https://www.faz.net/-gqz-t05e

Islamische Reaktionen auf den Papst : Die Macht des Wortes

Aufgebrachte Ägypter protestieren in einer Moschee Bild: dpa

Während muslimische Organisationen in Deutschland eher gemäßigt auf die umstrittenen Islam-Zitate Papst Benedikts antworten, sind die Reaktionen aus Ägypten und Pakistan um so heftiger - wie im Karikaturenstreit.

          4 Min.

          Die islamischen Reaktionen auf die Vorlesung des Papstes am vergangenen Dienstag in der Universität von Regensburg erinnern an den Karikaturenstreit: Sie kommen leicht verzögert, dafür fallen sie drastisch, konzertiert und international aus. Zwei Tage nach dem Zitat, mit dem Benedikt XVI. sich dahingehend geäußert hat, daß gegen die Vernunft zu handeln dem Wesen Gottes zuwiderlaufe und dies mit einem Zitat des Kaisers Manuel II. über den Islam auskleidete, gab der Chef der türkischen Religionsbehörde, Ali Bardakoglu, den Tenor vor, indem er dem Papst eine „Kreuzfahrermentalität“ attestierte. Er tat dies an dem Tag, an dem Bundeskanzlerin Angela Merkel in Walldorf den türkischen Medienkonzern Dogan Media besuchte und sich hartnäckigen Fragen zum EU-Beitritt der Türkei ausgesetzt sah.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Während die Einlassungen muslimischer Organisationen in Deutschland eher gemäßigt ausfallen, sind die Reaktionen aus Ägypten und Pakistan um so heftiger - wie im Karikaturenstreit. Das pakistanische Parlament verabschiedete einstimmig eine Resolution, die davon spricht, daß der Papst mit seinem „abschätzigen Bemerkungen“ über die Philosophie des „Heiligen Krieges“ (Dschihad) „die Gefühle der muslimischen Welt“ beleidigt habe. Für die „feindlichen“ Äußerungen habe er sich zu entschuldigen. Hinter der Resolution steht die islamistische Partei Jamaat-i-Islami, deren Sprecher ergänzte, daß die Rede des Papstes die bemerkenswerte Einigkeit zwischen Christen und Muslime konterkariere, die diese in der Verurteilung der „israelischen Aggression im Libanon“ gezeigt hätten.

          „Ein falsches Verständnis“

          In Ägypten äußerte sich der Anführer der Muslim-Bruderschaft, Mohammed Mahdi Akef, ähnlich und sagte, die Worte des Papstes, „drücken ein falsches Verständnis des Islam aus“. Doch muß man wissen, daß die Muslim-Bruderschaft, die auch in Deutschland aktiv ist und hier etwa 1300 Anhänger haben soll, den „Heiligen Krieg“ im Sinne eines bewaffneten Kampfes durch den Koran legitimiert und für eine nach ihren Dafürhalten „wahre islamische“ Staatsordnung eintritt - insofern muß sie sich von den Bemerkungen Bendikt XVI. in der Tat getroffen fühlen.

          Zentralrat der Muslime : „Konstruktiver Dialog statt Konfrontation“

          Der Vorsitzende des Aussschusses für Religionsdialog im ägyptischen Parlament, Fawi Zezzaf, nannte den Papst gar einen „Lügner“ und warnte, daß schon die Mohammed-Karikaturen der dänischen Zeitung „Jyllands-Posten“ eine wütende Antwort „der muslimischen Massen“ ausgelöst hätten: „Was wird wohl die Reaktion auf derartige Aussagen sein?“

          Haken al Mutairi, der Chef der Partei der Islamischen Gemeinschaft, meinte, der Papst reihe sich mit seiner Äußerung „in den Krieg ein, den der Westen gegenwärtig gegen die muslimsiche Welt führt, wie in Afghanistan, im Irak und im Libanon“. Der Katarer Scheich Jussef al Qardawi, der mit seinen Predigten und religiösen Unterweisungen unter anderem auf dem Nachrichtensender Al Dschazira den Ton angibt, sagte, die Muslime seien berechtigt, „wütend“ über die Worte des Papstes zu sein und sich angegriffen zu fühlen.

          Aufmacher bei Al Dschazira

          Weitere Themen

          Ein koordinierter Aufschrei

          Israelische Nationalbliothek : Ein koordinierter Aufschrei

          Die israelische Nationalbibliothek in Jerusalem war zwei Wochen lang geschlossen und ist jetzt wieder geöffnet. Neben der Corona-Pandemie hat sie auch eine politische Blockade in die Krise gebracht. Geschichte einer Erregung.

          Mein Land brennt

          FAZ Plus Artikel: Feuer in Kalifornien : Mein Land brennt

          Für die neue Trockenheit, die sich in Kalifornien ausbreitet und die Brände auslöst, sind wir verantwortlich. Wir können das ändern. Denn wir haben die Wahl. Ein Gastbeitrag.

          Topmeldungen

          „Catcalling“: Sexistische Sprüche, die manchen Frauen auf der Straße zugerufen werden

          „Catcalling“ : Mach mich doch nicht an!

          Rufe, Pfiffe, dumme Sprüche: „Catcalling“, die verbale Belästigung auf offener Straße, ist für viele junge Frauen Teil ihres Alltags. Jetzt wehren sie sich.
          Prominenz ohne Abstand auf der Ehrentribüne des FC Bayern: unter anderem mit Ehrenpräsident Uli Hoeneß und Präsident Herbert Hainer (rechts daneben)

          Aufregung um FC Bayern : Münchner Eigentor

          Dass die Funktionäre des selbstverliebten FC Bayern ganz offensichtlich gegen das Hygienekonzept der Bundesliga verstoßen und sich so Millionen Menschen präsentieren, ist unfassbar naiv. Oder eine gezielte Provokation?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.