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Islamismus : Der Fall Ates

  • -Aktualisiert am

Umstrittene Symbolfigur: Seyran Ates Bild: dpa

Als Anwältin kämpfte Seyran Ates gegen Zwangsehen, Ehrenmorde und häusliche Gewalt in Migrantenfamilien. Dann kapitulierte sie vor Beschimpfungen und Morddrohungen: ein Triumph der Islamisten über den Rechtsstaat.

          Eine Weile lang deutete manches auf ein integrationspolitisches happy end hin. Seyran Ates, die deutsch-türkische Frauenrechtlerin, umstrittene Symbolfigur des Kampfes gegen Zwangsehen, Ehrenmorde und häusliche Gewalt in Migrantenfamilien, werde ab Januar wieder als Anwältin in Berlin tätig sein, hieß es zuversichtlich. Damit wäre ihr Rückzug im vergangenen Sommer, ihre Kapitulation vor fortwährenden Beschimpfungen, vor Morddrohungen und zuletzt vor einer massiven körperlichen Attacke, nicht ungeschehen gemacht. Der Schock aber, dass eine angesehene Juristin mitten in der deutschen Hauptstadt nicht ungefährdet ihrem Beruf nachgehen kann, dass sie, ein „Organ der Rechtspflege“ wie alle Anwälte, sich dem Druck von Extremisten beugen musste, dieser Schock wäre durch eine Wiederzulassung vielleicht abgeklungen.

          Die Entscheidung von Seyran Ates, im August ihre Anwaltszulassung zurückzugeben und mit ihrer kleinen Tochter unterzutauchen, hatte bundesweit Entsetzen und Empörung ausgelöst (Rückzug muslimischer Anwältin löst Bedauern aus). „Das darf nicht wahr bleiben“, hieß es damals einhellig von Politikern und Kollegen. Aber es ist wahr geblieben.

          Sie traut sich wieder auf die Straße

          Immerhin, Frau Ates geht es besser. Sie war buchstäblich krank vor Angst geworden, kurz nachdem sie im Juni 2006 vor den Türen des Berliner Familiengerichts vom frischgeschiedenen Gatten einer Mandantin tätlich angegriffen worden war. Kreislaufzusammenbrüche folgten, Panik-Attacken, posttraumatisches Stresssyndrom. Das ist, sagt sie, vorbei. Seyran Ates, die 1963 in Istanbul geboren wurde und seit 1969 in Berlin lebt, sitzt in einem italienischen Restaurant am belebten Hackeschen Markt und trinkt Pfefferminztee. Sie traut sich wieder hinaus auf die Straße, sie hält Vorträge, ist Mitglied der Islam-Konferenz von Innenminister Schäuble, hat die „Idomeneo“-Aufführung in der Deutschen Oper besucht, schreibt an einem neuen Buch, ihrem zweiten nach der Autobiographie „Große Reise ins Feuer“. Aber immer noch zögert sie, ihre Wiederzulassung als Anwältin zu beantragen. Sie wisse nicht, wie es weitergehen soll. „Ich schiebe“, räumt sie ein, „die Entscheidung vor mir her.“

          In einigen Wochen soll Seyran Ates der Margharita-von-Brentano-Preis der Freien Universität Berlin verliehen werden, eine mit elftausend Euro dotierte Auszeichnung, die es ihr ermöglichen würde, ihre praktische juristische Arbeit zu Problemen wie Zwangsehen oder Ehrenmorden an der FU auch wissenschaftlich zu ergänzen. Zudem gab es gelegentlich Meldungen, sie werde in eine größere Kanzlei eintreten, die besseren Schutz, kollegialen Rückhalt, eine funktionierende Infrastruktur bieten könne. Doch das, sagt Frau Ates, sei einstweilen nur ein „Gedankenspiel“. Es habe im Sommer viele Appelle und Solidaritätsbekundungen gegeben, erklärt auch Jutta Wagner, die Präsidentin des Deutschen Juristinnenbundes, selbst Anwältin in Berlin. Wirklich konkrete Angebote seien jedoch nicht darunter gewesen. So wie bisher könne sie nicht weiterarbeiten, sagt Seyran Ates, als Einzelkämpferin, mit einer Überwachungskamera vor der Kanzleitür und regelmäßigen Morddrohungen. „Das ist unmöglich. Ich bin nicht mehr allein. Ich muss mein Kind schützen.“

          Der Mörder lebt wohl in Berlin

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