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Flüchtlingskulturstreit : Deutschstunde bei Botho Strauß

Galionsfiguren deutscher Kultur: Goethe-Schiller-Denkmal auf dem Theaterplatz in Weimar Bild: AP

Der „Spiegel“ nennt Botho Strauß den „letzten Deutschen“. Die Abschiedsrolle spielt der Dichter gut. Nur: Das Deutschtum, das er verabschiedet, ist bei uns leider unsterblich. Eine Widerrede.

          Botho Strauß ist der größte lebende Deutsche. Diese Feststellung lässt sich leicht als übertriebenes Lob missverstehen, ist aber als vergleichsweise milde Beleidigung gemeint. Sie lässt sich begründen.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Der Dichter Strauß schreibt romantisch wie E. T. A. Hoffmann: „Manchmal habe ich das Gefühl, nur bei den Ahnen noch unter Deutschen zu sein.“ Der Dichter schreibt klassisch wie Schiller: „Zum Missbrauch kann so gut wie alles dienen“ – entzückend, dass in einem Nachrichtenmagazin mal ein hübscher Blankvers steht. Der Dichter schreibt kernig wie Luther: „Nun, was kann den Deutschen Besseres passieren, als in ihrem Land eine kräftige Minderheit zu werden?“ Der Dichter schickt einen frommen Gruß Richtung Morgenland wie Friedrich Rückert: „Was aber Überlieferung ist, wird eine Lektion, vielleicht die wichtigste, die uns die Gehorsamen des Islam erteilen.“ Der Dichter schreibt schließlich überreiztes, allerlei Dolchstöße und Verschwörungen andeutendes Geraune wie die allermeisten unserer Großen, wenn sie nur in entsprechend krachdeutscher Verfassung waren: „Ich möchte lieber in einem aussterbenden Volk leben als in einem, das aus vorwiegend ökonomisch-demografischen Spekulationen mit fremden Völkern aufgemischt, verjüngt wird, einem vitalen.“

          Wer ist ein Deutscher?

          Eine Anthologie traditionell deutscher Schreibattitüden ist das also, dieser Essay „Der letzte Deutsche“, der als besonders sachhaltiger und nützlicher Debattenbeitrag zur Flüchtlingskrise den „Spiegel“ dieser Woche ziert. Davor, dass ein Nazi ihn verstünde und auf der Straße brüllte, muss sich niemand fürchten. Aber rechtfertigt der Text den Entschluss, seinen Verfasser als größten lebenden Deutschen anzusprechen?

          Der Reihe nach. Ein Deutscher ist jemand, der zur deutschen Nation gerechnet werden kann. Die deutsche Nation hat freilich strenggenommen keine stetige oder wenigstens intermittierende historische Realität, die sich mit der französischen, italienischen oder englischen vergleichen kann, wo unter Führung des Bürgertums unternommene Angriffe auf Standesvorrechte von Adel und Klerus mehr oder weniger erfolgreich das Mittelalter beendeten. Man sollte, so wollten das die Schöpfer jener Nationen, juristisch nicht mehr primär „Adliger“, „Leibeigener“ oder „Handwerker“ sein, sondern Franzose, Engländer und dergleichen. Je nach Kräfteverhältnis wurde die dabei angestrebte Gleichheit der Staatsbürger mal mehr, mal weniger gründlich durchgesetzt. Die Angelegenheit nahm mindestens dreihundert Jahre in Anspruch und verlief äußerst heterogen: Cromwell war nicht Robespierre und dieser nicht Garibaldi, aber der Tendenz nach konvergierte ihrer aller Wirken auf eine Zerschlagung oder wenigstens eine Erosion der alten Hierarchien und Raumordnungen, der ständischen, konfessionellen und kleinterritorialen Rückstände hin.

          Die Deutschen jedoch haben nichts zustande gekriegt, was sich mit der Beseitigung ständischer Altlasten als Voraussetzung der Konstitution moderner Flächenstaaten anderswo messen könnte. Ihr Nationalgefühl war und ist daher immer nur die mehr oder weniger verkappte, verkaterte und oft schon im Moment der Ausrufung einer neuen Sorte Staatlichkeit die Faust des Ressentiments in der Tasche ballende Dankbarkeit einer lokalen oder fremden Übermacht gegenüber, die ihnen jeweils das geschenkt hat, was sie „Nation“ nennen sollten – Bismarck, Truman, Stalin, solche Leute waren die Geber, und was sie gaben, rückten sie meistens nur mit weitreichenden sozial- wie globalpolitischen Hintergedanken heraus. Da „Deutschland“ also in keinem realistisch-historischen Sinn jemals eine seriöse, moderne nationale Tatsache war, blieb das Ding stattdessen eben eine Idee.

          Ein Deutscher a fortiori ist infolgedessen jemand, der historischen Realismus, wirkliche Politik, „Ökonomisch-Demografisches“ (Strauß) und anderes, hier oft nur mit einem Fremdwort sagbares ausländisches Zeug permanent und systematisch zugunsten dessen abwertet, was in seinem Kopf so an hehrem Wehen des Wesentlichen vorgeht – jemand eben, der sich, egal, was seine Nachrichtenmagazine gerade melden, noch in jeder Lage seine „Ideale bewahrt hat und den Humor und sonstigen Mottenfraß“ (Karl Kraus). So verstanden, kann man beim besten Willen nicht deutscher sein als Botho Strauß. Welche anderen Möglichkeiten als die, so wie dieser Dichter wacker ins unergründliche Dunkel murmelnder und bruddelnder Ahnenmahnung draufloszuphilosophieren, hätte denn auch so ein Deutscher derzeit, wo all die vielen Fremden uns überrennen und sich dann, wenn wir sie sogar reinlassen, nicht mal als engelhafte Außerirdische entpuppen, die sofort und für ein Bonbon unsere Alten pflegen, unsere Kinder betreuen, unsere Arbeitslosen wieder in Lohn und Brot setzen und unsere Kranken heilen, die wir doch gerade alle so malerisch um uns geschart hatten, weil die Flüchtlinge noch nicht da waren, an denen wir uns jetzt erbauen dürfen?

