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Islamisten und die NPD : Etwas mehr Kopftuch auch für deutsche Mädel

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Deutscher Boden, islamische Erde

Das Auswärtige Amt berief sich 1939 in einem Runderlass über „Die Judenfrage als Faktor der Außenpolitik“ ausdrücklich auf Rosenberg: „Die Erkenntnis, daß das Judentum in der Welt stets der unversöhnliche Gegner des dritten Reiches sein wird, zwingt zu dem Entschluß, jede Stärkung der jüdischen Position zu verhindern. Ein jüdischer Staat würde aber dem Weltjudentum einen völkerrechtlichen Machtzuwachs bringen.“ Solches Gedankengut ist eine der Hauptsäulen des nazistisch-islamistischen Brückenschlags. Aufgrund der Vorstellung, dass jedem Volk sein Raum zustehe, in dem es seine spezielle Kultur entfalten könne, ist beiden Seiten eine Allianz des „deutschen Bodens“ mit der „heiligen islamischen Erde“ gegen die als „wurzellos“ betrachteten Staatsnationen Israel und Vereinigte Staaen diskutabel.

Diese Annäherungen reichen bis in die Parteispitze der NPD. Anlässlich des Irak-Krieges ergriff NPD-Chef Udo Voigt auf einer Veranstaltung der mittlerweile verbotenen islamistischen Organisation Hisb ut-Tahir das Wort. Deren Sprecher Shaker Assem betonte anschließend, der Islam sei keine Bedrohung für Deutschland: „Je gläubiger die Muslime sind, desto stärker ist ihr Bestreben, in ihre Heimatländer zurückzukehren.“ Die Errichtung islamischer Gottesstaaten käme also der von der NPD angestrebten „nationalen Revolution“ zugute.

„Vermischung“ ausgeschlossen

Allerdings ist solch ein deutsch-islamisches Bündnis noch eine Kopfgeburt. Denn trotz aller Überschneidungen wird die Grenze der nazistisch-islamistischen Annäherung durch den Rassismus der Neonazis definiert. Kenner der Szene wie der Hamburger Publizist Andreas Speit weisen auf die Vermittlungsschwierigkeiten der geopolitischen Phantasien der Parteistrategen gegenüber der Basis hin. Auch das Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung beobachtet längst Unmut an der Basis. In Chatrooms von Neonazis wird darüber debattiert, ob man jetzt „Araber mögen“ müsse, weil man „gegen Juden“ sei. Doch schließt die NPD eine dauerhafte Präsenz des Islam in Deutschland aus. Als „Deutscher“ könne man nur geboren werden, „Vermischung“ sei ausgeschlossen. Die „rassischen Hauptträger“ des Islam seien „Orientalen“, formuliert es ein Strategiepapier der Partei in NS-Diktion. In Europa bleibe er „Feindreligion“, seine Anhänger „Landbesetzer“. Ein Konzept, das euphemistisch als „Ethnopluralismus“ bezeichnet wird, soll die Gesellschaft auf ihre ethnische Partikularität zurückwerfen.

Längerfristig strebt die NPD selbst den Konflikt an, für sie folgt die „Entislamisierung“ Europas direkt der „Entamerikanisierung“. Doch selbst für „Ausländer raus“-Parolen gilt der Islam als ein hervorragendes Vehikel. Als „positive Integrationsbremse“ trage er zum „ethno-biologischen Erhalt der Deutschen“ bei, da er die Muslime absondere und so ihren späteren Rauswurf vereinfache. Daher wünscht man sich bis zur „gezielten Ausländerrückführung“ möglichst „viel Koranfestigkeit“ deutscher Muslime.

Die Sympathien deutscher Neonazis für islamistische Strömungen gelten also nur aus der Ferne, im Rahmen eines taktischen Bündnisses zur Wiedergeburt des „Deutschen Reichs“. Diese globale Strategie vereinfacht jedoch nicht gerade die lokale Agitation gegen einen Moscheebau. So berichten die Bergedorfer „Kameraden“ von der Äußerung eines Passanten, der sie nicht widersprechen konnten: „Was habt ihr gegen die Moschee, das ist der beste Schutz gegen eine Synagoge.“

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