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Israel, Juden und die SPD : Vom Kniefall zu vielen Versehen

Vor westlichen Kameras, westlichen Menschen verurteilt Arafat irgendwann Terror, ergänzt die Charta der PLO durch einen Satz, der die bösen Sätze, die da immer noch stehen, annulliert – vielleicht aus strategischen Gründen. Und im Jahr 2000 Camp David mit Bill Clinton und Ehud Barak. Ihr Angebot: beinah ganz Gaza, beinah das ganze Westjordanland und ein Teil Ostjerusalems als palästinensische Hauptstadt. Arafats Antwort: die Intifada. Statt zwei Staaten wieder mal Terror. Al-Aqsa-Brigaden, der bewaffnete Zweig der Fatah, töten eintausend Menschen. Und Arafat? Er sagt wieder einmal, dass Terror schlecht ist, doch bezahlt ihn. Bis zu 50.000 Dollar im Monat gibt die Fatah den Al-Aqsa-Märtyrern, das ergeben Recherchen der BBC im Jahr 2003.

Wäre das in Deutschland denkbar?

Der Mann mit dem Kopftuch ist aber auch der Mann mit dem Friedensnobelpreis, so könnte man Steinmeiers Verneigung verteidigen. Oder auch so: Der kleine Grabmal-Ausflug war Diplomatie, Palästinensern sollte er zeigen, dass man ihre Ikonen auch achtet. Andererseits: Müsste Steinmeier dann, wenn er Russland besucht, einen Kranz für Stalin ablegen? Das wäre etwas zu viel. Israel kann man mit anderen Ländern auch nicht vergleichen.

Der Mann mit dem Kopftuch ist auch der Mann mit dem Nobelpreis: Graffiti von Jassir Arafat am Qalandia-Checkpoint.

Besser den israelischen Ministerpräsidenten vergleichen: April 2017. Sigmar Gabriel besucht Israel, besucht die Organisation Breaking the Silence, Netanjahu sagt dann das Gespräch mit Gabriel ab. Die „Süddeutsche Zeitung“ vergleicht: „Kollision mit Wladimir Tayyip Netanjahu“. Das muss man nicht kommentieren, doch den Fall Gabriel-trifft-Breaking-the-Silence besprechen. Zwar kriminalisiert die israelische Nichtregierungsorganisation mit ihrer oft schlecht recherchierten Kritik die ganze Armee, doch sie beweist, dass die Demokratie Israels, auch unter einem machtliebenden, Sara-Netanjahu-verliebten und der Korruption nicht abgeneigten Premier vieles erträgt. Wäre in Deutschland, das anscheinend auch einige nicht so saubere Soldaten bezahlt, etwas wie Breaking the Silence denkbar, erträglich? Nach Martin Schulz sicher nicht; der sagte, dass ein Generalverdacht gegen die Bundeswehr skandalös sei. Das heißt, dass Sozialdemokraten etwas von Israel fordern, was sie in Deutschland nicht zulassen wollen.

Wieder so ein Versehen

Doch zurück zu dem Tag der „Kollision“: Da erscheint in der „Frankfurter Rundschau“ Gabriels sozialdemokratische Interpretation der Schoa. „Sozialdemokraten waren wie Juden die ersten Opfer des Holocaustes“, schreibt er. Was Holocaust ist, weiß Gabriel sicher. So ist das, was er schreibt, eine echte, ernsthafte Einforderung der Opferrolle für sich, für seine Partei. Oder doch ein Versehen? Schon wieder? Ja, sagte das Auswärtige Amt, die „Frankfurter Rundschau“ korrigierte den Gabriel-Satz, und man konnte sich auf den Rest konzentrieren, der davon handelte, dass Juden es in Europa schwer hatten. „Deshalb sollten wir Besucher aus Deutschland auch Vertreter eines pluralen Europas sein und Botschafter der Wertegemeinschaft des Westens.“

Die westlichen Werte, die die israelischen Orientalen noch lernen müssen, die kennt die Fatah, das sagte die SPD ohne Versehen 2012. Nachdem eine Fatah-Delegation Andrea Nahles besucht hatte, veröffentlichte die SPD eine Erklärung. Da stand, dass die Parteien „gemeinsame Werte“ hätten und „gemeinsame Ziele“. Selbstverständlich gab es Kritik. Selbstverständlich antwortete auch Sigmar Gabriel, sagte, dass er die Kritik nicht verstehe. Da kannte er sich im Nahen Osten schon aus, hatte ein halbes Jahr vor dem Nahles-Fatah-Dialog Hebron besucht und über israelische Untaten auf Facebook geschrieben: „Das ist ein Apartheid-Regime, für das es keinerlei Rechtfertigung gibt.“ Der Gedanke an Südafrika, der sich mit dem Wort Apartheid in den Kopf bohrt, diesen Gedanken wollte Gabriel natürlich nicht wecken, das schrieb er später. Wieder so ein Versehen.

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