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Islamismus : Dschihad auf dem Bildungsweg

  • -Aktualisiert am

In der Ditib-Moschee in Köln-Ehrenfeld trafen sich im Januar 2019 führende Vertreter aus dem Aktionskreis der Muslimbruderschaft Bild: EPA

Islamistische Verbände wollen Europa über Bildung und Erziehung erobern. Ihr Ziel sind Gottesstaaten unter Scharia-Justiz. Ihr Netzwerk wächst.

          5 Min.

          Schon Anfang des Jahres hatte der französische Präsident Emmanuel Macron angekündigt, an den „islamistischen Separatismus“ verlorene Gebiete der Republik zurückzuerobern. Nach dem Mord an dem Lehrer Samuel Paty, der im Unterricht Mohammed-Karikaturen behandelt hatte, nimmt diese Ankündigung Gestalt an. Neben etlichen Vereinen und Moscheen stehen nun auch islamische Bildungseinrichtungen und der bislang erlaubte Hausunterricht im Visier des Staates. Wie sich herausstellte, wurde Letzterer vielfach dazu genutzt, Kinder in inoffizielle islamische Schulen zu schicken.

          Damit gerät ein zentraler Bereich islamistischer Propaganda in Europa ins Scheinwerferlicht: die Erziehung von Kindern und Jugendlichen. Sie ist seit jeher eines der wichtigsten Anliegen politisch-islamischer Organisationen. Schon der Gründer der Muslimbruderschaft, Hasan al-Banna, sah in der islamkonformen Anleitung der jungen Generation eine der wichtigsten Aufgaben seiner Bewegung. Auch der aktuelle Chefideologe, Yusuf al-Qaradawi, zählt es zu den größten Erfolgen der Muslimbruderschaft, „für die islamkonforme Erziehung ganzer Generationen gesorgt zu haben“. Der französische Innenminister benannte die Muslimbruderschaft nach dem Pariser Attentat neben den Salafisten explizit als ideologischen Gegner der Republik.

          In Europa arbeitet die Muslimbruderschaft schon seit Jahrzehnten und von der Öffentlichkeit weitgehend unbeachtet am Aufbau von Bildungsstrukturen. Im Kampf um die propagierte Wiedererlangung islamischer Dominanz in der Welt sehen Islamisten in Kindern und Jugendlichen die Keimzellen einer Transformation hin zu Gesellschaften, die auf islamischen Regeln gründen. Die „Islamisierung Europas“ ist leider keine Verschwörungstheorie rechtsextremer Kreise. Revanchistische Vorstellungen wie die Rückforderung einst eroberter Gebiete für den Islam, etwa Spanien (al-Andalus), Sizilien, Israel oder ehemaliger osmanischer Gebiete kursieren nicht nur unter IS-Anhängern, sondern sind Bestandteil islamischer Herrschaftsideologien, von der Muslimbruderschaft bis zu Erdogans neoosmanischen Großmachtphantasien. Bis heute hat sich keine Organisation der Muslimbruderschaft von den fünf Leitsätzen ihres Gründers distanziert: „Gott ist unser Ziel. Der Prophet ist unser Führer. Der Koran ist unsere Verfassung. Der Dschihad ist unser Weg. Der Tod für Gott ist unser nobelster Wunsch.“

          Bildungsinstitutionen in Europa

          1990 beschloss der Dachverband muslimbrudernaher Organisationen in Europa FIOE (Federation of Islamic Organisations in Europe) die Gründung einer eigenen Hochschule zur Ausbildung islamischer Prediger und Religionslehrer in Europa. Zwei Jahre später öffnete im nordfranzösischen Château-Chinon das Institut Européen des Sciences Humaines (IESH) seine Tore. Wenn man vom Lehrfach „Arabisch anhand des Korans“ absieht, umfasst das Curriculum ausschließlich religiöse Inhalte. Der Name „Institut für Humanwissenschaften“ soll offenbar die islamische Ausrichtung des Instituts verschleiern. Nähert man sich dem Gebäude, trifft man allerdings auf ein Schild, auf dem in Arabisch „Europäische Fakultät für Islamische Studien“ zu lesen ist. Wie so oft im islamistischen Diskurs unterscheidet sich die Kommunikation nach außen von jener nach innen.

          In den folgenden Jahren wurden weitere Dependancen gegründet, sowohl in Frankreich selbst als auch in Großbritannien, Irland und Finnland. 2012 schließlich eröffnete in Frankfurt ein deutscher Ableger, das Europäische Institut für Humanwissenschaften (EIHW). Diese Gründung geht auf eine Initiative der Islamischen Gemeinschaft Deutschlands (IGD) zurück, die sich inzwischen in Deutsche Muslimische Gemeinschaft (DMG) umbenannt hat. Der IGD wurde vom Verfassungsschutz als „wichtigste und zentrale Organisation von Anhängern der ,Muslimbruderschaft‘ in Deutschland“ bezeichnet. Die besagten Institute bieten auch Online-Studien an. Die Prüfungen müssen laut Curriculum allerdings in einem von vierzehn europäischen Prüfungszentren absolviert werden. Auf die Frage, wo sich diese Zentren befinden, erklärte der Dekan des Frankfurter EIHW, Khaled Hanafy, nichts von derartigen Einrichtungen zu wissen.

          Der Islamwissenschaftler Aladdin Sarhan erkennt in der Gründung des Frankfurter Instituts das Bestreben der IGD (DMG), eine Alternative anzubieten zum staatlich geförderten Vorhaben, Imame und muslimische Theologen an deutschen Universitäten auszubilden. Laut hessischem Verfassungsschutz dient das Institut der Verbreitung der Muslimbruder-Ideologie und kann als Kaderschmiede für Muslimbruder- und DMG-Funktionäre betrachtet werden.

