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Iran : Zurück zur Revolution: Was Ahmadineschad antreibt

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Seine Worte sorgen für Wirbel: Ahmadineschad Bild: dpa/dpaweb

Ahmadineschads Worte über Israel und den Holocaust waren genau berechnet. Irans Präsident lebt von und mit der Verheißung des nahen Gerichts: das Psychogramm eines brandgefährlichen Mannes.

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          Was treibt Mahmud Ahmadineschad, der seit dem vorigen August Staatspräsident der Islamischen Republik Iran ist? Seine nach außen bedrohlich anmutenden Äußerungen über Israel und den Zionismus, seine Relativierungen oder gar Leugnungen des Holocaust häufen sich zu sehr, als daß man sie als bloße „Ausrutscher“ eines in der internationalen Politikszene Unerfahrenen abtun könnte. Ahmadineschad war, bevor er Präsident wurde, unter anderem Bürgermeister der Hauptstadt Teheran. Als solcher war er tüchtig.

          Es war gleichwohl eine Überraschung, die sogar bei vielen Iranern als Schock aufgenommen wurde, als nicht Ali Akbar Rafsandschani, der reiche, machtgeübte und korrupte, aber allen wohlvertraute Mullah, der schon einmal als Staatspräsident amtiert hatte, bei den Präsidentenwahlen im vorigen Jahr gewann, sondern ebendieser Ahmadineschad, der noch immer aussieht wie jene „islamischen Studenten auf der Linie des Imams“, die 1979 die amerikanische Botschaft besetzten, nur entsprechend älter.

          Die Erniedrigten und Beleidigten

          Bis heute ist nicht erschöpfend geklärt, warum gerade er gewann. Doch sagen viele, in seiner Person hätten sich ebenjene wiedererkannt, die seinerzeit die Revolution am entschiedensten gewollt und getragen hätten: die „Mostazafin“ genannten kleinen Leute und ärmeren Schichten, die „Erniedrigten und Beleidigten“, die sich von Ahmadineschad eine Rückkehr zu den Prinzipien der revolutionären Anfänge versprächen. In einem Regime, das heute so korrupt ist wie selten zuvor, wäre manches davon tatsächlich dringlich, obzwar man bezweifeln kann, daß es geschieht. Aber eine Veränderung im politischen Gefüge ist zweifelsohne eingetreten. Auch entlud sich bei jenen, die gar nicht abstimmten, viel Enttäuschung über jenen „liberalen“ Staatspräsidenten Seyyed Mohammad Chatami, der zwar manche Lockerungen eingeführt hatte, am Ende jedoch mit all seinen Reformvorhaben für eine dynamische islamische Zivilgesellschaft doch scheiterte.

          Auf einem undatierten Jugendfoto

          Daß seither wieder ein anderer Wind weht, ist noch nicht so sehr auf den Straßen und Plätzen der Städte zu bemerken, da haben sich die kleinen Freiheiten - etwa bei den Frauen, wenn sie unter dem Kopftuch „Haar zeigen“ dürfen - erhalten; doch im Regime selbst sind die reformerischen Kräfte einstweilen kaltgestellt worden. Im Parlament saßen schon vorher fast nur Hardliner. Ahmadineschad nahm jetzt an vierzig diplomatischen Vertretungen ein Revirement vor, um Leute seiner Couleur zu installieren. Offenbar galten ihm die vorigen Botschafter in diesen Hauptstädten als zu offen, wohingegen er die „Authentizität“ des islamischen Systems wahren will, das er gefährdet sieht. Diese Wahrung erhoffen sich auch jene, die ihn wählten. Die anderen fürchten nun die endgültige Isolierung ihres Landes. Dies freilich kümmert einen frommen Schiiten wie Ahmadineschad, der auch die Eschatologie in die Politik einbaut und während der UN-Vollversammlung nach eigenen Angaben religiöse „Visionen“ hatte, zunächst weniger.

          Kollektive Ausgrenzung

          Die Geschichte des Schiitentums kreist um die kollektive Ausgrenzung: vor allem im Islam selbst, wo die Schiiten seit der Frühzeit die Mentalität der „underdogs“ annehmen mußten und sie verinnerlichten. Diese kontrastiert übrigens mit einem Überlegenheitsgefühl über die Araber, die einen zwar erobert haben, aber kulturell von den am Ende schiitisch gewordenen Persern immer nur lernen konnten und dominiert wurden.

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