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Leben am Tegernsee : Nationalpark für Großkopferte

Blick auf Rottach-Egern am Tegernsee Bild: picture alliance / Zoonar

Nach einer Razzia bei einem russischen Oligarchen ist das bayerische Postkartenidyll am Tegernsee wieder in die Schlagzeilen geraten. Dabei mag man das dort gar nicht.

          11 Min.

          Die Egerner hat derzeit Pause. Zwölfmal im Jahr wird die Glocke geläutet, das nächste Mal zur Wintersonnwende. Sie steht an der Überfahrt in Rottach-Egern, neben dem gleichnamigen Fünfsternehotel. Die Glocke komme bei „brauchtumsüblichen, kulturellen und gemeinschaftsgebundenen Anlässen“ zum Einsatz, so verrät es die Tegernseer Tal Tourismus GmbH in makellosem Maklerdeutsch. Zwei Angler werfen ihre Leinen weit hinaus in den schwarzkalten Wintersee. Die Nacht zuvor hat es heruntergeschneit auf den Hausbergen, als ob es je schon hinaufgeschneit hätte. Auf den Hecht sind die Angler aus, der Saibling ist gesperrt um diese Zeit. Beißt was? „No, aber das macht nischts“, sagt einer der beiden Männer, gut gelaunt mit französischen Akzent.

          Hannes Hintermeier
          Feuilleton-Korrespondent für Bayern und Österreich.

          In der Nachbarschaft des Hotels steht ein bescheideneres Anwesen. Mit Kunststoffjalousien, einem grünen Plastikfrosch und einer Baumarktlampe neben der Haustür. Sieht verdächtig normal aus, ist in dieser Lage sicher unerschwinglich. Denn alles, was sich an diesem kalten Novembersamstag im Ort bewegt, ist premium. Tatsächlich muss man sagen, es maybachelt nachgerade. Die größten SUVs, die flachsten Sportwagen mit den mattesten Sonderlackierungen, die teuersten Seidendirndl, die therapiertesten Windhunde. Und alles, wie der Bayer sagt, mit der Zahnbürste gepflegt. Für ein Echo bäuerlicher Ursprünge sorgt ein Traktor, der mit überhöhter Geschwindigkeit, die Schaufel voller Erde, auf der Aribostraße Richtung Ortsmitte brettert. Der Fahrer trägt einen Trachtenhut.

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