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Islamische Mode : Nicht immer der alte Schleier

Da wollen westliche Modehäuser doch auch mithalten: Präsentation „islamischer Bademode“ in Istanbul Bild: Panos Pictures / VISUM

Frankreich streitet um islamische Mode, die nun auch westliche Designer entwerfen: Dient sie allein dem Verhüllungszwang, oder schafft sie Freiräume?

          In Frankreich leben mehr Muslime als in jedem anderen europäischen Land. Das stellt die Grande Nation des Laizismus immer wieder vor Herausforderungen: Politiker und Intellektuelle suchen den richtigen Umgang mit den Kleidungsgewohnheiten der Musliminnen. Bisher endete das meist im Verbot. Seit 2011 sind Burkas untersagt, religiöse Symbole an Schulen, also auch Kopftücher, seit 2004. Jetzt werden Rufe nach einem Verbot islamischer Kleidung laut. Doch das, was westliche Designer darunter verstehen, ist schwer als religiös motiviert zu identifizieren, so dass der französische Weg hier erstmals scheitern dürfte: Der Begriff islamische Mode dient vor allem Marketingzwecken und wird vielfältig ausgelegt.

          Mit der Kleidung bedeckt der Mensch seine Blöße - und gibt sich eine neue. Denn kein Kleidungsstück ist ohne Aussage; mindestens besagt es, dass sich hier jemand Mühe gebe, keine Aussage zu treffen. Es muss also nicht das Dirndl sein, es reicht das graue T-Shirt, um etwas über den Menschen darin zu verraten. Das ist der Segen der Mode, und es ist ihr Fluch. Denn sich über seine Kleidung auszudrücken und sie daher gezielt auszuwählen bedeutet auch: auf alles, was zum Selbstbild nicht passt, zu verzichten. Vorausgesetzt ist selbstverständlich, dass es diese Ausdrucksfreiheit gibt und keine sanktionierte Kleiderordnung - für Frauen -, wie sie in islamischen Ländern herrscht.

          Die Aufgabe der Modeindustrie ist es, für jedes Selbstbild die richtige Kleidung zu liefern. Manche Designer schneidern nur für schlanke Frauen. Manche entwerfen, was als islamische Kleidung gilt. Die Kollektionen richten sich an Musliminnen, die sich als modisch, aber auf traditionelle Art religiös verstehen - und daher darauf verzichten, kurze Röcke und enge Jeans zu tragen.

          Pierre Bergé, Mitbegründer des Modehauses Yves Saint Laurent, warf den Designern vor, sie seien „Komplizen einer Diktatur, die Frauen dazu zwingt, sich zu verstecken“. Seine Kollegen sollten auf das Geld verzichten, das auf diese Weise zu verdienen sei, bat der Fünfundachtzigjährige. Die Ministerin für Frauen und Sport, Laurence Rossignol, verstieg sich auf den Hinweis hin, manche Frauen verhüllten sich schließlich freiwillig, zu der Aussage: „Es gab auch amerikanische Neger, die für die Sklaverei waren.“ Später entschuldigte sich Rossignol für ihre Wortwahl, blieb jedoch bei ihrer Forderung nach einem Verbot für islamische Mode. Die Philosophin Élisabeth Badinter sagte in „Le Monde“, die Toleranz gegenüber Verhüllungen wende sich nun gegen die muslimischen Frauen, denen man ursprünglich zu helfen geglaubt habe. Einzig das Gesetz könne sie von dem Druck zur Verschleierung befreien, unter dem sie stünden.

          Diese Diskussion lässt die Modefirmen jedoch völlig kalt: Der Markt geht dahin, wo das Geld ist. DKNY war das erste große westliche Unternehmen, das diesen Bereich erschließen wollte. 2014 offerierte es eine Ramadan-Kollektion, fließende Stoffe, weite Hosen, geschlitzte Röcke - nicht aufreizend, aber auch nicht gerade betont defensiv. Tommy Hilfiger zog ein Jahr später nach mit einer Kollektion, die elegante Kleider und Röcke in Schwarz und Petrol an die Frau bringen wollte. Sie alle sind bodenlang. Aber auch eine knallenge Jeans fand das Unternehmen passend. Inzwischen führen auch Net-a-Porter, Zara, Oscar de la Renta und Mango islamische Mode. Die Entwürfe zeigen keine nackten Schultern oder Beine, doch sie betonen zumeist die Taille. Die religiöse Zuschreibung ist auf den ersten Blick nicht erkennbar. Das stellt die Forderung nach einer legislativen Lösung vor Probleme: Wie sollte man diese Art islamischer Mode verbieten, ohne das Verdecken von Knien im Allgemeinen zu verbieten? Die Kleider würden sich ganz sicher auch hierzulande in den Modeketten gut verkaufen, landeten jedoch direkt in den orientalischen Ländern, auf die sie zugeschnitten waren. Bei fast allen gibt es einen Bezug zum Fastenmonat Ramadan, aber nicht aus religiösen Gründen. Der Ramadan mit seinen feierlichen Essen im Familienkreis wurde in den letzten Jahren mehr und mehr zum Anlass für Konsumräusche.

          Marks & Spencer ging unterdessen viel weiter als DKNY mit einem Burkini, einem Ganzkörperbadeanzug, der sogar die Knöchel der Hände und Füße bedeckt. Dieser allenfalls körpernahe blaue Anzug mit Blumenmuster auf der Brustpartie macht die Abstufung zwischen Männern und Frauen in der islamischen Welt besonders deutlich: Männer tragen im Schwimmbad keine spezielle Kleidung. Damit steht der Burkini deutlicher für die Verhüllung des weiblichen Körpers als jeder bodenlange Mantel.

          Nach von Thomson Reuters erhobenen Finanzdaten lohnt sich der Markt für die Modeunternehmen. 2013 gaben Muslime weltweit 266 Milliarden Dollar für Kleidung und Schuhe aus. Das meiste Geld fließt in den Vereinigten Arabischen Emiraten, Saudi-Arabien und der Türkei. Es wird geschätzt, dass es 2019 schon 484 Milliarden Dollar sein werden. Denn die junge, konsumfreudige Zielgruppe wächst rasch nach: Gegenwärtig sind 62 Prozent der Muslime jünger als dreißig Jahre. Für 2030 wird erwartet, dass 29 Prozent aller jungen Leute muslimisch sind. Aus ökonomischer Sicht wäre es geradezu fahrlässig, wenn die Modebranche sich darauf nicht einstellte.

          Allerdings definieren nicht alle Musliminnen ihren Kleidungsstil über ihre Religion. Und selbst unter jenen, die es tun, herrscht Vielfalt. Zu islamischer Kleidung zählt nicht nur das Kopftuch oder der Tschador, sondern auch der Salwar Kamiz, die Kombination aus Hose, langem Hemd und Schal, die etwa in Indien häufig getragen wird - sowohl von Frauen als auch von Männern. Auch die Strenge der Verhüllung wird unterschiedlich gehandhabt: Die Kollektionen von Tommy Hilfiger und Zara dürften strenggläubigen Muslimen ebenso wenig gefallen wie der Gedanke, den Fastenmonat Ramadan zum Shopping zu nutzen. So können die westlichen Designer zumindest behaupten, im Konsumverhalten zu Feiertagen neue Gemeinsamkeiten der Religionen geschaffen zu haben.

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