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Grenzüberschreitende Liaison : Israel lehnt interkulturellen Liebesroman als Schullektüre ab

  • -Aktualisiert am

Die Autorin Dorit Rabinyan mit ihrem Buch „Gader Haya“: Der Roman wurde von der Kritik und anderen Schriftstellern hoch gelobt. Bild: AFP

Eine fiktive Liebesaffäre zwischen einem palästinensischen Künstler und einer israelischen Übersetzerin hat die Behörden in Aufruhr versetzt: Das Buch darf nicht Schullektüre werden, um „die Bewahrung der Volksidentität“ nicht zu gefährden.

          Was bisher geschah: Im vergangenen Juni brachte Israels Regierung die Theaterszene gegen sich auf, als sie entgegen allen prozeduralen Regeln die staatlichen Subventionen für das Haifaer arabische Theater Al-Midan kurzerhand strich. Der vom Erziehungs- und Kulturministerium erhobene Vorwurf, das Al-Midan-Stück „Parallelzeit“, das von palästinensischen Häftlingen in einem israelischen Gefängnis handelt, verehre „Soldatenmörder“, wurde zwar bald fallengelassen. Ermittlungen gegen das arabische Theaterhaus wurden dennoch eingeleitet, gefolgt von einer bürokratischen Hinhaltetaktik, deren Ziel es offensichtlich ist, Al-Midan finanziell auszutrocknen. Das Theater ist mittlerweile stark verschuldet und kämpft nun vor Gericht um die ihm zustehenden Zuschüsse. Im November hat es immerhin einen Etappensieg errungen: Die Stadt Haifa muss die unrechtmäßig eingefrorene finanzielle Unterstützung auszahlen. Über eine ähnliche Klage von Al-Midan gegen das Kulturministerium muss noch Israels Oberstes Gericht entscheiden.

          Nach dem Theater ist nun die Literatur ins Visier geraten. Und auch diesmal gibt das von dem ultranationalen Politiker Naftali Bennett geführte Erziehungsministerium die Richtung an. Zum Jahreswechsel hat es im Land Empörung mit seiner Entscheidung ausgelöst, den 2014 in Israel erschienenen und dort preisgekrönten Roman „Gader Chaja“ (Lebender Zaun) der israelischen Schriftstellerin Dorit Rabinyan nicht als Lektüre für den Literaturunterricht an Schulen zuzulassen. Das Werk war vom zuständigen Ausschuss schon abgesegnet worden.

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          Erzählt wird in dem Buch die Liebesaffäre zwischen einem palästinensischen Künstler und einer israelischen Übersetzerin. Obwohl die Geschichte in New York spielt und es für die Israelin Liat von Anfang an feststeht, dass es nur bei einer Affäre bleiben wird, hat das Buch die ranghohe Erziehungsbeamtin Dalya Fenig alarmiert. Sie begründet die Streichung des Werks aus der Liste empfohlener Schullektüren wie folgt: „Die Erzählung greift das Motiv unmögliche, verbotene Liebe auf. Jugendliche aber neigen zur Romantisierung und sind meistens nicht imstande, die Dinge von allen Seiten so zu betrachten, dass sie auch Aspekte wie die Bewahrung der Volksidentität und die Folgen einer Assimilation bedenken.“ Frau Fenig beruft sich darauf, dass intime Beziehungen zwischen Juden und Nichtjuden von „breiten Kreisen“ in der israelischen Gesellschaft als Bedrohung ihrer Identität gesehen würden.

          Die Art der Argumentation, die heftige Proteste im Land hervorrief, ließ den Verdacht aufkommen, dass dahinter kein anderer als Erziehungsminister Bennett stecke. Nicht ohne Grund: Dalya Fenigs ehemaliger Vorgesetzter Nir Michaeli, Leiter des sogenannten ministeriellen Pädagogik-Sekretariats, das über alle Lehrpläne wacht, war im Juli von Bennett entlassen worden. Ein Nachfolger wurde bislang nicht ernannt, die Abteilung betreut seitdem Dalya Fenig. In Michaelis Entlassung vermuteten Kritiker den Beginn einer politischen Flurbereinigung: Er war in rechten Kreisen als Linker markiert und hatte 2011 ein öffentliches Manifest mitverfasst, in dem angesehene Pädagogen vor zunehmenden rassistischen, nationalistischen Tendenzen im Erziehungssystem und der Gefahr für die Demokratie warnten.

          Bennetts Verhalten scheint diese Sorge zu bestätigen, denn er hat Dalya Fenig nicht nur Rückendeckung gegeben, sondern die Kritik an dem Roman noch zugespitzt. Darin würden israelische Soldaten zu Sadisten und Kriegsverbrechern gestempelt, moniert er: „Müssen wir Israels Kindern so etwas zum Lesen geben?“ Tatsächlich erfahren in dem Buch israelische Besatzungssoldaten Kritik, welche die Autorin dem Palästinenser Hilmi in den Mund legt. Die Kollektivstrafen, die dieser beschreibt, sind freilich längst aus israelischen Medienberichten bekannt, ebenso die von dem Protagonisten beklagten Fälle, in denen sich israelische Soldaten einen Spaß daraus machen, Palästinenser hebräische Lieder singen zu lassen.

          Um die Besatzungsthematik haben prominente Schriftsteller wie A. B. Jehoschua, Amos Oz, Zeruya und auch Meir Shalev, die die Entscheidung des Ministeriums laut kritisieren, bislang einen Bogen gemacht. Sie und einige Oppositionspolitiker sehen darin, vor allem mit Blick auf das Thema Liebesbeziehungen zwischen Juden und Arabern, einen rassistisch motivierten Zensurakt, der der Weltoffenheit der israelischen Gesellschaft entgegengesetzt und gerade auch in pädagogischer Hinsicht nicht hinzunehmen sei. Bewirkt hat all dies wie auch der Protest von Schullehrern, die nun mit ihren Schülern über das Buch diskutieren wollen, bislang kaum etwas - außer dass die Verkäufe des Romans sprunghaft gestiegen sind. Gestern hat das israelische Szene-Magazin „Time Out Israel“ als Protest ein Zwei-Minuten-Video von küssenden jüdisch-arabischen Paaren veröffentlicht.

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