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Israel und der Iran : Steht endlich auf und sprecht es offen aus

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Die Zukunft und das Schicksal des israelischen Volkes sind vor allem der Beurteilung durch Präsident Netanyahus extreme, rigide und kompromisslose Weltsicht unterworfen Bild: AFP

In Israel gibt es Angst vor einem Angriff des Landes auf Iran, aber man schweigt. Warum stehen nicht Minister und Vertreter der Streitkräfte auf und äußern sich frei? Ein Beitrag des israelischen Schriftstellers David Grossman.

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          Hier ein möglicher Ablaufplan: Israel greift Iran an - trotz des heftigen Widerstands von Präsident Barack Obama, der dringend darum bittet, dass Israel die Arbeit den Vereinigten Staaten überlassen möge. Warum? Weil Benjamin Netanyahu eine historische Geisteshaltung und eine historische Auffassung hat, laut der, einfach gesprochen, Israel eine „ewige Nation“ ist und die Vereinigten Staaten, bei allem nötigen Respekt, nur das Assur oder Babylon, das Athen oder Rom unserer Zeit sind. Soll heißen: Wir sind unsterblich, wir sind ein ewiges Volk, und sie, trotz ihrer Stärke und Macht, sind bloß vorübergehend und flüchtig.

          Sie haben engstirnige und unmittelbare politische und wirtschaftliche Anliegen: Sie sorgen sich über die Wirkung, die ein Angriff auf die Ölpreise und die Präsidentschaftswahlen haben wird, während wir, wie schon immer, im Reich des Ewigen Israels leben. Wir verfügen über ein historisches Gedächtnis, das gesprenkelt ist mit aufblitzenden Wundern und triumphalen Rettungen, die auf Logik und Wirklichkeit keine Rücksicht nehmen. Ihr Präsident ist ein Weichei, das daran glaubt, dass seine Feinde dasselbe rationale Denken wie er pflegten, während wir in den letzten viertausend Jahren in erbittertem Kampf mit den dunkelsten Mächten der Unterwelt und den finstersten menschlichen Absichten standen und deshalb sehr gut wissen, was nötig ist, um in diesen zwielichtigen Zonen zu überleben.

          Netanyahus Weltsicht unterworfen

          Einige werden dieses Bild beängstigend finden, aber der israelische Ministerpräsident dürfte es als zutreffende Beschreibung ansehen; er dürfte es sogar als eine Art Kompliment betrachten. Wie die Dinge stehen, genießt der Ministerpräsident die Unterstützung einer breiten Koalition und wird von keiner ernstzunehmenden Opposition belästigt. In gewisser Weise agiert er als ein autokratischer König Bibi, wie ihn das „Time Magazine“ genannt hat. Damit ist gemeint, dass, wenn schwerwiegende Entscheidungen getroffen werden müssen, die Zukunft und das Schicksal des israelischen Volkes vor allem der Beurteilung durch Netanyahus extreme, rigide und kompromisslose Weltsicht unterworfen sind.

          Mit anderen Worten: Selbst jene zahlreichen Israelis von überallher auf der politischen Landkarte, die nicht wollen, dass Israel Iran angreift, sitzen nun zusammen mit gewissen Sicherheitsexperten auf höchst fatale Weise in der Falle der hermetischen Weltsicht des Ministerpräsidenten.

          Autor David Grossman

          Dennoch hat Netanyahu loyale Partner in der Regierung, Menschen, die seine Auffassung Entscheidungen teilen sollen. Ihr Vorteil gegenüber dem Durchschnittsbürger liegt angeblich im „überlegenen Wissen“, weil sie im Besitz „aller Fakten und Erwägungen“ sind. Stimmt, so funktioniert eine demokratische Regierung, aber die Israelis haben aus böser Erfahrung gelernt, dass ihre Führer vor schwerwiegenden Fehlern nicht gefeit sind und dass sie wie jedermann - und vielleicht sogar noch etwas mehr - anfällig für Selbsttäuschungen sind und von der Euphorie der Falken mitgerissen werden.

          Deshalb, weil es um so eine schicksalsträchtige Sache geht, sind wir aufgerufen und verpflichtet, wieder und wieder zu fragen oder zumindest zu verlangen, dass die Entscheidungsträger sich selbst befragen und ehrlich antworten: Wissen die „Wissenden“ wirklich alles, was sie wissen müssen? Ist wirklich jemand befähigt, solch eine Entscheidung zu treffen? Ist jemand wirklich befähigt, „alle Fakten und Erwägungen“, die eine solche Handlung zur Folge hat, abzuwägen und zu kalkulieren?

          Sind die „Wissenden“ absolut sicher, dass sie die Fähigkeit der israelischen Verteidigungsstreitkräfte, das Problem einer iranischen Nuklearbombe ein für allemal zu lösen, nicht überschätzen und die iranischen Möglichkeiten nicht unterschätzen? Sind sie absolut sicher, dass Iran im Falle eines israelischen Angriffs die Bombe nicht bekommen wird oder dass sie, wenn sie die Bombe doch bekommen, sie gegen Israel einsetzen werden?

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