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Flüchtlingskulturstreit : Deutschstunde bei Botho Strauß

Die Deutschen jedoch haben nichts zustande gekriegt, was sich mit der Beseitigung ständischer Altlasten als Voraussetzung der Konstitution moderner Flächenstaaten anderswo messen könnte. Ihr Nationalgefühl war und ist daher immer nur die mehr oder weniger verkappte, verkaterte und oft schon im Moment der Ausrufung einer neuen Sorte Staatlichkeit die Faust des Ressentiments in der Tasche ballende Dankbarkeit einer lokalen oder fremden Übermacht gegenüber, die ihnen jeweils das geschenkt hat, was sie „Nation“ nennen sollten – Bismarck, Truman, Stalin, solche Leute waren die Geber, und was sie gaben, rückten sie meistens nur mit weitreichenden sozial- wie globalpolitischen Hintergedanken heraus. Da „Deutschland“ also in keinem realistisch-historischen Sinn jemals eine seriöse, moderne nationale Tatsache war, blieb das Ding stattdessen eben eine Idee.

Ein Deutscher a fortiori ist infolgedessen jemand, der historischen Realismus, wirkliche Politik, „Ökonomisch-Demografisches“ (Strauß) und anderes, hier oft nur mit einem Fremdwort sagbares ausländisches Zeug permanent und systematisch zugunsten dessen abwertet, was in seinem Kopf so an hehrem Wehen des Wesentlichen vorgeht – jemand eben, der sich, egal, was seine Nachrichtenmagazine gerade melden, noch in jeder Lage seine „Ideale bewahrt hat und den Humor und sonstigen Mottenfraß“ (Karl Kraus). So verstanden, kann man beim besten Willen nicht deutscher sein als Botho Strauß. Welche anderen Möglichkeiten als die, so wie dieser Dichter wacker ins unergründliche Dunkel murmelnder und bruddelnder Ahnenmahnung draufloszuphilosophieren, hätte denn auch so ein Deutscher derzeit, wo all die vielen Fremden uns überrennen und sich dann, wenn wir sie sogar reinlassen, nicht mal als engelhafte Außerirdische entpuppen, die sofort und für ein Bonbon unsere Alten pflegen, unsere Kinder betreuen, unsere Arbeitslosen wieder in Lohn und Brot setzen und unsere Kranken heilen, die wir doch gerade alle so malerisch um uns geschart hatten, weil die Flüchtlinge noch nicht da waren, an denen wir uns jetzt erbauen dürfen?

Gut, so ein Deutscher könnte sich, wie die von Dolf Sternberger und Jürgen Habermas erfundenen sogenannten Verfassungspatrioten, die es hier und da in der CDU, der SPD, der FDP und bei den Grünen geben soll, immerhin darauf berufen, dass unsere einzige Leitkultur das Grundgesetz sei und alle, die es respektierten, hier willkommen seien. Dann müsste er freilich einige Leute sofort nach Syrien ausweisen, die in den genannten Parteien während der kurzen Geschichte der kleinen und der noch kürzeren Geschichte der größeren Bundesrepublik mit allerlei Radikalenerlassen, Lauschangriffen oder militärischen Abenteuern jenseits des Verteidigungsfalls und der eigenen offenen Schamgrenzen gezeigt haben, was sie von diesem Grundgesetz tatsächlich halten.

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