https://www.faz.net/-gqz-9u0we

Netanjahu nach Anklage : Der unterdrückte Sonnenkönig

  • -Aktualisiert am

Israels Premierminister Benjamin Netanjahu spricht bei einer Zeremonie. Bild: dpa

Israels Premier Netanjahu gibt sich in einer widersprüchlichen Rede als Ludwig XIV. Dabei wird er als eine verblasste Version von Kaiser Nero in die Geschichte eingehen, wenn er nicht bald von seinem Amt zurücktritt. Ein Gastbeitrag.

          3 Min.

          Am vorvergangenen Donnerstag, exakt um acht Uhr abends, erlebten wir eine Zeitenwende: Avichai Mandelblit, der israelische Generalstaatsanwalt, kündigte an, dass er Premierminister Benjamin Netanjahu wegen Betrugs, Bestechlichkeit und Untreue anklagen werde. Weniger als eine Stunde danach trat Netanjahu live im Fernsehen auf und sprach, während hinter ihm mehrere israelische Fahnen wehten, in verletztem, beleidigtem Tonfall, den er mit Pathos würzte.

          Jeder, der Netanjahus Rede als Antwort auf die Anklageerhebung begriff, konnte nicht anders als verwirrt sein. In Teilen seiner Ansprache gab sich Netanjahu ganz als Alfred Dreyfus – als schwaches und unterdrücktes Ideologie-Opfer, das für seine Überzeugungen von dem mächtigen Polizeiapparat und der Generalstaatsanwaltschaft verfolgt wird –, während er für den Rest der Rede mehr wie Ludwig XIV. klang – als kraftvoller, allmächtiger Staatschef, bei dem jedes Unterfangen, sein Schicksal von dem des Landes zu trennen, nicht weniger als eine böswillige Verschwörung wäre, in Gang gesetzt von sich selbst hassenden Juden, die die Vernichtung des jüdischen Staates betreiben.

          In neuen Bereichen des Absurden

          Die rhetorische Wirkung dieses paradoxen Cocktails ist fürwahr verstörend. Denn wenn Netanjahu wirklich dieser großartige Mann wäre, der, wenn man der Rede seines Sohnes Yair bei einem Privatempfang in New York glauben darf, bei Amtsantritt eine ausgegrenzte, scheiternde Nation, die sich mit dem Export von Apfelsinen über Wasser gehalten hat, vorfand, die er dann im Alleingang zur reichen und technologisch fortgeschrittenen, von der ganzen Welt bewunderten Supermacht machte, wie könnte dann solch ein mächtiger Staatschef derart hilflos angesichts der unpatriotischen Regierungsangestellten sein, die er doch selbst ernannt hat?

          Und wie könnte ein derart begabter Staatschef wie er, der 25 Jahre lang immer wieder als Premierminister gedient hat, davon zuletzt mehr als ein Jahrzehnt am Stück, in seiner langen Regierungszeit es schaffen, solch ein hinterhältiges linkskriminelles Justizsystem zu etablieren und bestehen zu lassen, das es wagt, so viele falsche Vorwürfe gegen den eigenen allmächtigen Premier zu erheben?

          Es gab etwas in Netanjahus widersprüchlicher Rede, das seine megalomanische, sich ständig verfolgt fühlende Persönlichkeit kristallklar zum Vorschein brachte. Der Staatschef einer Supermacht, der stundenlang darüber sprechen kann, dass Israel die einzige wahre Demokratie im Nahen Osten ist, behauptet gleichzeitig, ohne mit der Wimper zu zucken, dass jede einheimische Regierung unter Beteiligung von Israels arabischen Parteien ein „beispielloser nationalistischer Terrorangriff“ wäre, oder warnt, dass am Wahltag „die arabischen Wähler in Herden herauskommen“ würden.

          Begabt und brilliant

          Je fragwürdiger Netanjahus rechtliche Stellung wird, desto extremer prägt sich die vertraute bipolare Natur seiner Persönlichkeit aus, die zwischen dem aufgeklärten mächtigen Staatschef und dem verfolgten Diaspora-Juden oszilliert – was Netanjahu in neue Bereiche des Absurden führt.

          Deshalb kann ein amtierender Premierminister eine Anklage wegen mangelnder Ehrlichkeit und Vertrauenswürdigkeit als „versuchten Staatsstreich“ deuten, denn wenn Netanjahu und das Land ein und dasselbe sind, ist jede Klage gegen ihn doch ein Akt der Diffamierung des Landes und jeder Versuch, ihn hinter Gitter zu bringen, nicht weniger als ein übler Versuch, den Staat Israel zu verstümmeln, der, seines begabten und brillanten Premiers beraubt, aller technologischen Fähigkeiten wieder entkleidet und über Nacht auf den Status des gescheiterten apfelsinenpflückenden Landes der Vergangenheit zurückgeworfen würde.

          Wenn ich nur für einen Augenblick lang mit einem meiner beiden Premierminister sprechen dürfte – sei es Bibi, der vergötterte Oberste Kriegsherr, oder Benjamin, das hilflose jüdische Opfer, das für seine Überzeugungen verfolgt wird –, würde ich die Gelegenheit nutzen, egal wen von ihnen um dasselbe zu bitten: Bitte treten Sie von Ihrem Amt zurück, um das Land zu retten, das Sie doch angeblich so wertschätzen, entlassen Sie es aus Ihrem Würgegriff, der das Land zerreißt und Israel in einen dritten Wahlkampf zwingt, nach dem unvermeidlich nur das dritte Patt herauskommen wird.

          Die größte Fraktion in der gegenwärtigen Knesset, das blauweiße Bündnis, geführt von drei früheren Generalstabschefs unserer Armee, die Israel genau so sehr lieben wie Sie, hat doch schon erklärt, dass sie mit Freuden eine Koalition mit Ihrer Partei eingehen werde, wenn deren Führer nicht unter Anklage stehe. Also brauchen Sie nur Ihren Sessel zu räumen und Ihre Aufmerksamkeit dem Kampf um die eigene Unschuld zuzuwenden.

          Wenn Sie das tun, werden sowohl Ihre Anhänger als auch Ihre Feinde die Selbstlosigkeit dieser Handlung nicht abstreiten können. Aber wenn Sie das nicht tun, sollten Sie schon vorher wissen, dass Sie nicht als Israels Ludwig XIV. in die Geschichte eingehen werden, auch nicht als der zionistische Alfred Dreyfus, sondern als verblasste hiesige Version von Kaiser Nero – jenes selbstsüchtigen, skrupellosen Staatschefs, der es vorzog, verbrannte Erde zu hinterlassen, statt einem anderen Mann zu gestatten, seinen Platz auf dem Thron einzunehmen.

          Aus dem Englischen von Andreas Platthaus.

          Weitere Themen

          Verrat oder ein Zeichen von Größe?

          Regierungsbildung in Israel : Verrat oder ein Zeichen von Größe?

          Eigentlich hatte Oppositionsführer Benny Gantz im Wahlkampf versprochen, nicht in eine Regierung unter Ministerpräsident Netanjahu zu gehen. Jetzt hat er es doch getan – um Israel die vierte Wahl innerhalb weniger Monate zu ersparen.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.