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Islam-Kritikerin Hirsi Ali : Ich werde nicht die Klappe halten

  • -Aktualisiert am

Ayaan Hirsi Ali in Berlin Bild: dpa/dpaweb

Theo van Gogh wurde wohl nur deshalb ermordet, weil der Mörder sie nicht erreichen konnte. Doch Ayaan Hirsi Ali zeigt keine Angst. In Berlin attackierte die Politikerin Islamisten und die Feiglinge des Westens.

          „Ich halte Muslime nicht für Schafe. Sie etwa?“ Ayaan Hirsi Ali, die prominenteste Kritikerin des Islam, pflegt eine klare Sprache. Jeder ihrer Sätze sitzt und kommt ohne Ornament aus.

          „Muslime sind vernunftbegabte Individuen. Sie müssen sich nicht hinter der islamischen Doktrin verstecken. Und sie brauchen auch keinen bevormundenden Schutz durch europäische Politiker und Intellektuelle.“ Muslime müssen keine Fahnen und Menschen verbrennen, keine Hände abhacken und keine Schwulen und Lesben ermorden. Sie können durchaus auch friedlich gegen Karikaturen vorgehen, die sie nicht mögen. Sie können demonstrieren oder klagen. Muslime, sagt Ayaan Hirsi Ali, können auch anders.

          Sie wurde zur Heldin

          Denn sie konnte anders. Als Tochter eines strenggläubigen Muslims aus Mogadischu, der sich aus religiösen Gründen nach Saudi-Arabien ins Exil begab, kann sie auf einen der erstaunlichsten Lebenswege der jüngsten Zeit zurückblicken, von der zwangsverheirateten,verstümmelten Tochter zu einer der meistgefährdeten Frauen der Welt. Theo van Gogh wurde wohl nur deshalb ermordet, weil der Mörder sie nicht erreichen konnte. So ist sie auch noch zur Heldin geworden.

          Und nun? Ruft sie nicht zur Mäßigung auf, sondern geht einen Schritt weiter. Beschützt von einer kleinen Armee von Leibwächtern, stellt sie sich in Berlin vor die Weltpresse und lächelt. Ohne äußeres Anzeichen von Nervosität. Sie ist die Ruhe selbst. Sie ist viel zu gut erzogen und stilsicher, um den Ausdruck zu benutzen, aber die Botschaft, die sie vermittelt, ist klar: Sie hält viele europäische Politiker und Kommentatoren für Waschlappen.

          Eine Stadt des Optimismus

          Um Europa an seine eigenen Stärken zu erinnern, ist sie in die deutsche Hauptstadt gekommen. „Berlin ist eine Stadt des Optimismus“, erklärt sie dem guten Dutzend Kamerateams aus ganz Europa. „Hier stand die Mauer, die die Menschen in den Grenzen eines kommunistischen Staates festhielt. Hier fokussierte sich der Kampf um die Herzen und Seelen der Bürger. Dissidenten konnten hier Filme machen, Cartoons zeichnen und ihre Kreativität einsetzen, um den Westen davon zu überzeugen, daß Kommunismus weit davon entfernt war, das Paradies auf Erden zu sein.“

          So sieht Hirsi Ali die Lage. So wie damals: „Heute wird die offene Gesellschaft durch den Islamismus herausgefordert. Er geht zurück auf einen Mann namens Mohammed Abdullah, der im siebten Jahrhundert lebte und als Prophet gilt. Viele Moslems sind friedliche Menschen, nicht alle sind Fanatiker. Soweit es mich angeht, haben sie jedes Recht der Welt, ihrem Glauben treu zu bleiben. Aber es gibt im Islam eine Bewegung von Hardlinern, die die Demokratie zerstören will.“ Und weiter: „Es geht in diesem Konflikt nicht um Rasse, Hautfarbe oder das kulturelle Erbe. Dies ist ein Konflikt der Ideen, der Grenzen und Rassen transzendiert.“

          „Der Prophet war im Unrecht“

          Hirsi Ali nennt sich eine Dissidentin. Sie kennt die andere Seite. Sie wurde als strenggläubige Muslima erzogen und war davon überzeugt, daß es gerechtfertigt sei, Salman Rushdie zum Tode zu verurteilen. „Heute glaube ich das nicht mehr. Ich glaube, daß der Prophet im Unrecht war, als er sich und seine Ideen über kritisches Denken gestellt hat. Ich glaube, daß der Prophet Mohammed unrecht hatte, als er die Frauen den Männern unterordnete. Der Prophet war im Unrecht, als er bestimmte, daß Schwule getötet werden müssen. Der Prophet war im Unrecht, als er gesagt hat, daß Abtrünnige getötet werden müssen. Er war im Unrecht, als er sagte, daß Ehebrecher ausgepeitscht und gesteinigt werden müssen. Und daß man Dieben die Hand abschlagen muß. Er war im Unrecht, als er sagte, daß die, die für Allah sterben, mit dem Eintritt ins Paradies belohnt werden. Er war im Unrecht, als er behauptete, auf seinen Ideen könne man eine gute Gesellschaft aufbauen. Der Prophet hat gute Dinge gesagt und getan. Er hat zur Barmherzigkeit ermutigt. Aber ich möchte die Position verteidigen, daß er auch respektlos und gefühllos denen gegenüber war, die anderer Meinung waren als er.“

          Wir wissen, daß sie für jeden dieser Sätze neue Morddrohungen zu gewärtigen hat. Um so lächerlicher erscheinen ihr allfällige Entschuldigungen bei den radikalen Moslems oder Aufrufe zur Mäßigung. „Wer soll sich mäßigen? Die Karikaturisten haben nur ihre Arbeit getan. Solche Aufrufe, auch die Appelle an die ,soziale Verantwortung der Medien' transportieren doch nur die eine Botschaft: Haltet die Klappe. Und genau das werde ich nicht tun.“ Da strahlt sie. Sie lobt daher ausdrücklich den dänischen Ministerpräsidenten, der sich nicht entschuldigte, sondern den Protestierenden die Demokratie erklärte. Und sie kritisiert Reaktionen wie die des niederländischen Premiers Balkenende, der nach dem Mord an Theo van Gogh die Blasphemiegesetze novellieren wollte.

          Ihr Hohn gilt einem Weltkonzern wie Nestle, der sich beeilte, in Anzeigen der arabischen Welt zu versichern, keine dänische Milch zu verarbeiten und überhaupt ein schweizerisches Unternehmen zu sein. „Nestle-Schokolade wird seitdem nie mehr so schmecken wie früher, nicht wahr?“ Der Westen, sagt Hirsi Ali, hat viel zu lange islamische Diktaturen unterstützt. Der Weg hin zur offenen Gesellschaft auch in muslimischen Ländern wird lang sein, aber er ist möglich. Ihr Appell ist auch ein Glaubensbekenntnis in die Fähigkeiten der Muslime in der Welt, sich zu ändern, allein und ohne Bevormundung durch westliche Feiglinge.

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