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Flüchtlingskulturstreit : Deutschstunde bei Botho Strauß

Bedenken beim Schenken

Der hypothetische Idealdeutsche könnte sich, wäre er Zyniker, auch hämisch darüber freuen, dass Menschen, die man nach lebensgefährlichen Strapazen unter menschenunwürdigen Platz- und ungeklärten Versorgungsverhältnissen in Notunterkünften kaserniert, einander an die Gurgel gehen, weil man da eben wieder sieht, was er eh gewusst hat, nämlich, dass die blöde Wirklichkeit hässlich ist. Aber dann müsste er sich der NPD anschließen oder Boulevardjournalist werden, und beides lässt wenig Raum fürs Geistige, das doch den Deutschen zuallererst auszeichnet.

So könnte er schließlich als Bedenkenträger den Verdacht der Fremdenfeindlichkeit von sich weisen und beteuern, es liege ihm doch nur das vorbildliche, von Überlastung bedrohte deutsche Sozialsystem am Herzen. Dann müsste er indes, um nicht als Heuchler dazustehen, schnell nachweisen, wann man in den vergangenen Jahrzehnten, als der heutige Volkstribun Seehofer die Gesundheitsversorgung zusammenstrich, als Riester die Altersversorgung an private Konzerne verhökerte, als Hartz IV durchgedrückt wurde und andere Brutalitäten mehr, auch nur den geringsten Mucks von ihm und seinesgleichen gehört hat.

Der Deutsche bevorzugt Ideale statt der Realität

Der Deutsche aber will nicht im Diesseits leben, sondern gute Verhaltensnoten im Himmel kassieren. Nach 1945 hat er, was schon Hannah Arendt befremdlich fand, nicht die Funktionäre des Mordes hart bestraft und seine Profiteure enteignet, sondern sich an die Brust geschlagen und den „Hitler in uns allen“ niederzuringen versucht. Auch anderen Glaubensgemeinschaften als den deutschen Patrioten fiel es ja leichter, eine Woche der Brüderlichkeit zu veranstalten, als etwa einen Vertrag zu kündigen, den das Hitler-Reich mit ihnen geschlossen hatte und der Vorteile mit sich brachte und bringt, die sich ein heutiger deutscher Staat nicht mehr so leicht würde abhandeln lassen, weil die Politik das Wort der Priester nicht im selben Ausmaß wie seinerzeit berücksichtigen zu müssen meint.

Wenn der Deutsche der Umwelt helfen will, wäscht er seinen individuellen Joghurtbecher aus und spricht mit Bäumen, während der Chemiekonzern unbehelligt weiter Dreck in den Fluss leitet. Wenn der Deutsche eine Raketenaufrüstung verhindern will, legt er sich zu Hunderten wie tot vors Freiburger Münster und hofft, das werde auf die Nato-Führung Eindruck machen. Derzeit begrüßt er Flüchtlinge. Er wird bald von ihnen enttäuscht sein wie von der Umwelt, von der Nato und überhaupt von allem, das sich nicht um seine Gesinnung schert. Er selbst schert sich, glauben jedenfalls seine Nachrichtendichter und Essaymagazine, mehr um eine tiefsinnige Debatte darüber, was die „Einwanderung der Entwurzelten“ (Strauß) für unsere Ideale, unseren Humor und sonstigen Mottenfraß bedeutet, als für geringfügig Beschäftigte, Arbeitslose, Alte, Kranke, Kriegsversehrte und was sonst so alles in der Realität vorkommt, die er nur zulässt, um sie zu ignorieren.

Er spricht die Sprache jener armen einheimischen Teufel nicht, und dass er jetzt bei Strafe einer erneuten Verschlimmerung des hiesigen sozialen Lebens beweisen muss, dass er Neuankömmlinge, deren Sprache er ebenfalls nicht spricht, anständig behandeln kann, ist dafür zwar wieder nur ein Symbol, aber immerhin auch eine Art Strafe. Hoffentlich wird sie nicht wieder, wie jede bisher, zur Bewährung ausgesetzt.

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Trailer : „Parasite“

„Parasite“, 2019. Regie: Joon-ho Bong. Darsteller: Kang-Ho Song, Woo-sik Choi, Park So-Dam. Kinostart: 17. Oktober 2019

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