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Interview : Ist das moderne Verlierertum männlich?

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Während die Leistungen der Mädchen immer besser werden, stecken die Jungen in der Krise. Warum steht niemand auf und protestiert? Die systematische Benachteiligung von Jungen müsste uns doch erschüttern, meint der Entwicklungspsychologe Wassilios Fthenakis.

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          Während die Leistungen der Mädchen immer besser werden, stecken die Jungen in der Krise. Warum steht niemand auf und protestiert? Die systematische Benachteiligung von Jungen müsste uns doch erschüttern, meint der Entwicklungspsychologe Wassilios Fthenakis.

          Während die Leistungen von Mädchen immer besser werden, stecken die Jungen in der Krise; sie bevölkern Haupt- und Sonderschulen, sehen Gewaltvideos, brechen die Schule ab. Warum?

          In den siebziger Jahren galt dem „katholischen Mädchen vom Land“ die Sorge des Bildungssystems, heute sind es die Jungen, vor allem jene aus Migrantenfamilien und sozial schwachen Schichten. Eine Erklärung findet die Forschung in der Art der Sozialisation der Jungen. Mädchen entwickeln früh die Neigung, Einfluss auf andere zu nehmen, wodurch sie differenzierte Interaktionstechniken entwickeln. Diesen Sozialisationsweg tragen die Jungen meist nicht mit, was ihnen Nachteile in unserer postmodernen Gesellschaft bringt. Dass Jungen wenig verbalisieren, schlägt sich in einer reduzierten Lese- und Sprachkompetenz nieder.

          Geschlechter nicht gegeneinander ausspielen: der Entwicklungspsychologe Wassilios Fthenakis
          Geschlechter nicht gegeneinander ausspielen: der Entwicklungspsychologe Wassilios Fthenakis : Bild: DIETER RÜCHEL

          Was löst das geschlechtstypische Verhalten aus, die Umwelt, die Gene?

          Es ist biologisch bestimmt. Aber wir wissen, dass in hohem Maße ein sozialer Einfluss wirkt. Deshalb muss unser Bildungssystem die soziale Konstruktion der Geschlechter zurückfahren. Ich kenne kein Gebiet, wo mehr Kreativität verlorengeht als bei der sozialen Ordnung der Geschlechter. Die Botschaften, die wir Kindern über Filme, Geschichten, Materialien vermitteln, sind verheerend. „Dornröschen“ ist dafür ein Beispiel: Die Prinzessin bleibt passiv, allein dem Prinzen kommt die Rolle der Bewältigung zu.

          Aber das Gegenteil ist doch heute der Fall. Es gibt es zahllose Förderprogramme für Mädchen – „Girls Days“ an Schulen, „Mädchenfreiräume“ auf Spielplätzen, „Mädchen-Ermutigungs-Kurse“ in Jugendzentren. Anders als Socken strickende Jungs werden Mädchen ermuntert, Computer zu programmieren.

          Es ist das Verdienst der Frauen des zwanzigsten Jahrhunderts, dass hier überhaupt ein Wandel eingetreten ist. Dabei haben wir es aber versäumt, die Männer mit einzubeziehen. Dass etwa Männer ebenso Probleme haben mit der Nichtvereinbarkeit von Familie und Beruf wie Frauen, thematisieren wir nicht. Auch nimmt die Gesellschaft den Wandel, den Männer als Väter in den vergangenen dreißig Jahren vollzogen haben, nicht wahr.

          Welchen Anteil an den Problemen der Jungen hat die Verweiblichung der Schulen? Mehr als achtzig Prozent der Grundschullehrer sind Frauen, in Kindergärten gibt es kaum männliche Erzieher.

          Das Problem fehlender Modelle von Männlichkeit haben wir nicht nur in Bildungseinrichtungen. Auch nachmittags begegnen Kinder mit ihren Müttern in Krabbelgruppen oder an der Supermarktkasse wieder nur Frauen. Die skandinavischen Länder haben deshalb viel getan, um mehr Männer in den Bildungsbereich zu integrieren, mit Erfolg: In Dänemark sind zwanzig Prozent der Erzieher männlich. Unser Problem ist hier ein doppeltes: Das Niveau der Ausbildung ist zu niedrig und deshalb die Bezahlung schlecht. Und die Anerkennung von Berufen, in denen viele Frauen arbeiten, ist gering.

          Es gibt Untersuchungen, wonach Jungen bei gleicher Leistung von Lehrern schlechter benotet werden als Mädchen.

          Genauso wie Männer in der Vergangenheit in Netzwerken ihren Machtstatus untermauert haben, bevorzugen heute Frauen jene, die mehr dem eigenen Ansatz entsprechen: die Mädchen. Deshalb sind Jungen heute die gefährdete und benachteiligte Gruppe. Es müsste eine Gesellschaft erschüttern, wenn ein Geschlecht, egal welches, diese systematische Benachteiligung erfährt. Aber niemand steht auf und protestiert. Es herrscht statt dessen ein merkwürdiges Schweigen.

          Hat sich die Beurteilung verändert, zum Nachteil der Jungen? Wer früher auf dem Schulhof raufte, galt als „Lausbub“, während dies heute von Pädagogen als „sozial defizitär“ gesehen wird.

          Die diagnostische Kompetenz der Lehrer ist schlecht, und die Folgen sind verheerend. Dass unser Bildungssystem enorme Ungerechtigkeiten für Jungen produziert, ist empirisch längst nachgewiesen. Weil wir zu lange am Modell der Industriegesellschaft und ihrer Fixierung der Rollen festgehalten haben. Heute sind nur noch fünfzehn Prozent der Europäer in der klassischen Industrie tätig. Der Rest ist Teil der Informationsgesellschaft, die eine andere Logik verfolgt, andere Zeitakte und Flexibilitäten erfordert.

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