          Gut, so ein Deutscher könnte sich, wie die von Dolf Sternberger und Jürgen Habermas erfundenen sogenannten Verfassungspatrioten, die es hier und da in der CDU, der SPD, der FDP und bei den Grünen geben soll, immerhin darauf berufen, dass unsere einzige Leitkultur das Grundgesetz sei und alle, die es respektierten, hier willkommen seien. Dann müsste er freilich einige Leute sofort nach Syrien ausweisen, die in den genannten Parteien während der kurzen Geschichte der kleinen und der noch kürzeren Geschichte der größeren Bundesrepublik mit allerlei Radikalenerlassen, Lauschangriffen oder militärischen Abenteuern jenseits des Verteidigungsfalls und der eigenen offenen Schamgrenzen gezeigt haben, was sie von diesem Grundgesetz tatsächlich halten.

          Bedenken beim Schenken

          Der hypothetische Idealdeutsche könnte sich, wäre er Zyniker, auch hämisch darüber freuen, dass Menschen, die man nach lebensgefährlichen Strapazen unter menschenunwürdigen Platz- und ungeklärten Versorgungsverhältnissen in Notunterkünften kaserniert, einander an die Gurgel gehen, weil man da eben wieder sieht, was er eh gewusst hat, nämlich, dass die blöde Wirklichkeit hässlich ist. Aber dann müsste er sich der NPD anschließen oder Boulevardjournalist werden, und beides lässt wenig Raum fürs Geistige, das doch den Deutschen zuallererst auszeichnet.

          So könnte er schließlich als Bedenkenträger den Verdacht der Fremdenfeindlichkeit von sich weisen und beteuern, es liege ihm doch nur das vorbildliche, von Überlastung bedrohte deutsche Sozialsystem am Herzen. Dann müsste er indes, um nicht als Heuchler dazustehen, schnell nachweisen, wann man in den vergangenen Jahrzehnten, als der heutige Volkstribun Seehofer die Gesundheitsversorgung zusammenstrich, als Riester die Altersversorgung an private Konzerne verhökerte, als Hartz IV durchgedrückt wurde und andere Brutalitäten mehr, auch nur den geringsten Mucks von ihm und seinesgleichen gehört hat.

          Der Deutsche bevorzugt Ideale statt der Realität

          Der Deutsche aber will nicht im Diesseits leben, sondern gute Verhaltensnoten im Himmel kassieren. Nach 1945 hat er, was schon Hannah Arendt befremdlich fand, nicht die Funktionäre des Mordes hart bestraft und seine Profiteure enteignet, sondern sich an die Brust geschlagen und den „Hitler in uns allen“ niederzuringen versucht. Auch anderen Glaubensgemeinschaften als den deutschen Patrioten fiel es ja leichter, eine Woche der Brüderlichkeit zu veranstalten, als etwa einen Vertrag zu kündigen, den das Hitler-Reich mit ihnen geschlossen hatte und der Vorteile mit sich brachte und bringt, die sich ein heutiger deutscher Staat nicht mehr so leicht würde abhandeln lassen, weil die Politik das Wort der Priester nicht im selben Ausmaß wie seinerzeit berücksichtigen zu müssen meint.

          Wenn der Deutsche der Umwelt helfen will, wäscht er seinen individuellen Joghurtbecher aus und spricht mit Bäumen, während der Chemiekonzern unbehelligt weiter Dreck in den Fluss leitet. Wenn der Deutsche eine Raketenaufrüstung verhindern will, legt er sich zu Hunderten wie tot vors Freiburger Münster und hofft, das werde auf die Nato-Führung Eindruck machen. Derzeit begrüßt er Flüchtlinge. Er wird bald von ihnen enttäuscht sein wie von der Umwelt, von der Nato und überhaupt von allem, das sich nicht um seine Gesinnung schert. Er selbst schert sich, glauben jedenfalls seine Nachrichtendichter und Essaymagazine, mehr um eine tiefsinnige Debatte darüber, was die „Einwanderung der Entwurzelten“ (Strauß) für unsere Ideale, unseren Humor und sonstigen Mottenfraß bedeutet, als für geringfügig Beschäftigte, Arbeitslose, Alte, Kranke, Kriegsversehrte und was sonst so alles in der Realität vorkommt, die er nur zulässt, um sie zu ignorieren.

          Er spricht die Sprache jener armen einheimischen Teufel nicht, und dass er jetzt bei Strafe einer erneuten Verschlimmerung des hiesigen sozialen Lebens beweisen muss, dass er Neuankömmlinge, deren Sprache er ebenfalls nicht spricht, anständig behandeln kann, ist dafür zwar wieder nur ein Symbol, aber immerhin auch eine Art Strafe. Hoffentlich wird sie nicht wieder, wie jede bisher, zur Bewährung ausgesetzt.

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