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Islamdebatte in der Schweiz : Schüler verweigern Lehrerin weiter den Handschlag

Zur Begrüßung gibt man sich die Hand, auch wenn es sich bei „man“ um Frau und Mann handelt, in Schweizer Schulen zumal. Zwei aus Syrien stammenden Schüler aber verweigern ihren Lehrerinnen den Gruß. Bild: dpa

Die Freude über das achtbare Auftreten der eigenen Mannschaft bei der EM hat die Gruß-Affäre in der Schweiz verdrängt. Bis jetzt. Denn nun sind die beiden Schüler im arabischen Sender Al Dschazira aufgetreten.

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          Während der EM war das Thema Islam in der Schweiz bislang eher am Rande präsent. Es ging um die Spieler vom Balkan und die Intensität ihrer Verbindung zur Schweiz, für die sie in Frankreich spielten. Xherdan Shaqiri, der Schütze des vielleicht schönsten Tores der EM, sprach den Loyalitätskonflikt offen an: „Was ist, wenn mich das Kosovo zum Spielführer der Nationalmannschaft machen will?“ Mit dem Ausscheiden ist diese Debatte vorerst vom Tisch.

          Jürg Altwegg
          Freier Autor im Feuilleton.

          Dafür hat Al Dschazira nun dafür gesorgt, dass man wieder über die beiden Schüler aus Therwil spricht, die ihren Lehrerinnen aus religiösen Gründen den Handschlag verweigern. Der Nachrichtensender hat einen der beiden sowie den Vater interviewt. Anlass war das Burkaverbot, das im Tessin am 1. Juli in Kraft trat. Viele Touristen aus arabischen Ländern hätten deshalb ihre Buchungen storniert, erklären Hoteliers. Sie leiden schon unter dem starken Franken. Die Bußen für Frauen, die Burka tragen, sind hoch, ein Unternehmer hat angeboten, sie zu bezahlen.

          Leitkultur, Euro-Islam, Willkommenskultur

          Auch das Verbot von Minaretten erwähnt Al Dschazira – beide Maßnahmen wurden wie der Brexit per Volksabstimmungen beschlossen. In der Version des Interviews, die online zu sehen ist, ist es wie ein Werbespot geschnitten. Der Interviewte wird wie ein Whistleblower inszeniert: nur die untere Hälfte seines Gesichts ist zu sehen, man soll ihn ja nicht erkennen. Die Schweiz erscheint im Gespräch als islamfeindliches Land. Der Auftritt hat dazu geführt, dass sich die Medien des Landes wieder für den Fall interessieren. Seit einem Monat gab es nichts Neues, Stand damals: Die Regierung des Kantons besteht auf dem Handschlag und droht mit Strafen. Stand heute: Die Ferien haben begonnen, der ältere Bruder fällt nicht mehr unter die Schulpflicht und verweigert wie der jüngere den Handschlag weiterhin. Geschehen ist nichts.

          Der albanischstämmige Xherdan Shaqiri schoss für das Schweizer Nationalteam ein Traumtor gegen Polen.
          Der albanischstämmige Xherdan Shaqiri schoss für das Schweizer Nationalteam ein Traumtor gegen Polen. : Bild: AP

          Die „Basler Zeitung“ hat recherchiert und berichtet, dass sich die Behörden nicht äußern wollten. Doch die möglichen Sanktionen sind bekannt: Strafgeld bis 5000 Franken, Ausschluss aus der Schule zunächst für acht Wochen, dann definitiv. Zwei ganze Zeitungsseiten stellte die „Basler Zeitung“ am Donnerstag dem deutschen Islam-Experten Bassam Tibi zur Verfügung. Er spricht den „Judenhass der Araber“ und ihren „Sexismus“ an. Titel des Interviews: „Diese Männer denken, deutsche Frauen sind Schlampen.“

          Die Zeitung verweist darauf, dass Tibi in Deutschland die Begriffe „Leitkultur“ und „Euro-Islam“ geprägt habe. Tibis Einlassungen enthalten durchaus auch bedenkliche Passagen. Er darf sich ein bisschen als Opfer von Merkels „Willkommenskultur“ und vermeintlicher Denkverbote im Lande profilieren. Seit den Ereignissen in der Kölner Silvesternacht, sagt er, bekomme er „sehr langsam die Freiheit, seine Sorgen zu äußern“, zurück. Dafür räumt man ihm in der Schweiz gerne zehn Spalten ein. Selbstverständlich ohne jede Absicht, Bassam Tibi im Dienste der Schweizerischen Volkspartei zu instrumentalisieren.

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