          Aufruf zur Eroberung

          Ein Blick auf das Führungspersonal des Instituts legt diese Einschätzung nahe. Der Vorsitzende des Trägervereins, Khallad Swaid, ist gleichzeitig Präsident der Deutschen Muslimischen Gemeinschaft (DMG). Der schon erwähnte Dekan des Instituts, Khaled Hanafy, war oder ist in mehreren Institutionen tätig, die der Muslimbruderschaft zugerechnet werden. So war er etwa bis 2017 Vorsitzender des Rates der Imame und Gelehrten in Deutschland und ist bis heute stellvertretender Generalsekretär des European Council for Fatwa and Research, dem europäischen Fatwa-Rat. Dieser ist die ideologische Zentrale der Bruderschaft in Europa mit Sitz in Irland und einem Ableger in Deutschland.

          Angesichts dieser Personalüberschneidung wundert es nicht, dass das Online-Curriculum des IESH die Fatwas des Fatwa-Rats als „hilfreiche Quellen“ bezeichnet. Unter den Literaturempfehlungen finden sich auch Werke des Spiritus Rector der Muslimbruderschaft, Yusuf al-Qaradawi. Die Gründung des Fatwa-Rats geht auf dessen Initiative zurück, bis 2018 saß er diesem vor. Qaradawi wurde in Europa unter anderem dadurch bekannt, dass er Hitler für den Mann hält, dem es gelungen sei, „die Juden zurechtzuweisen“. Im Holocaust sieht er eine göttliche Bestrafung. In einem Interview mit dem arabischen Nachrichtensender Al Dschazira brachte er die Hoffnung zum Ausdruck: „So Gott will, wird diese [Bestrafung, Anm. der Red.] das nächste Mal durch die Hand der Gläubigen erfolgen.“ Auch in Sachen islamischer Eroberung vertritt Qaradawi eine klare Position: „Ich erwarte, dass der Islam Europa erobern wird, ohne zum Schwert oder zum Kampf greifen zu müssen – mittels Dawa und durch die Ideologie. Die Muslime müssen zu handeln beginnen, um diese Welt zu erobern.“

          Der Dekan des Frankfurter Instituts, Hanafy, bestreitet auf Nachfrage, dass an seinem Institut Werke al-Qaradawis und Gutachten des Fatwa-Rats verwendet werden, räumt dem widersprechend aber ein, dass einzelne Gutachten „von den Studenten kritisch analysiert“ würden.

          Krieg gegen die „Ungläubigen“

          Der europäische Fatwa-Rat hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Anwendung islamischer Normen auf europäische Verhältnisse zu übertragen, also hier lebenden Muslimen Ratschläge zu erteilen und Fatwas zu erstellen. Wer sich die Texte Qaradawis, insbesondere sein berühmtes Buch „Erlaubtes und Verbotenes im Islam“, und die Gutachten des Fatwa-Rats näher ansieht, wird schnell bemerken, dass es nicht darum geht, Muslime bei der Integration in europäische Gesellschaften zu unterstützen.

          Die Islamgelehrten des Fatwa-Rats legen besonderen Wert auf die deutliche Unterscheidung von Muslimen und „Ungläubigen“. Besonders anschaulich zeigt sich das auf kollektivistischen Vorstellungen basierende religiöse Freund-Feind-Denken in einer Fatwa, die die Frage behandelt, ob Glaubensabtrünnige (Apostaten) getötet werden müssen. Der Fatwa-Rat verteidigt in seinem Gutachten ausdrücklich das Recht islamischer Staaten, Apostaten nach der Scharia zu verurteilen und hinzurichten. Zwar komme dieses Recht allein islamischen Regierungen zu, es handele sich aber um eine prinzipiell gerechte Strafe, weil die Abwendung vom Islam eine Gefahr für die Gemeinschaft sei.

          Sodann führt der Fatwa-Rat einen Vergleich an, der seine extremistische Position offen zutage treten lässt: Auch die modernen Rechtsstaaten bestraften den Tatbestand des Hochverrats, heißt es in der Erläuterung. Apostasie wird also mit Hochverrat gleichgesetzt. Nach dieser Auffassung ist automatisch jeder, der die religiöse Gemeinschaft verlässt, ein Feind des islamischen Staats- und Gesellschaftswesens. Zugleich offenbart die Auslegung, dass die Gelehrten des Rates alle nicht-muslimischen Gesellschaften letztendlich als feindlich betrachten. Wie würden Öffentlichkeit und Politik reagieren, wenn völkisch-nationalistische Gruppierungen dem autochthonen Teil der Bevölkerung Ratschläge für das völkisch korrekte Leben und das Zusammenleben mit dem Rest der Gesellschaft erteilen würden?

          Seit 2016 arbeitet in Rüsselsheim ein Ableger des europäischen Fatwa-Rats, der sich Fatwa-Ausschuss Deutschland nennt. Seit April 2019 können Fatwas auch über eine eigene App angefragt und abgerufen werden. Hier schließt sich der Kreis zum Frankfurter Europäischen Institut für Humanwissenschaften, war es doch kein anderer als dessen Dekan, Khaled Hanafy, der die Fatwa-App auf einer Messe in Paris präsentierte. Dass eine islamistische Bewegung ihre Ideologie über Institutionen und eigene Hochschulen wie das EIHW in Frankfurt ungestört verbreiten kann, ist vielleicht das eigentliche Problem. Die französische Regierung hat sich nun auf den Weg begeben, es zu lösen. Der Rest Europas sollte ihrem Beispiel folgen.

          Die Autoren sind Historiker und Politikwissenschaftler. Heiko Heinisch ist zudem Mitglied des wissenschaftlichen Beirats der österreichischen Dokumentationsstelle Politischer Islam

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