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Islam-Debatte : Wie der Salafismus in unsere Welt kam

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Kampf gegen die katholische Kirche

Das Bündnis zwischen dem Deutschen und dem Osmanischen Reich zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts bedeutete, dass das wilhelminische Deutschland im Unterschied zu nahezu allen anderen europäischen Mächten nicht versuchte, das Kalifat zu schwächen. Doch in früherer Zeit hatte deutscher Verdruss über einen angeblich „autoritären Despoten“ im Ausland die Regierung durchaus schon einmal veranlasst, die Religionsfreiheit der Bürger im Inland einzuschränken.

Nach der Reichsgründung kämpfte Bismarck ein Jahrzehnt lang gegen die katholische Kirche wegen der Bestellung von Bischöfen und Pfarrern durch Rom. Der Staat behielt sich das Recht vor, sein Veto gegen Nominierungen einzulegen, die in seinen Augen die öffentliche Ordnung bedrohten, und sorgte dafür, dass neun von zwölf preußischen Bistümern ohne Bischof und 1400 Pfarreien ohne Pfarrer blieben.

Spezielle Kurse mit zertifizierten Abschlüssen

Mitte der 1880er Jahre wurden die diskriminierenden Gesetze des Kulturkampfes zurückgenommen, die - ähnlich der heutigen Versuchung, solche Bande zu lösen - eine unhaltbare Politik darstellten, weil sie der sozialen Realität der Bevölkerung im neugegründeten Deutschen Reich nicht entsprach. In die Weimarer Verfassung wurden dann religionsfreundliche Artikel aufgenommen, die bis heute Bestand haben. Berlin ist gegenwärtig führend im Import türkischer Imame und Lehrer, die sich an der spirituellen Betreuung und religiösen Erziehung deutscher Muslime beteiligen. Tatsächlich verbessern die Türkei und andere Staaten wie Algerien und Marokko ständig ihren Islamexport nach Europa.

Dazu gehören spezielle, vor der Abfahrt zu absolvierende Kurse in Sprache und Kultur des Gastlandes und mit zertifizierten Abschlüssen versehene Bildungsgänge, in denen europäische Muslime für ihren spezifischen Kontext geschult werden. Die deutschen Behörden wissen dieses Personal aus der Türkei zu schätzen, auch wenn sie durchaus vernünftige Pläne hegen, vielfältige Netzwerke islamischen Wissens und religiöser Einrichtungen in Deutschland selbst zu entwickeln.

Warum die Ditib wichtig ist

Doch der gegenwärtige Lärm um islamischen Fundamentalismus und der Hohn auf die Person Präsident Recep Tayyip Erdogans drohen inzwischen zu politisieren, was eigentlich eine klinische Entscheidung über die Art von Islam sein sollte, dessen Gedeihen man fördern möchte. Angesichts der Ankunft von mehr als einer Million Flüchtlingen mit islamischem Hintergrund in Deutschland ist es indessen noch dringlicher, dass der türkische Islam des türkisch-islamischen Dachverbandes Ditib neben zahllosen anderen Angeboten religiöser Dienstleistungen eine wichtige Stellung behält. Dazu müsste die deutsche Öffentlichkeit davon überzeugt werden, dass den religionspolitischen Beziehungen zur türkischen Regierung auch in absehbarer Zukunft eine wesentliche Bedeutung zukommen wird.

Es ist richtig, von Ditib und allen sonstigen inländischen islamischen Vereinigungen zu verlangen, dass sie sich an die Gesetze und Vorschriften des Landes halten, aber es wäre kontraproduktiv, die Verbindungen im Bereich des Personals, des Gebets und der religiösen Unterweisung abzuschneiden. Wer das bezweifelt, sollte sich den aktuellen Aufstieg des Wahabismus in Bosnien-Hercegovina anschauen.

Im einundzwanzigsten Jahrhundert lauert nicht Saudi-Arabien hinter dem Vakuum, sondern der IS samt einem virtuellen Universum sozialer Medien. Die europäischen Reiche des letzten Jahrhunderts konnten kaum vorhersehen, welche Wirkung ihre Eingriffe ein Jahrhundert später auf den weltweiten Islam haben würden, doch die heutigen europäischen Nationalstaaten sollten es besser wissen. Wer die Geschichte nicht kennt, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.

Zum Autor

Jonathan Laurence ist Professor für Politikwissenschaft am Boston College, an dem er über das Verhältnis von europäischer Politik und Staatsreligion forscht.

Aus dem Englischen von Michael Bischoff.

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