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Islam-Debatte : Wie der Salafismus in unsere Welt kam

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Das Problem mit dem salafistischen Wahabismus

Die daraus erwachsene „Fitna“ sorgt dafür, dass die politische Stabilität - und die militärische Unabhängigkeit von nichtmuslimischen Mächten -, welche die sunnitischen Muslime der Region einst genossen, unerreichbar geworden sind. Die ehedem von Istanbul ausgehende spirituelle Führung ist heute zersplittert und auf mehr als ein Dutzend Nationalstaaten verteilt - und wird überdies entschieden von transnationalen nichtstaatlichen Akteuren wie Al Qaida und dem IS in Frage gestellt. Dieser Dissens spiegelt sich auch im gestörten religiösen Leben vieler Millionen Muslime, die heute in Westeuropa leben und ursprünglich aus derselben Region stammen.

Wie erwarben Salafismus und Wahabismus die Autorität, großen Teilen zweier Generationen europäischer Muslime ihre Ansichten einzupflanzen? Ebenjene europäischen Mächte, die in den 1970er und 1980er Jahren zu Einwanderungsländern wurden, luden die in Saudi-Arabien beheimatete Islamische Weltliga ein, in ihren Ländern Moscheen zu bauen, Imame zu finanzieren und freie Koranschulen einzurichten. All das im Rahmen einer auf Ölverkäufen basierenden Transaktionsbeziehung.

Das geschah oftmals auf Kosten von Angeboten Marokkos, der Türkei und Algeriens, eine an den westeuropäischen Kontext angepasste Alternative bereitzustellen. Zu Beginn des einundzwanzigsten Jahrhunderts standen in Europa mehr marokkanische Imame in den Diensten des saudischen als des marokkanischen Königs. Saudi-Arabien finanziert in Frankreich heute noch vierzehn Imame jährlich. Europäische Muslime fanden den Weg zu einem am salafistischen Wahabismus ausgerichteten Islam, weil ihre politischen Repräsentanten bedenkenlos ihren Beitrag zu den für die Verbreitung extremer Ideologien ausgegebenen Milliarden leisteten.

Europa hat nichts für Muslime getan

Vor einer ähnlichen Wahl für das spirituelle Leben der europäischen Muslime stehen die westeuropäischen Länder heute mit Blick auf die Rolle Ankaras, Rabats und Algiers, und mehrere Länder sind dabei, den historischen Fehler vom Beginn des letzten Jahrhunderts zu wiederholen. Wieder einmal versuchen Regierungen, das religiöse Zentrum an seiner Quelle zu enthaupten: den islamischen Gesandten der Herkunftsländer. Im Jahrzehnt nach dem 11. September bemühte man sich durch allerlei Anerkennungs- und Koordinierungsmaßnahmen hektisch um eine Formalisierung des Verhältnisses zwischen Staat und Islam mit dem Ziel, die europäischen Muslime vor den aus der Golfregion eindringenden religiösen Ideologien abzuschirmen.

Die europäischen Staaten taten sonst kaum etwas, um das religiöse Leben der Muslime zu erleichtern oder sie in die bestehenden Strukturen des Verhältnisses zwischen Kirche und Staat einzubinden. Der ganze Konsultationsprozess wurde überschattet von einem tief verwurzelten Misstrauen gegenüber den von den Regierungen der Herkunftsländer angebotenen religiösen Dienstleistungen, wodurch jungen Muslimen legitime Argumente vorenthalten wurden, die sie gegen extremistische Ideen hätten vorbringen können.

Erst kürzlich erreichte diese Politik einen Höhepunkt. Das österreichische Parlament verabschiedete 2014 ein Gesetz, das die Finanzierung von Einrichtungen durch die Türkei und die Entsendung religiösen Personals untersagt - ein fernes Echo der Entscheidung Österreich-Ungarns vor einhundert Jahren, das Kalifat in Bosnien-Hercegovina durch ein von Wien gebilligtes islamisches Oberhaupt (Schaich al-Islam) zu ersetzen. In diesem Sommer verabschiedete das belgische Parlament ein ähnliches Gesetz, und deutsche Politiker fordern seit Monaten ein Ende des türkischen Einflusses auf den europäischen Islam. Die EU finanzierte kürzlich ein journalistisches Projekt zur Entlarvung der „türkischen Marionetten“.

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