtstreben der Großmächte geprägt ist, die strukturell in einem Verhältnis des Konflikts zueinanderstehen. Die Möglichkeit des Krieges ist ihm stets eingeschrieben. Gebändigt werden kann die Weltpolitik nur durch die gegenseitige Ausbalancierung der Großmächte. Vor diesem Hintergrund hat John Mearsheimer bei einer Reihe viel beachteter Auftritte erklärt, weshalb der Westen die Verantwortung für die Krise in der Ukraine trage – zuletzt am 15. Februar am King’s College in London.

          Es sind in dieser Sicht insbesondere Erklärungen der Absicht, der Ukraine den Weg in die NATO ebnen zu wollen, förmlich abgegeben auf dem Bukarester NATO-Gipfel 2008 und erneut 2018, welche die russische Einflusssphäre verletzt und eine starke russische Reaktion unabdingbar gemacht hätten. In der Bundesrepublik wird eine ähnliche Position insbesondere von Personen vertreten, die der Linkspartei angehören oder nahestehen. Sahra Wagenknecht ist die be­kannteste Sprecherin dieser Gruppe. Sie verweist zudem gerne auf die Doppelbödigkeit der westlichen Position, weil ja auch die Vereinigten Staaten einen völkerrechtswidrigen Krieg im Irak geführt hätten und eine der heutigen vergleichbare Reaktion damals ausgeblieben sei. In eher abstrusen Versionen dieser Position wird zudem von den Interessen der deutschen Rüstungsindustrie gesprochen. Letzteres findet sich bei Mearsheimer nicht, aber auch er bezog 2002 öffentlich gegen den Irakkrieg Stellung. Die beschriebene Koalition wirkt noch überraschender, wenn man bedenkt, dass es auch in der AfD Anhänger dieser Argumentationen gibt. „Strange bedfellows“ nennt man das im Englischen.

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